Evolution und Katholizismus

Oft wird behauptet die Katholische Kirche sei gegen die Evolutionstheorie. Wobei interessanterweise der Kreationismus eher ein protestantisches Phänomen, denn ein katholisches ist .Die Evolution ist für den Katholiken überhaupt kein Problem, im Gegenteil.

Es gehört zu den größten Irrtümern zu glauben die Katholische Kirche habe die Evolutionstheorie abgelehnt. Sie steht auf der gleichen Stufe wie der Irrtum über die Verurteilung Galileo Galilei, wo es darum ging, ob er seine These als These oder bereits als bewiesen präsentiert.

Das gleiche gilt für Charles Darwin. Interessanterweise hat das Lehramt weder Darwin verurteilt, noch seine Schriften auf den Index Librorum Prohibitorum gesetzt. Daher hat die Katholische Kirche sich nicht, wie anderen Kirchen, bei Darwin entschuldigt. Für nicht getane Taten braucht man sich nicht zu entschuldigen.

Aber lehrt nicht die Bibel die Schöpfung in sieben Tagen? Ist es nicht ein falsches Relativieren der Heiligen Schrift? Zunächst einmal benutzt die Bibel oft genug „Tage“ und „Wochen“ um längere Zeiträume zu beschreiben. Für den Katholiken stellt sich die Frage insofern nicht, als dass er ja Lehramt und Tradition zur Hand hat. Und da gilt „keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden“ (2. Petr. 1,20) – also folglich das Lehramt die Schrift verbindlich auslegt – kann kein einzelner Katholik behaupten es sei verbindlich Genesis 1 wörtlich auszulegen.

Es gibt zwar keine ausdrückliche Erklärung wie Genesis 1 auszulegen ist, aber die Tradition gibt hier eine mögliche Richtung. Zunächst einmal ist es interessant zu sehen, dass die Kirchenväter die Bibel klarer sehen, als Kreationisten. Denn die Bibel war „nie dazu bestimmt gewesen, in einer Lehre zu unterrichten, … sie [soll] nur beglaubigen. Und wir müßten uns, um die Lehre kennen zu lernen, an die Definitionen der Kirche, den Katechismus und das Credo halten.“1 Und schon Augustinus machte deutlich, dass die Heilige Schrift nie als universale Enzyklopädie gedacht war. Denn schließlich lesen wir im Evangelium nicht „der Herr habe gesagt: Ich sende euch den Parakleten [= Heiliger Geist] , der euch über den Lauf der Sonne und des Mondes unterrichten soll. Er wollte uns zu Christen machen und nicht zu Sternkundigen.“2 Wenn wir dem hl. Kirchenvater folgen, sehen wir Genesis deutlich und klar. Denn wenn wir Christen werden sollen, dann müssen wir über die Natur nur eins wissen, nämlich, dass sie Gott gemacht hat. Daher sagt auch Augustinus, dass niemand sich fürchten solle „wenn vielleicht ein Christ von der Kraft und der Zahl der Elemente nichts weiß oder von der Bewegung, der Ordnung und Verfinsterung der Gestirne“3. Denn schließlich: ist es für den „den Christen … genug, wenn er den Grund alles Geschaffenen, sei es im Himmel oder auf der Erde, sei es Sichtbares oder Unsichtbares, in gläubiger Gesinnung nirgends anderswo sieht als in der Güte des Schöpfers“4.

Aber der heilige Augustinus gibt uns nicht nur eine Richtungsbestimmung der Heiligen Schrift, sondern auch einen viel interessanteren Gedanken. Nämlich der creatio continua der dauerhaften und immerwährend Schöpfung und Lenkung der Welt durch Gott. Zudem machte Augustinus deutlich, dass Genesis 1 schon deshalb nicht 6x24h umfassen könne, weil ein Tag ja die Umdrehung der Erde ist. Aber die Erde wurde erst später geschaffen. Wie kann man vom ersten Tag, in Sinne von 24 h, reden wenn es die Erde noch gar nicht gab?

Der Gedanke, dass Genesis 1 eher allegorisch zu verstehen sei lehrten auch andere Kirchenväter. Origenes wies darauf hin „Adam“ heiße einfach nur Mensch. Gregor von Nyssa hielt Genesis für einen eher mythischen Text, eine Art Gleichnis zur Verdeutlichung eines Sachverhaltens.

Dieser Gedanke findet sich auch beim hl. Athanasius. Der ägyptische Kirchenvater fasste sowohl Fall als auch Erlösung als einen langen Prozess auf. Nicht wie die Protestanten behaupten mit der Bekehrung Christi sei die Erlösung fertig. Für Athanasius fällt der Mensch in einem langen Prozess. Und daher ist auch seine Erlösung nicht eine einzige Handlung. Es geht darum, dass „er [Gott] wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden.“5 Erlösung ist ein langer komplizierter Prozess, indem der Mensch anders werden muss. Wäre Erlösung mit einem kurzen Akt beendet, wäre das Bußsakrament schlicht unnötig. Auch kann nur in diesem Kontext der Ablass verstanden werden.

Der Entwicklungsgedanke ist aber nicht bloß die Idee ein paar antiker Kirchenväter; er ist substantiell und grundlegend für die gesamte Katholische Kirche. Wäre das Christentum statisch und ohne jedwede Entwicklung, so wäre der Katholizismus im Irrtum. Denn der Katholizismus lehrt, dass die Apostel uns – gelehrt vom Gottmenschen Jesus Christus – das gesamte Glaubensgut gaben. Sie weihten Bischöfe und gaben der Kirche die Lehrautorität. Aber nun ist es der Glaube der Katholische Kirche, dass sich das Glaubensgut entwickelt, ja entfaltet. Es ändern sich nicht, es wird klarer und deutlicher. Der Kirchenvater Hieronymus verglich die Lehrentfaltung (nicht Lehrveränderung) mit dem biblischen Gleichnis von Samen und Baum. Der heute stehende Baum ist immer noch der gleiche, von den Aposteln gesäte Samen.

Freilich muss man unterscheiden zwischen menschlichen Traditionen und göttlichem Recht. Denn schon Christus sagte (Mk.7:7f.) es sei verboten menschliche Überlieferung als göttliche zu verkaufen. Die Praxis in der Messe den Kelch nicht zu geben, war nicht göttliches Recht, sondern menschliche Konvention. Aber freilich beruht „echte Treue zur Tradition… gerade auf der Akzeptanz einer neuen Formulierung des Überkommenen.“6 Aber bei jeder Reform gilt, dass sie ihre Zeit hat. Das Verständnis der Menschen muss sich wandeln. So ging auch Gott vor. Erst kam der Polytheismus, dann die griechische Philosophie, dann die Offenbarung in Israel und dann erst die Menschwerdung Gottes. Gott geht mit den Menschen eine Weg; er ist Pädagoge. Dies meint auch der Kardinal Newman, wenn er schreibt: „Alles hat seine Zeit. Mancher wünscht die Abschaffung eines Missbrauchs, die Weiterentwicklung einer Lehre oder die Vornahme einer bestimmten Maßregel, vergisst aber dabei, sich zu fragen, ob die rechte Zeit dafür schon gekommen sei. Und da er sieht, daß außer ihm sich niemand zu seinen Lebzeiten an die Erfüllung seines Wunsches macht, sofern er es nicht selbst tut, so hört er nicht auf die Stimme der Autorität und vereitelt ein gutes Werk in seinem Jahrhundert, so daß es ein anderer, der noch gar nicht geboren ist, nicht einmal im nächsten Jahrhundert glücklich zur Vollendung bringen kann. Der Welt mag er als kühner Kämpfer für die Wahrheit und als Märtyrer der freien Meinung gelten, während er gerade zu den Menschen gehört, denen die zuständige Autorität das Schweigen auferlegen muss.“7 Insofern ist auch die Bibel, trotz ihrer Heiligkeit und Unfehlbarkeit, im Kontext der göttlichen Pädagogik zu sehen. Das bekannte Argument „im historischen Kontext“ macht nur in der Katholischen Kirche Sinn. Denn schon Christus machte deutlich, dass das Gesetz des Mose, historisch zu sehen sind, indem er sie erfüllte (aber nicht abschaffe). Und schon die frühste Theologie unterschied zwischen juristischen und göttlichen Geboten. Also solchen die ewig sind (10 Gebote) und den politisch-juristischen im Alten Testament, die dem Verständnis der Menschen entsprechen und dem nach auch zu kritisieren sind. Wenn Atheisten den Vorwurf machen das Alte Testament sei grausam, so muss man fragen wo es substantiell besser gewesen sei. Und man muss die Frage stellen ob es nicht vielmehr die Menschen waren.

Aber wichtig ist natürlich, dass man einen Rahmen hat. Der Protestant muss zum Relativsten oder zum Fundamentalisten werden. Ist Genesis 1 wörtlich? Gilt der Zehnten noch? Galt die Aussage von Paulus Frauen sollten Schleier (nicht mit dem islamischen Schleier zu verwechseln) tragen heute noch, oder für den Kulturraum, indem das für Frauen üblich war? Nur der Katholik kann hier rational und gläubig walten. Denn er hat ein unfehlbares Lehramt. Er hat die Konzilien, den Papst und vor Ort seinen Bischof um zu wissen, welche Entfaltung legitim ist.

Der Katholizismus kennt den Entwicklungsgedanken als zentrales Prinzip. Daher stellt die Evolution kein Hindernis dar. Wobei man immer klar vor Augen haben muss, dass die Kirche vor allem Kirche und nicht Labor ist.

Allgemein gibt es keinen Widerspruch zwischen Theologie und Wissenschaft. Denn Psalm 19 sagt:
„Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“ Der Gläubige beschäftigt sich mit dem, den die Erde rühmt. Der Wissenschaftler mit dem, was da rühmt. Insofern bilden zwar Vernunft und Glaube zwei getrennte Dinge. Schon Johannes-Paul II. sagte Glaube und Vernunft seien zwei Flügel, mit denen sich der Mensch zur Wahrheit schwingt. Oder um mit Prof. Hattrup zu sprechen: Wissenschaft bzw. Natur die Wirklichkeit die ich ergreife und Gott die Wirklichkeit die mich ergreift. Indem Hattrup sowohl die Realität von Notwendigkeit und Zufall denkt, ist es möglich sowohl Freiheit (als Schattenspiel zwischen beidem) und Gott neu zu denken.

Im Übrigen hat die Kirche die Wahrheit hochgehalten, Gott könne mit der Vernunft erkannt werden. Denn schließlich sagte das erste Vatikanische Konzil, das heute nur noch mit der Unfehlbarkeit des Papstes verbunden ist, folgendes: „Wer sagt, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr, könne nicht durch das, was gemacht ist, mit dem natürlichen Lichte der Vernunft sicher erkannt werden, der sei mit dem Anathema belegt.“ Also Ausschluss aus der Kirche. Insofern stellt die Naturwissenschaft einen wichtigen Teil des menschlichen Suchens nach Gott dar, auch wenn sie nicht religiös sein soll. Aber die große Anzahl christlicher Naturforscher (z.B. Mendel) zeigt die Synthese zwischen beiden.

Über alle Überlegungen muss jedoch immer der Schleier der Unwissenheit stehen. Hybris ist verderblich; es gibt weder die Weltformel noch das Allwissen. Wissenschaft ist vor allem Theorie und der vorläufige Stand des Irrtums. Und für alle – Atheisten und Christen, Theologen und Naturwissenschaftler, gilt: „Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir’s, wenn du so klug bist!“ (Hiob 38:4)

 

1 John Henry Newman – Apologia pro vita sua

2 Augustinus – c. Fel. 1,10

3 Augustinus – Glaube, Liebe, Hoffnung, 3

4 Augustinus – ebenda

5 Athanasius – Inkarnation, 54

6 Michael Fiedrowicz – Theologe der Kirchenväter, S.336

7 John Henry Newman – Apologia pro vita sua

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