Freiheit als Metaphysisches Prinzip und das Ende des Naturalismus

Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Werner Heisenberg

 Ebenso erging es der Naturwissenschaft selbst. Sie erlebte ein „mechanisches Zeitalter1 von 1543, wo Kopernikus sein Hauptwerk – „Über die Umschwünge der himmlischen Kreis“ – veröffentlichte bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit machte die Naturwissenschaft gigantische Vorschritte. Newtons Gravitation und Bewegungsgesetze erschienen als könnten sie jede Bewegung vorher wissbar machen. Die schreckliche Konsequenz dessen wurde ihm offenbar, nämlich Atheismus. Wenn alles determiniert ist, gibt es weder menschliche noch göttliche Freiheit, insofern kann es keinen persönlichen Gott geben. Auch Leibniz Erkenntnis förderten den Determinismus. Beide konnten die Konsequenz nicht ziehen, sondern beschuldigten sich gegenseitig des Atheismus.

Charles Darwin setze der Mechanik – die man als Willen zum Überblick definieren kann – noch eins drauf. Er gesellte der Mechanik der Natur und des Kosmos, die Mechanik der Biologie gleich. Mit der Evolutionslehre war es auch möglich den Menschen völlig zu entschlüsseln. Eine dritte Mechanik stellt wohl die heutig Genetik und Hirnforschung da, die ebenfalls meint alles entschlüsselt zu haben. Darwin, der ursprünglich Pfarrer werden wollte, sah sich gezwungen Agnostiker zu werden.

Die Mechanik war der Tot der Anthropologie; der Mensch war ein Ding wie ein Stuhl, der nach Gesetzen funktionierte. Freiheit war ein Relikt aus alten prä-wissenschaftlichen Tagen. In diesem Kontext hatte die Religion einen schweren Stand, denn die Freiheit des Menschen stand gegen die Naturwissenschaft. Auch in der Politik setzt sich der Determinismus und Biologismus durch. Der Mensch ist ein Tier und hat sich so zu verhalten. Das beeinflusste die biologisch-deterministischen Ideologien von Marxismus und Rassismus, die utilitaristischen Ideen einiger Liberaler und in späterer Zeit auch z.B. Ayn Rands Objektivismus und den Sozialdarwinismus der Church of Satan.

Die Naturwissenschaft war zwar atheistisch, aber nicht unreligiös geworden. Man suchte nach der Weltformel, die dem unbewegten Beweger von Aristoteles entsprech. Mit Spinoza bekannten sie: „Deus sive natura“ (Die Natur ist Gott). Die Naturgesetze sind eine allmächtige Wirklichkeit, ihre Leugnung Häresie.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert beginnt jedoch das das Ende des mechanisches Zeitalters. Im Jahr 1900 beschäftigt sich Max Planck mit den Quanten und erfindet die Hilfsgröße „h“, denn in seiner Formel fehlt ein Parameter. Es scheint nichts daran besonders zu sein. Das naturalistische Weltbild bleibt und steht fest. Doch mit der Hilfsgröße H beginnt der Naturalismus zu bröckeln. Denn die Quantentheorie offenbarte etwas, was der Tod für die Mechanik bedeute: Sprünge in der Natur, also Zufälle. Nicht alles ist vollkommen kausal, die Welt ist offen.Der alte Satz „Natura non facit saltus“ (die Natur macht keine Sprünge) war tot und damit die Idee des Determinismus. Diese für den Naturalismus tödliche Erkenntnis, wollte man nicht im Raum stehen lassen. Man unternahm ihre Widerlegung. Auch Einstein widmete sich der Quantentheorie. Er bekannte später, er habe mehr über sie, als über die Relativitätstheorie nachgedacht. 1927 und ’30 traf er sich mit Bohr in Belgien. Dort argumentierte Bohr für die Quantentheorie und bediente sich der Relativitätstheorie, um sie zu beweisen. Einstein freilich hoffte immer darauf, dass „h“ eines Tages gefunden werden könnte, obwohl er die Quantentheorie nicht direkt widerlegen konnte da sonst sein Weltbild auseinander brechen würde. 1960 widmete sich dieser Aufgabe John Bell, der auf Einsteins Seite stand. Er stellte ein Ungleichung auf, sollte diese richtig sein, gäbe es keine Parameter und der Zufall echt. Schließlich gelang es 1982 dem Franzosen Alain Aspect zu zeigen, dass es keine fehlenden Parameter mehr gäbe.

Damit war die Freiheit wieder möglich geworden, wurde sogar zu einem metaphysischen Prinzip. Es stellte sich heraus, dass die „die Unberechenbarkeit, die ihr innewohnt, wesentlich zur Welt gehört.“ Denn die „Unberechenbarkeit ist ein Implikat der Freiheit. […] Welt kann nie vollends auf mathematische Logik zurückgeführt werden.“2 Die Wissenschaft muss sich vom Wunsch nach Überblick entfernen. Einsteins Flucht vom Ich ins est war gescheitert. Allein schon deshalb, weil er kein Beobachter ist, sondern ein Teil dieser Welt. Denn „wir wissen, dass im physikalischen Experiment der Beobachter selbst in das Experiment eingeht.“3

Wir dürfe jedoch nicht hingehen und von unendlicher Freiheit sprechen, so als ob alle Notwendigkeiten und Kausalitäten aufgehoben wären. Die endliche Freiheit – im Gegensatz zu schöpferischen Freiheit Gottes – ist gerade ein Schattenspiel von Zufall und Notwendigkeit. Wenn ich z.B. meine Uhr in die Luft werfe, dann braucht es Naturgesetze und Notwendigkeiten, wie die Schwerkraft. Wäre aber alles diesem Prinzip unterworfen, gäbe es keine Freiheit, mein Entschluss wäre deterministisch bestimmt.

Das Paar Zufall und Notwendigkeit – oder anders gesagt Wissen und Nicht-Wissen – finden wir auch in der Evolutionslehre, nämlich in Selektion und Mutation. Die Mutation ist im Grunde Zufall; zufällig das sich diese Mutation entwickelt. Nur meint man mit dem Begriff „Mutation“ Wissen erlangt zu haben, obwohl man nur sein Unwissen formuliert hat. Weil Mutation und Selektion das schöpferische Handeln Gottes möglich machen, ist hier kein Widerspruch zwischen Theologie und Evolution.

 

Leider ist der Naturalismus immer noch die bestimmte Naturphilosophie, vor allem unter Naturwissenschaftlern. Die Suche nach der Weltformel betrieb noch Stephen Hawkins, bis er sie schließlich aufgeben musste. Doch noch immer propagieren Naturwissenschaftler, z.B. Richard Dawkins, die eigenständige Steuerung der Welt durch Naturgesetze ohne göttliches Schöpferhandeln.

Der Naturalismus ist aber verschlagen. Die Naturphilosophie hat den Läuterungsprozess noch nicht durchgeführt und die Revolution des Denkens nicht gehört. Sowohl der naturalistische Monismus als auch ein strikter Dualismus müssen wir abschreiben. Die Stunde schlägt für die Sesquiistik (von lat. Eineinhalb). Diese vom Theologieprofessor Dieter Hattrup entwickelte Philosophie nimmt gerade die Erkenntnisse der Quantentheorie und das Begriffspaar Zufall und Notwendigkeit zur Basis. Naturwissenschaft und Theologie widersprechen sich nicht. Denn die naturwissenschaftliche Quantentheorie macht die Freiheit Gottes möglich. Weil sie den Zufall bestätigt, zeigt sie, dass nicht alle Wirklichkeit Natur ist, vielmehr ist Natur die Wirklichkeit die ich ergreife, Gott ist diejenige Wirklichkeit die mich ergreift. Sie bilden keine Antithesen; ebenso wenig widerlegt die Evolutionslehre den Glauben an den Menschen als Krone der Schöpfung. Im Gegenteil, durch sie wird er erhoben. Denn vor der Evolutionslehre stand der Mensch „ nur auf eine geographische Weise in der Mitte, also nur auf äußerliche Weise“ Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft, die ihn aus dieser materiellen Position der Hoheit vertrieben und zum „Zigeuner am Rand des Universums“ machte, bildete die Grundlage „für die Entdeckung einer tieferen Mitte, für die Entdeckung der Freiheit in der Natur.“4 Der Mensch hat die Krone fester auf, denn seine Fähigkeit und seine Ebenbildlichkeit zeigt sich in geistigen Qualitäten und in seiner Freiheit.

Aber die Sesquiistik hat immer noch naturalistische Gegner. Heute wird die Freiheit als metaphysisches Prinzip, von der Hirnforschung angriffen. Der atheistisch-naturalistische Philosoph Michael Schmidt-Salomo z.B. veröffentliche ein Buch unter dem Titel „Jenseits von Gut und Böse“ und meinte dort die Hirnforschung belege die Unfreiheit des Willens. Moral existiere nicht, das Glück liege im Hedonismus, alle die sich den Begriff der Moral zu eigen machen, sind totalitär. In der Tat ist die Hirnforschung ein scharfes Schwert in den Händen der Atheisten.

Aber hier kommen Zufall und Notwendigkeit den Atheisten in die Quere, denn gerade in der Hirnforschung zeigt sich sehr schön die Freiheit. Denn es gibt zwar die Notwendigkeit neuronaler Prozesse, aber schon der bekannte Hirnforscher Benjamin Libet sagte, es gäbe eine Art „Veto“ gegen die tatsächliche Umsetzung. Oder in den Worten von Hattrup „Bekanntlich beginnen meine Handlungen schon lange Zeit, bevor ich ihrer bewußt werde, sie werden schon Sekunden vorher in meinem Gehirn geplant. Der Inhalt einer Handlung, die möglicherweise geschehen kann, ist lange vor der Handlung festgelegt und steht in einer lange Kausalkette. Allerdings kann ich die Kette mit meinem Bewußtsein bearbeiten, und etwa ein Veto einlegen, bevor aus der geplanten Handlung eine wirkliche Handlung wird.“5 Es handelt sich hier um echte Freiheit. Denn Freiheit ist ja nicht grenzenlos,“nicht das Beginnen, sondern das Bearbeiten einer Kausalkette.6 Anders gesagt: notwendig wird durch Gesetze das Potenzial gebildet, aber der Wille ist frei zur Umsetzung.

Auch hier zeigt sich also das große metaphysische Prinzip der Freiheit. Wir müssen daher klar sagen, dass die Mechanik tot ist und die Freiheit lebt. Die Naturphilosophie die dem verantwortet ist, ist die Sesquiistik von Dieter Hattrup. Man kann ihm mit Recht einen Pionier auf diesem Gebiet nennen. Daher sind seine Werke zu empfehlen.7

 

Weil die Freiheit also möglich ist, ist Gottes Freiheit und sein Personsein möglich. Die Wissenschaft hat den Becher geleert und findet auf dem Boden Gott. Die einen sind noch im Rausch, die andern sind nüchtern geworden.

 

1 Dieter Hattrup – Tragweite der Wissenschaft, S. 26

2 Joseph Ratzinger – Einführung in das Christentum. S.147f.

3 Ebenda, S. 162

4 Dieter Hattrup – Tragweite der Wissenschaft, S. 43f.

5 Dieter Hattrup – Freiheit in der Natur. Eine Anthropologie, S. 52f.

6 Ebenda

7 http://www.unifr.ch/dogmatik/de/webpaper/hattrup/ Bietet kostenlose Werke von Hattrup im PDF Format

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