Die (Sinn)Freiwirtschaft – Kommentar zur Zinskritik

Gefühlt immer öfter tritt der grauhaarige Börsenmakler in politischen Talkshows auf und kritisiert Zins und Zinseszins. Dabei erntet er kaum bis gar keinen Widerspruch, obwohl man an Bigotterie denken könnte, wenn jemand die Quelle seines Einkommens schwerst kritisert. Die Rede ist von Dirk Müller. Aber nicht nur im Fernsehen beehrt uns Mister Dax, nein auch im Internet ist er, mitsamt seiner Fangemeinde, vertreten.
Die Videos heißen dann ungefähr so: „Dirk Müller macht x fertig“. Es ist eins dieser typischen Fangemeinde-Videos: „Pierre Vogel macht christlichen Pastor platt.“ Man muss sich doch schon über den Gestus der Erhabenheit und Überlegenheit wundern, den diese Fanvideos haben. Man denkt doch immer an den Satz des französischen Moralisten Joubert, der da sagte: „Nicht Sieg sollte der Zweck der Diskussion sein – sondern Gewinn.“ Außer natürlich man findet Gewinn unmoralisch.
Interessant ist auch die Arkandiszplin von Leuten wie Müller. Das gilt auch für die ihm inhaltlich Nahestehenden, wie die Monetative oder die Freiwirtschaft, also die Lehre die die Zinskritik zum zentralen Inhalt hat. Immer sind die Giralgeldschöpfung, der Zinseffekt und das Kreditgeld „Geheimnisse“, die an den Universitäten nicht gelehrt und von Ökonomen nicht gekannt werden. Dabei ist das gar nicht so geheim, wie man immer tut. Jeder Student lernt was eine Mindestreserve ist und wie die Zentralbank Geld schöpft.
Auch die populärwissenschaftliche Literatur spart das Thema nicht aus, auch wenn natürlich, in Übersichtswerken, das Thema nicht ein ganzes Buch einzunehmen vermag. Nehmen wir uns nur den Ifo Wirtschaftskompass, der nicht zu den versteckten Geheimschriften der Ökonomie zählt. Wenn wir dort unter „Geldwirtschaft. Wie kommt das Geld in die Wirtschaft?“ nachschlagen finden wir die Giralgeldschöpfung und die Aussage.: „Kreditschöpfung gleich Geldschöpfung.“ Man könnte auch das Wort „Geldschöpfung“ bei Wikipedia eingeben, um eben diese Mysterien sauber aufgeschlossen vorzufinden. Diese Behauptung können wir also getrost bei Seite schiebe, ebenso die Behauptung von Müller die Finanzkrise sei von der Hochfinanz absichtlich herbeigeführt wurden um ein Reset des Systems zu erreichen. Wir überlassen dieses Thema den Infokriegern und Verschwörungsfreunden. Wir wollen uns hier einigen freiwirtschaftlichen Irrtümern widmen:

 

 

Geld muss umlaufen.“
Diese freiwirtschaftliche Formel klingt wie das keynesianische Konjunktur ankurbeln. Sparen sei schlecht, das Geld müsse ausgegeben werden – die Nachfrage soll ansteigen, das hilft der Wirtschaft. Das mag auf den ersten Blick vielleicht irgendeine Logik besitzen, aber bei genauerem Hinsehen wird diese These als Irrtum entlarvt. Denn reich fressen kann man sich schließlich nicht. Wenn ich mein Geld ständig ausgebe, habe ich keine Ersparnisse; die Wirtschaft verfügt weder über Ersparnisse noch Investitionskapital.
Hier zeigt sich ein fataler wirtschaftstheoretischer Irrtum, der Freiwirtschaftler. Schon Adam Smith hatte in „Wohlstand der Nationen“ gezeigt, dass die Quelle derselbigen in Arbeitsteilung und Kapitalakkumulation liegt, also im Sparen. Je größer der Kapitalstock einer Volkswirtschaft desto reicher ist sie. Eben weil mir mehr Kapital haben als z.B. Osteuropäer, sind unsere Löhne höher, unsere Produktivität höher. Also ist das Gegenteil richtig: Geld muss nicht umlaufen, sondern gespart werden. Wenn die Freiwirtschaftler das Geld mit einer Umlaufgebühr, also einer Strafsteuer für das Sparen, belegen vergessen sie dieses wichtige wirtschaftsstheoretische Prinzip und irren wie die Keynesianer.
Zudem belegen sie, dass sie vom Bankwesen nicht viel verstehen, denn das Argument, die arbeitende Bevölkerung müsse dann die Zinsen bezahlen für diejenigen, die nur sparen, verkennt den Zusammenhang. Denn solche risikolosen Zinsen sind essentieller Teil eines Teilreserve-Systems. In einem Vollgeld-System, oder gar in einem Goldregime könnte so etwas kaum bis gar nicht passieren.

 

 

Der Jakobs- oder Josefspfennig.“
Um zu zeigen, dass Zins und Zinseszins böse sind, demonstriert uns der Freiwirtschaftler eine Rechnung. Hätte Joseph zur Geburt Jesu einen kleinen Geldbetrag angelegt und regelmäßig die Sparzinsen kassiert, dann hätte er heute eine so gigantische Geldmenge, die größer wäre, als alle Güter auf der Welt. Wobei man natürlich bedenken sollte, dass wenn mehr Geld als Waren da sind, die Warenpreise steigen. Insofern es eine Anpassung der Warenpreise an die Geldmenge gäbe.
Aber wir müssen erkennen, dass der Jakobspfenning unrealistisch ist. Er stellt nur in unserem Geldsystem ein Problem dar, wo Geld Schuld ist und aus dem Nichts geschaffen wird, denn der Zinsertrag ist von der realen Investition getrennt. In einem marktwirtschaftlichen System müsste der Sparer sein Geld wirklich weggeben und zu einem Zinssatz verleihen. Er könnte es nicht gleichzeitig verleihen und auf dem Konto haben. Das bedeutet auch, dass er es auch komplett verlieren kann. Und weil Menschen nicht perfekt sind, ist es absolut unmöglich 2000 Jahre die richtige Investition zu tätigen; es ist ja nicht mal möglich die richtige Bank zu haben. Zur Not veranstaltet der Staat eine nette Hyperinflation und vernichtet die Werte in einer Wirtschaft.
Selbst wenn dies möglich wäre und es jemandem gelänge, so stünde dem Geld doch eine reale Basis gegenüber, da der Kredit ja investiert wurde, z.B. in Maschinen.
Beim Jakobspfenning handelt es sich also vor allem um ein rhetorisches Argument, dass den Gegenüber beeindrucken soll durch die vermeintliche Logik des Arguments; es ist einfach eine Exponentialfunktion, die aber, nur weil sie mathematisch richtig, mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben muss. Man könnte genauso behaupten, dass, wenn alle Menschen einem anderen jeden Tag 1 Cent geben, dieser irgendwann, sofern er es nicht ausgibt, alles Geld in den Händen hat.

 

 

Der Zins ist schlecht.“
Hauptstück der Freiwirtschaft ist die Zinskritik. Das zinsbelastete Zins sei durch „Freigeld“ zu ersetzen, dass – wie bereits erwähnt – mit einer „Umlaufgebühr“ zu belegen sei. Warum halten Freiwirtschaftler den Zins für schlecht? Hier seien zwei Irrtümer zu bekämpfen, nämlich das Argument des Geldmengenwachstum und dass der Moral.

 

 

Die Geldmenge muss wachsen, bei Zinsen.“
Der Freiwirtschaftler sagt uns, wenn wir eine Geldmenge von 100€ haben und jemand verleiht diese an jemand anderen für 1%, dann muss die Geldmenge steigen. Denn es sind ja nur 100€ im System. Dadurch würde die Geldmenge bis ins Unendliche getrieben und so Geld- und Realwirtschaft voneinander entkoppelt.
Zuerst sollte man sich das Wesen der Investition klar machen: man nimmt Geld und steckt es in die Wirtschaft, um den Kapitalstock zu mehren, um eine Wertschöpfung zu erzielen mit anderen Worten einen Gewinn. Investitionen in die Wirtschaft, die keinen Gewinn bringen, sind sinnlos. Wenn jemand 100€ investiert und 100€ rauskriegt, hatte seine Investition überhaupt keinen Sinn. Wenn man z.B. in eine Betriebsgründung investiert, dann soll der Betrieb doch produzieren und Gewinne schaffen. Wenn ich Güter für 100€ kaufe und für den gleichen Preis verkaufe, habe ich einen Gewinn und für den Arbeitnehmer keinen Lohn. Es müssen also Werte geschaffen werden; und wenn neue Betriebe gegründet werden, wächst die Wirtschaft und das Sozialprodukt. Kurz gesagt: jede Investition wirft einen Gewinn ab, sonst ist sie sinnlos – und sonst muss der Investor verhungern. Das heißt, dass erst mal der Zins für die Wirtschaft kein Problem darstellt. Das Problem, dass „kein Geld da ist“, besteht insofern nicht, als dass jede sinnvolle Investition Gewinn abwirft, aus dem Zinsen gezahlt werden können.
Aber zur Geldmenge. Man muss kann auch beim Beispiel des kleinen Geldkreislaufes bleiben. Stellen wir uns drei Personen vor: A hat 10€, B hat 0€, C hat 10€. A leiht B 10€ und will 11€ wieder haben. B kauft bei C Güter für 10€ und produziert mit diesen. Dann verkauft B die Waren für 12€ an C. B hat 12€ und gibt A 11€ und hat 1€. Wollte B die gleichen Investition noch einmal tätigen, so würde er weniger zahlen. Denn während die Geldmenge bei 20€ geblieben ist, sind die Waren um 12€ gestiegen. Weil die Geldmenge gleich bleibt, aber die Waren steigen, steigt die Kaufkraft des Geldes. Für die gleiche Menge Güter bräuchte B nur noch 9€. Auch Zinseszins-Effekte könnte diese kleine Wirtschaft vertragen, denn die schließlich wird nicht schubweise, sondern dauerhaft produziert, und die Produktion hinge vom Investitionskapital ab.
Darüber hinaus gäbe es in dem Beispiel oben immer mehr Geld als die zu tilgenden Zinsen. B kann mit seinem Maschinen viele Güter produzieren und verkaufen. Darüber müsste in diesem Geldsystem der Gläubiger das zu verleihende Kredit real ansparen und könnte es nicht einfach drucken.Da aber niemand 100% seines Einkommens spart, könnte auch nicht 100% der Geldmenge verliehen werden und Zinsforderungen bringen.

 

 

Der Zins ist unmoralisch.“
Viele Kulturen, Völker und Religionen haben den Zins für unmoralisch erklärt. Es gipfelte in der faschistischen These von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ und der Befreiung aus dem Geld leihenden Finanzjudentum. Im Übrigen sollte die Tatsache, dass oft auf „jüdische Banker“ verwiesen wird (z.B. Rothschild), uns in diesem Kontext eher beunruhigen.
Wenn wir den Zins genauer unter die Lupe nehmen, stellen wir fest, dass an ihm nichts unmoralisch ist. Auch hier hilft es wieder sich das Wesen der Sache vor Augen zu führen. Die Klassiker (also jene rund um Personen wie Adam Smith) erklären den Zins damit, dass der Gläubiger auf sein Geld verzichten muss. Der Gläubiger gibt sein Geld weg und will vom Schuldner dafür einen Ausgleich. Das heißt der Zins ist eine Art Ausleihgebühr, ähnlich einer Miete. Er verleiht sein Eigentumsrecht, also das Vorrecht über ein Gut – hier das Geld – zu verfügen und gemäß seinen Wünschen zu benutzen.
Aber es gibt noch einen weiteren Punkt. Wir haben oben erwähnt, dass der Schuldner das Geld für eine gewinnbringende Investition verwendet. Wodurch ist dieser Gewinn möglich geworden? Dadurch, dass der Gläubiger sein Geld abgetreten hat. Anstatt selber zu investieren und den Gewinn zu 100% für sich zu haben, verleiht er sein Geld. Dafür will er z.B. 2% vom Gewinn für sich. Denn durch ihn ist ein Gewinn möglich geworden bzw. die Produktivität gestiegen (z.B. weil man z.B. neue Maschinen gekauft hat). An dieser zusätzlichen Produktivität will der Geldgeber beteiligt werden. Gewinnbeteiligung für Bereitstellung des Kapitals für den Gläubiger und Gewinn für den Schuldner, für das Tragen des Risikos und die geglückte Investition.

 

 

Das Geldmonopol:
Neben der Forderung nach dem Freigeld gehört die These, der Staat müsse die Geldschöpfung völlig übernehmen zum Grundkanon der Freiwirtschaftler. Das ökonomisch und moralisch richtig sei das Geldmonopol des Staates. Aber das bringt große Probleme mit sich. Denn es war das Zentralbankenmonopol des Staates, dass die Finanzkrise heraufbeschwor. Indem der Staat die Zinsen vorgab und anderweitig eingriff, zerstörte er die Informationen des Preissystems durch billiges Geld. Fehlinvestitionen sind die logische Folge; wer mit verbundenen Augen durch das Haus läuft, wird vor die Tür knallen.
Das zeigt uns bereits das große Problem. Die Zentralbank maßt sich durch ihre Politik Wissen an, dass sie nicht hat und nicht haben kann. Ihre Geldpolitik hat immer negative Folgen, weil sie das Preissystem stört. Insofern hätte die vermehrte Tätigkeit einer Zentralbank Negativfolgen für die Wirtschaft.
Eine solche Anmaßung des Wissens ist die Geldmenge. Wenn die Zentralbank die gesamt Geldmenge kontrollieren kann – d.h. der Staat durch Schöpfung und Abschöpfen (durch die Umlaufgebühr) die Geldmenge beherrscht – stellt sich die Frage wie viel Geld im System sein soll. Der Freiwirtschaftler wird uns antworten, gemäß der wirtschaftlichen Leistung. Aber hier liegt ein großer Irrtum vor. Denn Geld ist ja kein Gutschein, der zur Inanspruchsnahme bestimmter Waren und Dienstleistung berechtigte. Es gibt keinen feststehen Wert an Waren und Dienstleistungen, so dass man nur noch das entsprechende Geld drucken müsste. Man kann nicht sagen, das Sozialprodukt umfasst 100€, also 100€ drucken. Der Marktwert von Gütern und Dienstleistungen hängt davon ab, wie viel Geld man druckt. Daher haben höhere Geldmenge Preissteigerungen zur Folge. Insofern ist es der Zentralbank erkenntnistheoretisch unmöglich die „richtige“ Menge an Geld zu drucken. Daher gäbe es entweder Deflation oder Inflation. Beides müsste der Staat mit der Umlaufgebühr bekämpfen, also indem er sie anhebt oder senkt. Dadurch greift er in das Preissystem ein und Krise und Instabilität wären die Folge.
Wir können daher abschließend sagen, dass die Freiwirtschaftslehre mehr verspricht, als sie halten kann und viele Irrtümer bei näherer Prüfung aufweist. Jedoch müssen wir ihren Befürwortern zu gestehen, dass sie einige richtige Punkte ansprechen: die ungedeckte Geldschöpfung, Problem das Geld Schuld ist und ein Zurückzahlen des Kredits eine Schrumpfung der Geldmenge bedeutet und die Zwangsläufigkeit von Krisen im gegenwärtigen System. Die Diagnose ist zur Hälfte richtig und die Therapie ganz falsch.

 

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