Leitlinien zur Sozialpolitik

Der Sozialstaat – fast metaphysisch wirkt er in Deutschland und so sind auch die Ansprüche an ihn. Leider sind wir uns nicht im Klaren was der Sozialstaat leisten soll. Alle sind sich einig, wenn man über ein Mehr spricht. Aber wo endet er? Wo sind seine Grenzen? Wenn es um ein Nein zu Leistungen gibt, will niemand der Buhmann sein und Grenzen ziehen, die doch notwendig sind, allein deshalb weil Güter knapp sind und nicht alles gegeben werden kann. Eine Fundamentaldebatte um Sozialstaat erleben wir leider nicht. Die entsprechenden Äußerungen von Guido Westerwelle wurden – unabhängig von ihrer Bewertung – nicht genutzt um eine Diskussion über Wesen und Umfang des Sozialstaates zu sprechen. Auch der Streit um die Agenda 2010 hat das nicht wirklich geändert. Es findet kein Diskurs statt, sondern der Schlagabtausch von Phrasen. Man muss aber grundsätzlich über den Sozialstaat nachdenken und sich fragen: wie soll Sozialpolitik organisiert sein?

Die Antwort muss eine Dreifaltigkeit sein, die nur in ihrer Einheit ihre Wirkung entfaltet und wo jeder Punkt gleich wichtig und auf den anderen angewiesen ist. Eine vernünftige und ethische Sozialpolitik muss die drei folgenden Grundsätze erfüllen: 1. Subsidiarität, 2. Hilfe um ihrer selbst willen, 3. Marktkonfom.

Wie gesagt sind alle Punkte aufeinander angewiesen und daher ist es notwendig, sich über den Inhalt der drei im Klaren zu sein, um zu erkennen, wie eine ordoliberale und vernünftige Sozialpolitik auszusehen hat. Gerade vor dem Reformdruck, den der demographische Wandel, die Schulden und andere Faktoren uns bringen.

  1. Subsidiarität:

Man kann nicht oft genug betonen, wie wichtig die Subsidiarität nicht nur für den Sozialstaat, sondern auch für Staat, Gesellschaft und Familie haben – ja für die gesamte menschliche Existenz ist dieses Prinzip essentiell.

Leider wird die Subsidiarität vor allem in den oben genannten Bereichen aufs schlimmste vernachlässigt. Euro, Kita-Zwang und andere Dinge offenbaren den Trend zum Zentralismus und der Entmündigung der Bürger. Oft genug gibt es dagegen keinen großen Protest, sondern Zustimmung. Eltern seien nicht fähig ihre Kinder zu erziehen und die EU müsste mehr regeln. Das zeigt sich auch z.B. in der Bildungspolitik, wo der Zentralstaat handeln solle.

Aber was heißt „Subsidarität“ generell und besonders in der Sozialpolitik, mit der wir uns beschäftigen wollen. Subsidiarität ist zu nächst mehr als ein organisatorisches Prinzip. Es ist ein grundsätzliches Menschen- und Gesellschaftsbild. Das zeigt sich daran, dass z.B. Kommunisten, Faschisten u.ä. die Subsidiarität ablehnen. Das fällt zusammen mit ihrem Relativismus und Säkularismus. Der Mensch wird zum Herdentier und die paternalistische Regierung greift ein.

Das Prinzip der Subsidiarität heißt daher zu nächst, dass die Probleme zuerst der Einzelne regeln soll. Eigenverantwortlich soll er das Problem lösen. Erst dann, wenn er dazu unfähig ist – und nur dann – sollen andere eingreifen. Zuerst Familie und Freunde, dann private Organisationen wie Kirche, Nachbarschaft, Verein usw. Erst dann – und nicht früher – soll der Staat eingreifen. Wenn er aber eingreift, dann nicht sofort mit der geballten Zentralbürokratie des Bundesstaates, sondern die Kommune. Erst dann wenn es Aufgaben gibt, die die Kommune nicht lösen kann, soll das Land und später der Zentralstaat eingreifen. Der Föderalismus ist die konkrete Verwirklichung der Subsidiarität. Es gibt daher keine Hierarchie im zentralstaatlichen Sinne. Die Ebenen, sowie Staat und Person, stehen auf der gleichen Ebene, unterliegen aber der Arbeitsteilung. Es handelt sich hier doch nicht um eine verwaltungstechnische Frage, sondern – wie bereits gesagt – um ein gesellschaftliches Prinzip. Eine Gesellschaft – besonders eine marktwirtschaftliche – verlangt die Subsidiarität als Kern ihrer Existenz. Eine Gesellschaft, wo es z.B. keine private Initiative von Unternehmern bzw. von denen, die anstreben welche zu werden, verarmt ökonomisch, wie moralisch, da an die Stelle privater Wohlfahrt, staatlicher Befehl kommt. Leider ist in Deutschland nicht mal die äußere bürokratische Subsidiarität verwirklicht, insofern der Föderalismus immer wieder kritisiert wird. Anders z.B. in der Schweiz oder den USA, wo die Subsidiarität ein staatstragendes gesellschaftliches Prinzip darstellt. Im „American Dream“ verwirklicht sich die Subsidiarität, ebenso wie im starken amerikanischen wie schweizerischen Föderalismus.

Die Frage nach der Subsidiarität ist die Frage nach dem Menschenbild und dem Gesellschaftsmodell: Anerkennung menschlicher Freiheit, Verantwortung und Eigenständig und die Rolle des Staates „as his servant and not his master.1 Eine freie Gesellschaft muss daher zwingend Subsidiär sein. Dies erkannte Röpke, als er forderte die Begriffe – links, rechts, sozialistisch, konservativ usw. – einzustampfen, zu Gunsten von „zentral“ und „dezentral“. Daher ist die Frage nach der Subsidiarität im Sozialstaat die Frage nach dem grundsätzlichen Menschenbild. Darum gibt es dort tiefe ideologische Gräben, weil es an die ideologischen Grundsätze geht, die nicht relativ sind oder gleich sind, sondern unterschiedlich. Daher kann eine Debatte um die Sozialpolitik nicht rein ökonomisch sein, sondern gerade ethisch und anthropologisch. Natürlich sind wir uns alle einig, dass wir Menschenwürde und Achtung der Person zur Basis machen. Aber „wenn wir es mit der Achtung vor dem Menschen ernst meinen“ müssen wir doch fragen „inwieweit wir heute damit rechnen können, daß die breiten Massen des Volkes aus eigener Kraft und Verantwortung durch Sparen und Versicherung und durch vielfältige Formen freiwilliger Gruppenhilfe des Problems der Lebensvorsorge lösen. Nur das ist schließlich freier und und mündiger Bürger würdig.“2

Der Sozialstaat muss subsidiär sein. Sonst macht er die Menschen abhängig und zerstört ihr natürliches Bedürfnis eigentständig zu sein. Die Autonomie und Selbstverwirklichung der Individuen muss doch ein zentrale Wert einer liberalen Gesellschaft sein.

Die staatlichen Sozialsysteme einer freiheitlichen Gesellschaft müssen folglich Subsidiär sein. Eine freie Gesellschaft will die eigenständigen Bürger, die sich selbst organisieren können und ihre Freiheit wirklich realisieren. Subsidiarität ist damit Herzstück einer liberalen Gesellschaftsauffassung. Darum treten die Verfechter der Freiheit – unter ihnen so große Namen wie Milton Friedman oder Willhem Röpke – für den Föderalismus und die Dezentralität ein. Es nicht weder um Kleinstaaterei, regionalen Egoismus oder um verwaltungstechnische Fragen. Es geht um die Frage: wollen wir Bürger, die nicht in der Lage sein eigenständig zu haben und von der Hilfe anderer – besonders des Staates – abhängig sind? Nicht, dass Hilfe und Schwäche etwas negatives sind, aber die Gesundheit einer Gesellschaft misst sich doch an der Fähigkeit ihrer Glieder eigenständig und frei zu leben und nicht überall den Staat zu sehen. Es ist wie mit Kindern: Hilfe ja, aber nicht zu viel, dann können sie nichts allein. Das Ziel von Eltern kann nicht sein, ihren Kindern jede Last abzunehmen und alles für sie zu erledigen, vielmehr müssen sie ihr Kind zur Selbstständigkeit erziehen und im Notfall fehlen. Aber zu erst, muss sich das Kind helfen und die Situation meistern.

Die Subsidiarität ist der Primat des Einzelnen vor der Gruppe, des Kleinen vor dem Großen muss daher wieder Kerninhalt des Sozialstaates sein. Leider herrscht Paternalismus unsere Sozialpolitik und das gesamte Staatswesen. Überall soll der Staat eingreifen. Aber je größer die Eingriffe des Staates, desto kleiner die Freiheit und desto kleiner notwendig die Verantwortung der Bürger für sich und andere (!). Wenn der Sozialstaat alles tut, warum soll man ein Ehrenamt haben? Wenn doch zu meist linke Politiker das Ehrenamt kritisieren und sagen der Staat müsste hier handeln? Warum spenden, wo ich doch Steuern zahle? Subsidiarität heißt Primat des Egoismus. Besonders die Zwischenstufe zwischen Individuum bzw. Familie und Staat ist wichtig: private Wohlfahrt. Was wäre die Welt ohne die freiwillige Sozialarbeit der vielen? Der Staat hat kann gar nicht die Mittel und die Möglichkeit die private Initiative zu ersetzen. Wer die Subsidiarität marginalisiert, macht die Gesellschaft unsozial. Dabei ist zu bedenken, dass „daß ‚privatwirtschaftlich‘ mehr umfasst als ‚marktwirtschaftlich‘. Alle marktwirtschaftlichen Aktivitäten sind zwar privat, aber nicht alle privaten Aktivitäten gehen auf dem Markt vor sich. Menschliches Zusammenwirken in der Familie, im Verein, im Freundeskreis ist gewöhnlich völlig privat organisiert und dennoch unbezahlt.3

Die Linken, die die private Sozialaktivität angreifen, haben dieses Faktum nicht begriffen, nicht verstanden, dass die lokalen Organisationen – Familie, Nachbarschaft, Kirche usw. – viel effektiver helfen und helfen wollen. Aber ein Staat der jedem die Verantwortung entzieht, muss sich nicht wundern, wenn Egoismus wächst und „alles […] – eine paradoxale Folge des Wohlfahrtstaates – kommerzialisiert.“4 Noch der ethistischste unter den sozialen Beamten muss bezahlt werden, die privaten Helfer nicht. Es ist doch ein Ausdruck einer staatlicher Arroganz an die Stelle des Ehrenamtes, die staatliche Bürokratie stellen zu können. Darum schreibt Seine Heiligkeit Benedikt XVI. in „Deus Caritas Est“ zu Recht: „Nicht den alles regelnden und beherrschenden Staat brauchen wir, sondern den Staat, der entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip großzügig die Initiativen anerkennt und unterstützt, die aus den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften aufsteigen und Spontaneität mit Nähe zu den hilfsbedürftigen Menschen verbinden.“

Ein Beispiel sei hier noch angebracht: nehmen wir den englischen Starkoch Jamie Oliver – unentgeltlich widmete sich er sich der Reform des Schulessens. Die Situation der Kinder verbesserte sich, der Staat half, intervenierte sich nicht direkt. Wer wolle hier behaupten Oliver hätte sich zurücknehmen sollen und ein staatlicher Beamter der Sozialbürokratie hätte handeln sollen?

Daher müssen es gerade die nicht-staatlichen Organisationen sein, die gegen die Allmacht eines Wohlfahrtsstaates auftreten. Es ist erstaunlich, wenn die entsprechenden Verbände gegen diejenigen auftreten, die sich für Eigenverantwortung – also letztlich für die Sozialverbände aussprechen – sind, aber nicht gegen LINKE die das Ehrenamt beleidigen.

Subsidiarität ist daher der Schlüsselbegriff in der Sozialstaatsdebatte, nicht finanzieller Egoismus. Wegen der Subsidiarität müssen wir fragen, ob „nicht allen besser damit gedient wäre, wenn der Wohlfahrtstaat auf das unerläßliche Minimum abgebaut und das so ersparte Geld nicht den nichtstaatlichen Formen der Vorsorge überlassen würde.5 Es geht um die Achtung vor der Person und ihrer Freiheit, Entfaltung und vor allem Verantwortung. Wer ja sagt zum pateranlistisch zentralistischen Wohlfahrtsstaates sagt folgerichtig nein zur Verantwortung der Einzelnen für soziale Probleme.

  1. Hilfe um der Hilfe willen

Noch in einer weiteren Situation müssen wir uns der Subsidiarität zuwenden, nämlich der Frage des Mindestlohns. Gerade die Subsidiarität bietet uns hier eine Antwort: nämlich nein. Kein Mindestlohn. Denn unser Grundsatz ist, dass jeder so viel leisten soll, wie er kann. Auch – und gerade – die Minderproduktiven, die durch einen Mindestlohn aus dem Arbeitsmarkt fallen. Auch ihre Arbeitskraft ist gebraucht. Sie sollen arbeiten und schaffe, so viel ihnen möglich ist. Da ihre Produktivität nicht für ein ausreichendes Einkommen sorgt, muss der Staat subsidiär – also hilfsweise – einspringen. So viel wie möglich des Einkommens voll selbst verdient werden. Gerade weil Arbeit und das Gefühl des Bebrauchtsein mehr als das Beschaffen eines Einkommen ist. Nicht bezahlt werden in der Arbeitslosigkeit, sondern Mitarbeit in der Gesellschaft, soweit wie man kann. Man lässt jedoch niemandem im Stich, sondern hilft. Die Betonung liegt auf „Hilfe“, nicht Abnehmen oder Subvention in der Arbeitslosigkeit.

Subsidiarität heißt aber Begrenzung, auf diejenigen, die nicht können. Hilfe für die Schwachen unterscheidet sich substanziell von Paternalismus und Massenfürsorge für alle.

Es ist ein Gebot unserer Stunde, den Hilfsgedanken in das Zentrum zu rücken und den egalitären zu widerstehen. Leider wird unter Sozialstaat nicht mehr Hilfe für Arme, sondern Gleichmachung der Einkommen verstanden. Er ist ein „Instrument der sozialen Revolution geworden, deren Ziel die möglichst vollkomene Gleichheit der Einkommen […] ist, und damit an die Stelle des Mitgefühls der Neid6 tritt. Man fragt nicht mehr was braucht der Arme, wie kann ich ihm helfen, sondern wie nehme ich das Geld der anderen und mache alles gleich. Wie kann ich in diesem System mein Einkommen auf Kosten der anderen aufbessern. Das schlimmste am Egalitarismus muss wohl darin gesehen werden, dass er behauptet Gutes zu tun. Man propagiert die Gleichheit der Einkommen als Quelle von Gerechtigkeit und Glück. Als ob ein weniger für die Reichen – meist wird damit versteckt die Mittelschicht gemeint, das gilt z.B. wenn DGB Chef Sommer fordert ab 250.000€ Vermögen (entspricht einem Reihenhaus) 10% Zwangsanleihe oder 56% Spitzensteuersatz – irgendwie den Armen helfen würde. Denn ein „Minus an Kaufkraft in den oberen Einkommensschichten“ heißt „kein Plus in den unteren. Es sind dann nicht die Massen, die gewinnen, sondern der Staat, dem jetzt entsprechend mehr Macht und Einfluss zuwächst.“7 Mit Steuergeldern bestimmten die Politiker und Beamten wohin das Geld fließt, wer Gewinner und wer Verlierer ist. Die freiwilligen Leistungen von Reichen – sozial, kulturell u.ä. – dann setzt sich die Kommerzialisierung fort. Wenn wir alle gleiche Einkommen haben, fehlen uns die Mittel zu Spenden und ehrenamtlichen Tätigkeiten. Die Welt wäre Personen wie Naturforschern wie Humboldt, Spendern wie Rockefeller oder Axel Springer beraubt. An die Stelle gewissenhaften Spendens tritt staatliche Verwaltung. Das Ergebnis des Egalitarismus wäre weniger Menschlichkeit und mehr Ausgaben, da ja die privaten Spenden wegfallen.

Darüber hinaus müssen wir uns klar sein, dass der private Spender vom Mitleid getrieben wird, der Egalitarist von der Ideologie. Er missbraucht den Armen, anstatt ihm zu helfen. Bewegt die die Geld haben – was auch auf große Teile der Mittelschicht zu trifft – die Nächstenliebe, so will der Egalitarist den sozialen Missstand nicht zuerst beseitigen, sondern missbrauchen. Er schiebt den Armen vor um sein Regime zu gründen. Die Armut wird Begründung und Trittbrett für Revolution und Ideologie.

Wenn wir die Ungleichheit betrachten, dann müssen wir doch nicht beim Reichen oder bei denen ansetzen, die mehr haben. Unser Problem ist nicht das „mehr“, sondern das „weniger“. Dennniemand leidet Not in der Marktwirtschaft, weil es einige reiche Leute gibt.8 Die Reichen sind nicht das Problem, sondern die Armut. Der Egalitarist verteilt sie gleichmäßig, anstatt sie abzuschaffen. Wenn wir uns der Obdachlosigkeit annehmen, dann kritisieren wir doch nicht dass Hr. Müller eine größere Wohnung hat, als Hr. Meyer. Wer würde das nicht für eine sinnlose Diskussion halten? Was hat das mit dem Problem der Obdachlosigkeit zu tun? Hr. Müller hat 100cm², Hr. Meyer 80cm², aber Hr. Schmidt liegt auf der Straße, das ist das Problem.

Daher muss Hilfe um ihrer selbst gegeben werden und nicht mit egalitären Hintergedanken. Leider wird das oft missachtet und vertauscht. Egalitarismus und Gerechtigkeit sind nicht das gleiche und wer ersteres kritisiert, ist nicht gegen letzteres – oft ist das Gegenteil der Fall.

Zudem müssen die Sozialmaßnahmen treffsicher sein und nicht, wie bei Studiengebühren oder Social Security, die Reichen auf Kosten der anderen unterstützen.

Wenn jemand eine Frau heiratet, weil sie reich ist, halten wir ihn für unmoralisch, ebenso wie eine Person, die andere ausnutzt, um in Positionen zu kommen. So verhalten sich die Egalitaristen und beschimpften alle Gegner als unsozial. Dabei muss den Helfer die freie und nicht-paternalistische Nächstenliebe beseelen. Es muss um die konkrete Person gehen, nicht um das Portemonnaie des Unternehmers um die Ecke. Sonst wird aus Sozialpolitik ein Trittbrett für sozialistisch revolutionäre Politik, die den Missstand nicht ehrlich beseitigen will, sondern ihn nutzen möchte. So wie Marx, der die Sozialsysteme nur deshalb ablehnte, weil sie die Lage der Arbeiter verbesserte. Dies würde dazu führen, dass es keine Revolution gäbe. Im Zentrum stand nicht mehr der Mensch, sondern die Ideologie. Ebenso hantelten seine Erben in den Zeiten der Wiedervereinigung. Man warf den Menschen im Osten Materialismus vor. Otto Schily präsentierte eine Banane als Wahlgrund für die Ostdeutschen. Ein wirklicher Humanist würde sich fragen, wie er die Situation der Ostdeutschen heben könne und nicht seine Ideologien ohne den Menschen – ja gegen ihn – organisieren.

Die Frage ist also: Hilfe oder Ideologie?

  1. Marktkonform:

Der letzte Punkt erscheint mir als der unpopulärste, da man keine Sozialpolitik will die marktkonform ist. Man möchte das genaue Gegenteil: gerade die Sozialpolitik soll gegen den Markt sein. Als Bollwerk gegen ihn will der Sozialstaat verstanden werden. Gerade hierfür ist ein starker Sozialstaat nötig um den Markt klein zu halten.

Diese teils naive Haltung hat sehr unsoziale Folgen, besonders für die Armen. Gerade in er Sozialpolitik gilt das Sprichwort, dass der Pfad zur Hölle mit guten Intentionen gepflastert ist. Leider verwechseln wir Intention und Resultat und meinen das Gute könnte nicht das böse verherbringen. Ein reines Herz vermag nicht zu sündigen. Aber leider ist es gerade diese falsche Sicherheit, die die größten Fehler erschafft und oft genug blind für sie und ihre Lösungen sind.

Wenn wir aber über die notwendigen Reformen des Sozialstaates reden, so ist es die große Aufgabe sie marktkonform zu organisieren. Marktkonform heißt aber nicht Abschaffung, wie es Kritiker immer falsch interpretieren. Vielmehr „steht es außer Frage, daß es eine der Hauptziele der Politik sein muß, Sicherheit gegen bitterste Not zu gewähren […] Sollen diese Bemühungen aber von gekrönt sein […], so muß außerhalb des Marktes für diese Sicherheit gesorgt werden, und dem Funktionieren des Wettbewerbs dürfen keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.9 Damit bringt Hayek bereits der Kern des dritten Punktes zum Ausdruck und die Richtung notwendiger Reformen. Die Politiker nämlich die den Sozialstaat ausbauten und diejenigen die es heute weiter tun möchten, machen einen großen Fehler, wenn sie meinen den Markt verbiegen zu müssen, anstatt seine Resultate hinzunehmen. Gerade die ordoliberale Sozialpolitik zeichnet sich dadurch aber aus. Alle Versuche Löhne, Preise usw. gemäß sozialen Standards zu regulieren wird nichts bringen, außer Elend. Die Idee z.B. Menschen durch einen Mindestlohn – den Alexander Rüstow als puriel bezeichnet10 – ein Einkommen zu verschaffen muss scheitern. Wenn man Menschen nicht verhungern lassen will, so ist nicht der Mindestlohn das Instrument, sondern Lohnzuschüsse. Denn die Minderproduktiven arbeiten und der Sozialstaat gibt Zuschüsse, damit sie nicht verhungern und sichert so ihr Einkommen – marktkonform, d.h. außerhalb des Marktes. Das gleiche gilt für eine Gesundheitsprämie: die Krankenkassen sollen nicht den Sozialen Ausgleich betreiben, sondern effektiv wirtschaften. Weil Gerechtigkeit und Gewissen zwingen niemand ohne Gesundheitsleistungen dastehen zu lassen, wäre es nun vernünftig und marktkonform die Menschen zu subventionieren – außerhalb des Marktes.

Eingriffe in den Markt und eine Sozialpolitik im Markt zerstören immer den Kapitalismus und seine Wirkungsweise und machen ihn nur unsozialer. Sie zerstören seine Effektivität und die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft. „Im“ Markt kann es keine Sozialpolitik geben.

Welch fatale Folgen nicht marktkonforme Sozialpolitik haben kann sehen wir an der aktuellen Finanzkrise: der Auslöser – wenn nicht der Grund – war die amerikanische Immobilienkrise. Wenn wir uns aber fragen wie sie ausbrechen konnte, stellen wir fest, dass es staatlich geförderte Banken und die verfehlte Sozialpolitik waren: die drei Staatsbanken Fannie Mae, Freddy Mae und Ginnie Mae wurden im Rahmen des New Deal gegründet, um Armen billige Kredite für Häuser bereit zustellen.

In unseren Tagen wurden diese staatsnahen und subventionierten Banken genau dazu benutzt: man propagierte jeder Amerikaner sollte ein Haus haben. Es war u.a. Clinton, der dies voran trieb und – um der Gerechtigkeit willen – die Standards senkte. Böse Kapitalisten würden hohe Zinsen verlangen, die sich arme Amerikaner nicht leisten können.

Das Resultat dieser „sozial gerechten“ Politik war eine Finanzkrise, die uns heute noch beschäftigt und erheblichen Wohlstand vernichtet und Aufstiegschancen zerstört hat. Daher ist die Eigenschaft marktkonform keine marktradikale Phrase, sondern essenziell für eine vernünftige Sozialpolitik und eine funktionierende Wirtschaft: Stagnation und Massenarbeitslosigkeit freilich können nicht als Beitrag zu mehr Gerechtigkeit interpretiert werden…

Zusammenfassung:

Wir haben die drei Punkte (Subsidiarität, Hilfe, Marktkonform) als Grundpfeiler einer vernünftigen Sozialpolitik dargelegt. Sie sind, wie bereits gesagt, notwendig auf einander angewiesen. Eine marktkonforme Sozialpolitik kann niemals größer sein als Subsidiäre Armenhilfe. Ebenso wenig kann Hilfe, die nicht egalitaristisch sein will, gegen den Markt gerichtet sein. Das gleich gilt für die Subsidiarität, die in einer Marktwirtschaft bestehen kann, die dem Egaltarismus verurteilt.

Wenn wir also einen Sozialstaat haben wollen, der seinen Namen verdient, dann müssen wir ihn gemäß diesen Leitlinien organisieren. Diese Aufgabe – die Reform des Sozialstaates – ist eine der größten in unserer Zeit – sie muss aber bald gelöst werden.

1 Margaret Thatcher – Leader’s speech, Blackpool 1975

2 Wilhelm Röpke – Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 214

3 Jörg Guido Hülsmann – Ordnung und Anarchie, S. 37

4 Wilhelm Röpke – Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 228

5 ebenda

6 a.a.O, S. 216

7 a.a.O, S. 231

8 Ludwig von Mises – Wurzeln des Antikapitalismus, S. 51

9 F.A. Hayek – Der Weg zur Knechtschaft, S. 171

10 Alexander Rüstow – Religion der Marktwirtschaft, S. 62f.

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