Unterscheidung der Geister. Gedanken zu Islam, Integration und Islamkritik

Islam und Islam:
Man muss nicht lange nach tagespolitischen Anlassen zu fragen, um über den Islam und die Islamkritik(er) zu diskutieren. Das Video über Mohammed, die Debatte um die religiöse Beschneidung von Jungen oder die Karikaturen Aktion von PRO NRW.
Wenn man sich jedoch die Debatte um das Thema Islam genauer ansieht, so stellt man fest, dass sie schwerwiegende Mängel aufweist. Mir scheint als sehe man Wald voller Bäume nicht mehr. Daher muss man eine gründliche Unterscheidung der Geister bei dem Islam und bei den Islamkritikern vornehmen, um ein klares Bild zu sehen.
Zuerst einmal der Islam. Der große Fehler liegt darin, dass man Ethnie und Religion vermischt. Das gilt sowohl für die Verteidiger des Islam, die bei jeder Kritik laut „Rassismus“ und „Xenophobie“ rufen. Aber auch die Islamkritikern denken in ethnischen Kategorien, wenn sie Gewalt von Ausländern, Masseneinwanderung und Asylmissbrauch mit dem Islam in Verbindung bringen. So als ob Leistungslosigkeit und Missbrauch der Sozialversicherung eine sechste Säule des Islams wäre. Wobei doch klar sein sollte, dass islamische Terroristen nicht hier her kommen, um unsere Sozialsysteme zu plündern, sondern als Kämpfer los ziehen und Anschläge verüben.
Um ein klares Bild zu erhalten, muss man zwei Erscheinungsweisen des Islam in Deutschland und in Europa unterscheiden. Die erste wurde bereits angesprochen: der Islam der Einwanderer. Der andere ist ein nicht-ethnischer Islam, der hier mit dem Arbeitsbegriff „theologischer Islam“ bezeichnet werden soll.
Beim ethnischen Islam geht es nicht primär um Religion, sondern um nationale Identität. Ähnlich wie in Nordirland, auf dem Balkan oder in Indien. Mit der Gleichung Ethnie = Religion wird die Religion zum Mittel nationaler Identifikation. Das sieht man z.B. in Irland, wo die gälischstämmigen Iren Katholiken sind und ihren Katholizismus als nationale Identität definieren, unabhängig von der Gläubigkeit oder Nichtgläubigkeit der Einzelnen.
Das gleiche Phänomen sehen wir in Deutschland. Denn das große Problem der Migranten liegt nicht primär – zwar auch – in der Sprache, sondern in der nationalen Identität. Die französischen Migranten aus West- und Nordafrika sprechen französisch. Trotz dessen gibt es Integrationsprobleme. Das Problem liegt darin, dass sie sowohl hier als auch in ihren Herkunftsländer Ausländer sind. Das heißt der türkischstämmige Migrant ist hier ein Türke, in der Türkei ein „Deutschländer“. Ihm werden zwei negative Identitäten gegeben, aber nur eine positive: Muslim. Wenn also Identität gesucht wird, dann im Islam. Aber nicht wegen dem Islam, d.h. wegen theologischer Gründe, sondern wegen nationalen. Man sucht nationale Identität und der Islam ist die Religion der Herkunftsländer. Es erlaubt eine Integration in das nationale Erbe der Heimatnation. Die Sprache des Islam (z.B. Umma als religiöse Nation) verstärkt dies, ebenso die politischen Teile dieser Religion. Das heißt also, gerade weil man Religion und Nation gleichsetzt, aber in der Heimatnation nicht akzeptiert wird, geht man eben über die Religion.
Davon zu unterscheiden ist „theologischer Islam“, der nicht viel mit Ethnie zu tun hat. Ein Pierre Vogel sucht keine nationale Identität, als Mensch zwischen zwei Kulturen – denn er ist ja ein Deutscher.
Nun könnte man auf das berühmte Zitat von Erdogan hinweisen, dass es nur einen Islam gäbe und es ist richtig. Der ethnische Islam ist eine Schöpfung von Migranten in einer fremden Welt, als Mittel zur Identität, als Band zum Land der Väter. Der Islam ist ebenso wenig ethnisch wie der Katholizismus der Iren, die Orthodoxie der Serben oder der Protestantismus weißer Angelsachen in den USA. Leider vergisst das oft genug die Islamkritik und wendet sich gegen den ethnischen Islam, obwohl sie den theologischen meint. Das erklärt auch, warum Muslime und Verteidiger bei Islamkritik Xenophobie rufen, eben weil sie die Trennung von Ethnie und Religion nicht vollzogen haben; weil sie nicht begriffen haben, dass der Islam keine Nationalreligion ist, so sehr sich auch einige als ethnische Muslime gebärden.
Solange eine solche Trennung im Kopf nicht passiert ist – solange die Islamkritiker nicht ständig Islam und Asylmissbrauch in einen Topf werfen und solange Verteidiger der Islam nicht ständig von Muslimen als Ethnie reden – solange hat Islamkritik oder auch die Kritik daran keine Chance und keine reale Basis, weil man über ein anderes Feld redet, nämlich die Einwanderung, die mit dem Islam aber nur mittelbar zu tun hat, wenn man sieht, dass auch Osteuropäer oder andere Asiaten nach Deutschland kommen.

Zur Islamkritik:

Interessant ist zudem die Gleichheit im Stil zwischen Moslems und Islamkritikern. „Die“ Medien würden generalisieren und sowieso nur Propaganda senden; man selbst sei die kleine verfogte Minderheit im Angesicht eienr dummen Mehrheit. Die Muslime reden von Rassismus und Islamophobie, die Islamkritiker von linken Medien, Gutmenschen und politischer Korrektheit.

Dieser Fall zeigt etwas, was Muslime und Islamkritiker verbindet: den Begriff des Opfers und der repressiven Mehrheit.

Das vermeintliche oder tatsachliche Daseins als verfolgte Minderheit prägt viele politische Bewegungen: Alternativökonomen rufen gegen die Mainstream-Ökonomie, die FPÖ redet seit Haider von der bösen Propors-Mehrheit und die Verschwörungstheoretikern von den Loggen, die die Welt beherrschen.
Mir scheint, dass bei einiger Islamkritik auch die Identitätssuche mitschwingt, die mit dem Opferbegriff zusammenhängt. Die Suche von Europäern nach ihrer Identität. Jahrzehntelanger Relativismus, Multikulti und das Schuldigsein (entweder wegen dem Holocaust oder dem Kolonialismus) haben Europa seine Identität genommen – binnen einer kurzen Zeit. Mir erscheint als teilweise so, als stelle man dem ethnischen Islam eine ethnische Islamkritik entgegen. Die FPÖ macht es mit Sprüchen wie „Heimatliebe statt Marrokkaner-Diebe“ vor. Ich sagte bereits, dass eine vernünftige Islamdebatte nur stattfinden kann, wenn man den ethnischen Rahmen überwindet, wenn man sich auch nicht ständig Zitate an den Kopf wirft – seien sie nun von Erdogan, dem Papst oder aus Koran und Bibel – sondern sich die Grundsätze vor Augen führt. Etwas was ebenso in der Debatte um z.B. Reformen in der Katholische Kirche oder rund um den Kapitalismus fehlt. Das Grundsätzliche erhellt den Blick für das Partikulare.
Und da ich gerade, dass Christentum anspreche – bzw. die Katholische Kirche deren Mitglied ich bin – so muss man sich doch dem nationalen Missbrauch dieser Religion entgegenstellen. Das Christentum ist weder die Western Religion noch eine politische Ideologie, wie sie viele interpretieren. Jesus wollte mit dem Gleichnis von den Arbeitern nicht den Mindestlohn begründen und die Wohltätigkeit Christi ist auch kein Aufruf zum Sozialismus.Christus brachte uns – um theologisch zu sprechen – nicht eine politische Lehre, sondern die Erlösung. So sehr der Christ sein Land liebt und sich um es sorgt, so mehr muss ihm doch klar sein, dass das Reich Christi nicht – wie der Shl. Kardianl Newman sagt – „eine Weltanschauung oder Philosophie [ist]. Nein. Christi Reich war ein Gegenreich.“ So sehr der Christ also Patriot sein mag, so mehr muss er doch wissen: im Verhältnis zur Ewigkeit des Menschen ist der Staat und die Nation einen Augenblick. Oder um es mit C.S. Lewis zu sagen: „Dem Christen hingegen ist der einzelne Mensch wichtiger, denn er lebt ewig; Rassen, Zivilisationen und dergleichen sind daneben Eintagsfliegen.“ Daher müssen sich Christen und christliche Islamkritiker auch davor hüten ein ethnisches Christentum hochzuziehen. Wenden wir uns wieder dem politischen zu, denn schließlich gibt es eine nicht geringe Zahl von atheistischen Islamkritikern, die den Islam ebenso wie alle Religionen für eine Geisteskrankheit halten.
Für die gesamte Islamkritik gilt die Rechtsstaatlichkeit, die ich oft misse. Denn einer der Hauptsätze des Rechtsstaates kommt von Hobbes: „non veritas sed auctoritas facit legem“ (Nicht Wahrheit, Autorität macht das Recht) Ein Staat der ein Rechtsstaat sein will, hat nicht das Recht die Abschaffung des Islam, Ausweisung von Muslimen zu fordern oder zu verlangen die Sozialhilfe für Salafisten zu kürzen, weil es Salafisten sind. Bei solchen Aussagen verhalten sich einige Islamkritiker wie die Muslime: sie beginnen über die Unverschämtheit und Boshaftigkeit der entsprechenden Leute zu schimpfen. Die Muslime kritisieren die Muslimfeindlichkeit von Filmemacher und die Islamkritiker den Extremismus der Salafisten und fordern ein Verbot. Der Rechtsstaatler muss aber sagen, dass es egal ist, ob Salafisten Sozialhilfe beziehen, dass es egal ist, ob es vielleicht ethnisch unmoralisch ist Filme zu drehen, die Religionen beleidigen. Aber der Staat beurteilt nicht die Gesinnung, sondern die Taten. Darum heißt es in Artikel 20, Abs. 4 Grundgesetz „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen“ und nicht „Gegen jeden, der die diese Ordnung ablehnt.“
Weil das so ist, ist das Verbot von Minaretten, Koranschulen, Burkas usw. für meine Begriffe gegen den Rechtsstaat. Ebenso wenig hat er das Recht islamische Kleidung zu verbieten oder Anpassung zu fordern, sofern es sich um Minimalforderungen an Einwanderer (z.B. Sprache lernen) handelt. Es gibt keine rechtsstaatliche Begründung Pierre Vogel das Tragen islamischer Kleidung zu verbieten oder ihn zum Abschwören zu zwingen. Wobei es eigentlich von Schwäche zeugt, wenn man den staatlichen Arm bedienen muss. Der vernünftige Islamkritiker muss Voltaire zitieren: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Der Islamkritiker muss sagen: Ja, ich lehne Deine Religion ab, ich halte sie für eine faschistische Ideologie, aber Du darf sie verteidigen, dich, äußern und gemäß ihr Leben, sofern der Rechtsstaat Dir das zubilligt, leben.
Das Fazit muss also lauten, dass eine Islamkritik nur dann Sinn hat, wenn sie (a) anerkennt, dass man Ethnie und Islam nicht gleichsetzen kann und eine Kritik darauf nicht aufzubauen ist (b) wenn sie bereit sich an Rechtsstaat halten und (c) sich ebenso wie die Muslime aus eine Opferrolle raus begibt und akzeptiert dass es Gegenkritik gibt. Dass man nicht „Politjustiz“ ruft, wenn ein Pro’ler verurteilt wird, wenn er Volker Beck Gauleiter nennt. Dass man sich zwar zwar das das Recht nimmt den Islam faschistisch zu bezeichnen, aber gleichzeitig bei einer solchen Charakterisierung der eigenen Ansicht nach dem Anwalt ruft. Das ist etwas, was unabhängig davon ist, ob der Islam faschistisch ist oder die Islamkritiker. Man hat nicht das Recht sich auf die Meinungsfreiheit zu berufen – die auch das Recht auf Beleidigung der eigenen Ansichten einschließt – aber wenn es gegen sich geht, zu juristisch zu klagen.

Der falsche Weg und die Lösung:
Wir haben bereits den falschen Weg der Islamdebatte charakterisiert und eine Lösung vorgeschlagen. Hier wollen wir die Fehler der Integrationspolitik darlegen und eine Alternative in die Diskussion bringen.
Eins scheint mir glasklar: der Multikulturalismus hat versagt. Er hat in seinen beiden Feldern versorgt: Vielfalt und Integration. Die ethnische und kulturelle Vielfalt fördert Multikulti nicht nur nicht, sondern zerstört sie gar. Der Versuch durch Relativismus gegenüber Kultur, Nation und Identität Vielfalt zu erreichen muss zwangsweise scheitern. Denn Vielfalt setzt Identität voraus, etwas was Multikulti leugnet. Nicht der Nationalstolz ist das Problem, sondern die Form in der er sich zeigt. Es geht also nicht um ein „ob“, sondern um ein „wie“.
Dass Vielfalt und Identität ein unzertrennbares Paar sind, lässt sich am Einzelmenschen zeigen. Gerade unsere Andersartigkeit macht die Vereinigung mit dem anderen möglich; nur verschiedenes kann sich vereinen. Die Ungleichheit und Verschiedenartigkeit zwischen mir und dir ist die Basis unserer Identität; ich bin ein von dir getrenntes Individuum. Das macht aber gerade die Vielfalt aus und macht Vereinigung möglich. Ein Heer von Klonen ist völlig gleich; von Vielfalt kann man aber nicht reden.
Dass der Stolz auch wichtig ist, kann man sich leicht vor Augen führen. Wenn wir uns – um klischeehaft zu denken – einen afrikanischen Stamm vorstellen. Woraus speisen sich die Tänze und die Gebräuche, wenn nicht aus dem Bekenntnis, dass sie gut sind? Niemand würde freiwillig Gebräuche fortführen, wenn er sie für schlecht hielte. Den Brauch der Eltern um Punkt 18 zu Abend zu essen finde ich schlecht, also praktiziere ich ihn nicht. Den Brauch nach dem Mittagsessen einen Spaziergang zu machen finde ich gut, also führe ich ihn weiter.
Das heißt nur aus der Erkenntnis, dass bestimmten Riten gut sind, dass sie die Identität mit-prägen und aus Stolz darauf, entsteht und erhält sich eine Kultur. Deshalb zerstört Multikulti die Vielfalt durch seinen Relativismus.
Auch in seinem zweiten Anliegen muss der Multikulturalismus scheitern, nämlich der Integration. Mal abgesehen von dem Faktum, dass jedes Land den Primat einer Kultur oder mehrere – aber nicht aller – kennt, was sich in Amtssprache, Festen und usw. ausdrückt, sorgt auch hier der Relativismus für negative Folgen. Eben weil er keine Identität schafft. Er drückt den Migranten nicht nur das islamische auf, sondern das ausländische. Er sagt nämlich es sei ja gut, dass in Deutschland auch Türken, Griechen, Russen usw. leben. Dabei verkennt er, dass Integration das Partizipieren an der Identität des Heimatlandes wird. Der indische Einwanderer in den USA will ja nicht gesagt bekommen, er sei Inder in den USA; er will indischstämmiger Amerikaner werden. Gerade weil also eine nationale Identität geleugnet wird, wird das Partizipieren an ihr unmöglich. Im Sinne einer Kulturnation müsste man also sagen: Ja, wir haben eine deutsche Kultur und die Migranten können an ihr partizipieren und ihren Teil beitragen, so wie es z.B. die Vertriebenen getan haben. So wie die Vertriebenen weder ihre Herkunft verleugneten, noch es versäumten an der Identität ihrer neuen Heimat (z.B. Bayern) partizipieren, so muss es auch eine vernünftige Integrationspolitik tun. Daher schadet der Multikulturalismus der Vielfalt und der Integration, gerade durch seinen Relativismus, der eigentlich gedacht war Vielfalt und Integration zu fördern.
Die USA zeigen gerade, dass das Bekenntnis zu einer nationalen Identität mit Einwanderung gar nicht in Konflikt gerät. Nun mag man auf die besondere Lage der USA als Willensnation ohne wirkliche Ethnie, sondern als Einwanderernation verweise, aber Deutschland und Europa haben ein ähnliches Potenzial, wenn auch – auf Grund des Nichtvorhandenseins der amerikanischen Elemente – nicht ein so großes.

Als abschließendes Fazit können wir also ziehen, dass (a) wir sehen müssen, dass Islam und Ethnie – zu Unrecht – vermischt werden, (b) die Islamkritik das nicht erkannt hat und daher falsche Schlüsse zieht und (c) Multikulti durch Relativismus gegenüber kulturell nationalen Identitäten Vielfalt und Integraion erschwert.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Politik, Religion veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s