Kurze Verteidigung des Katholischen Glaubens

Die Abfassung dieses Textes liegt einige Monate zurück.

Inhalt:

  1. Im Anfang war das Wort1. Vorwort2. Einleitung
  1. Gibt es Gott und wenn ja wie viele?1. Die Gottesfrage1.1. Ontologischer Gottesbeweis

1.2. Verzweiflung

1.3. Wahrheit und Futur 2

2. Sinai oder Pantheon?

3. Glaube ist nicht Wissen

4. Gott und der Stein

  1. Und das Christentum hat doch Recht1. Personalität und Pluralität2. Christus und das Sittengesetz
  1. Alle Wege führen nach Rom1. Merkmale der Kirche2. Lehrentfaltung und Lehramt
  2. Schluss
  1. Im Anfang war das Wort

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Johannes 1,1

  1. Vorwort:

Inhalt des vorliegenden Textes ist, eine möglichst kurze Verteidigung der katholischen Glaubenslehre. Er behandelt nicht die gesamte und vielfältige Breite an Vorwürfen, Anschuldigungen und notwendig anzusprechenden Themen.

Trotz dessen soll hier – vollständig, aber kurz – dargelegt werden, warum die Katholische Kirche die einzig wahre ist. Im Grunde geht es darum, sich an die Weisung des hl. Apostels Petrus zu halten: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (1. Petrus 3,15)

  1. Einleitung:

Der immer noch aktuelle Missbrauchsskandal, der Reformstau und so viele anderen zeigt einmal mehr, wie stark die Katholische Kirche doch in der Kritik steht. Dabei sind es nicht nur Atheisten, sondern (immer noch) Protestanten und „Reformkatholiken“1 die die Kirche kritisieren.

Bekenntnis sei nur eine Kategorie für Alte und Dumme. Kein vernünftiger Mensch könne Katholik sein. Diese starre Kirche, diese Dogmen und die Ethik! Der einzige katholische Satz mit dem die moderne Welt übereinstimmt ist: „Credo, quia absurdum est“ („Ich glaube, weil es unvernünftig ist“) Leider ist dieser Modernismus eine der größten Plagen der modernen Christenheit: EKD-Chef Schneider leugnet nicht nur das Sühnopfer, sondern spricht sich auch für Abtreibung und PID aus. Theologen beider Richtungen leugnen die Gottheit Christi, das Dreifaltigkeitsdogma und die Jungfräulichkeit Mariens. Die historisch-kritische Exegese, die weder historisch noch kritisch ist, hat die Oberhand gewonnen.

Aber interessanterweise sucht unser hedonistisch-säkulare Welt das Tiefsinnige, das Übermaterielle. Ihr Verlangen nach dem Metaphysischen kommt in Esoterik, Kleinkirchen und den östlichen Philosophien, primär dem Buddhismus, zum Ausdruck.

Aber warum können die einheimischen Kirchen davon nicht profitieren? Warum erleben wir keine christliche Wiedergeburt, wie z.B. in den islamischen Ländern? Zwar redet man oft von der Rückkehr der Religionen, aber im Grunde bleibt sie doch aus. Die Kirchen sind leer, die Mitgliederzahlen sinken und Priestermangel ist ein verbreitetes Phänomen.

Wo liegen die Gründe? Es gibt wohl zwei wesentliche Ursachen : 1. Sowohl Katholiken als auch Nicht-Katholiken sind sich nicht über den Wesenskern des Katholizismus im Klaren, 2. Die vom Staat privilegierte Kirche wird als religiöse Bürokratie angesehen. Die oben angesprochen Gruppen sind dynamisch, ungebunden und neu.

Aber worin besteht denn der Wesenskern des Katholizismus? Glauben wirklich nur Idioten und Alte? Nur als Kinder Indoktrinierte? Glauben nur die die meinen Beten sei gesund und Fasten entgifte? Glauben nur jene, die der Meinung sind, in der Kirche fände man eine gute Gemeinschaft und nette Personen? Mir scheint letztere Gruppe ist u.a. ein Grund dafür, dass der Katholizismus verkannt wird. Denn Katholizismus bringt weder Gesundheit noch Frieden noch Einheit. Bei Christus geht es nicht um ein harmonisches Zusammenleben voller Nettigkeit. Christentum ist keine Grillparty im Pfarrgarten. Denn schon Jesus sagte: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.“ (Mt.10,34)

Wer Katholik sein will, muss sich von der Vorstellung was Katholizismus sei befreien. Wer den Katholizismus verbreiten will, darf ihn nicht schön reden und entkatholisieren. (wie Anselm Grün). Wir dürfen aber auch nicht zu moralistischen Pharisäern werden. Denn für uns alle gilt:„Man ist immer Christ um es zu werden.“ (Karl Rahner)

  1. Gibt es Gott und wenn ja wie viele?

An Gottes Dasein glauben heißt: ich stehe nicht mehr vor einem Argument, das meine Zustimmung verlangt, sondern vor einer Person, die mein Vertrauen fordert. (C.S. Lewis)

  1. Die Gottesfrage

Es gibt in der Diskussion um die Katholische Kirche ein großes Defizit: wir reden über marginale Themen. Zwar sind die Ablehnung des Frauenpriestertum und die kirchliche Sexuallehre wichtig, aber nicht – wie der Manfred Lütz sagte – Sterbebettfragen. Wenn jemand auf dem Sterbebett liegt, ist ihm herzlich egal, ob Frauen Priester sind oder nicht. Wichtiger ist ob es Gott gibt oder eben nicht.

Und auch die Apologie muss hier anfangen. Denn schließlich beginnt schon die Bibel damit, dass Gott die Welt schafft. Das ist der zentrale Satz, ohne den alles unverständlich ist. Hier bereits scheiden sich die Geister. In Deutschland glauben immer weniger Menschen an Gott, von Christus oder die Katholische Kirche ganz zu schweigen.

Unter der Vielzahl der möglichen Gottesbeweise, seien drei exemplarisch für eine große Anzahl herausgegriffen.

    1. Ontologischer Gottesbeweis:

Der heilige Kirchenlehrer Anselm von Canterbury († 1109) entwickelte in seinem Werk Proslogion den sogenannten „Ontologischen Gottesbeweis.“ Er ist dadurch gekennzeichnet, dass er nicht auf Erfahrungswerten aufbaut, sondern nur auf der Ontologie, der Lehre vom Sein.

Anselm sagt: Gott ist das worüber nichts gedacht werden kann. Nichts größeres als Gott kann gedacht werden. Denn Gott ist schließlich der Schöpfer. Der Macher ist nicht kleiner als sein Werk. Aber der Atheist ist der Auffassung Gott existiere nicht; er sei bloß eine Idee in meinem Kopf. Freilich gibt es hier ein Problem: wenn Gott nur eine Idee in meinem Kopf ist, kann er nicht das sein worüber nichts größeres gedacht werden kann und somit nicht Gott. Gott muss, um das zu sein, worüber nichts größeres gedacht werden kann, außerhalb meines Kopfes existieren. Sonst wäre er nicht Gott. Wenn wir aber sagen Gott existiert außerhalb meines Kopfes müssen wir aufhören Atheisten zu sein, denn dann existiert Gott wirklich.

    1. Verzweiflung:

Obwohl der lutherischPhilosoph Søren Kierkegaard die Idee einer rein rationalistischen Gotteserkenntnis (Positive Theologie) ablehnte, bietet sein Werk Krankheit zum Tode doch eine logisches Argument für die Existenz Gottes.

Ausgangspunkt ist für den Dänen die Verzweiflung – sie ist die Krankheit zum Tode. Im Grunde, so Kierkegaard, lässt sich die Verzweiflung auf ein Missverhältnis im Menschen zurückführen. Denn der Mensch ist eine Synthese. Er besteht auf der einen aus Ewigkeit, Moral, Geist und Gutem, auf der anderen Seite aus Zeitlichkeit, Sittenlosigkeit, Materie und dem Schlechten. Das Selbst des Menschen ist nun das Verhältnis der Synthese zu sich. Das Selbst ist kein festes, sondern besteht in der Relation der Synthese zu sich selbst.

Dass die Verzweiflung so gesehen werden muss erschließt sich daraus, dass sie existentiell ist; Sie liegt in der schlichten Natur widerfährt uns nicht; sie ist keine Krankheit wie Kopfschmerzen.

Nun kommt für Kierkegaard Gott ins Spiel. Entweder hat sich der Mensch selbst in dieses Verhältnis der Synthese gesetzt (denn die Synthese selbst kein Missverhältnis, sondern bloß eine Art wie sie ist) oder es wurde gesetzt. Es muss von Gott gesetzt sein. Denn hätten wir es gemacht, können wir uns hieraus befreien. Wir wären in keinem Missverhältnis. Nur wenn es einen Setzer gibt, der uns in ein Verhältnis gesetzt hat ist die Verzweiflung möglich. Und das Missverhältnis ruht daher, dass wir in einem Missverhältnis zu dem Setzer stehen.

Kierkegaard weist auch auf die Implikationen für die Seele hin. Denn der Verzweifelte verzehrt sich selbst. Aber der Verzweifelte vermag nicht zu sterben. Er ist gefangen im Leben. Darin besteht ja das Schreckliche, das Wesen, der Verzweiflung. Könnten wir uns durch einen Akt des Todes von ihr befreien, so hätte sie ihren Schrecken verloren. Aber so wenig wie ein Dolch einen Gedanken tötet kann, so wenig der Verzweifelte das Ewige in sich, dem die Verzweiflung zuzuordnen ist, töten.

    1. Wahrheit und Futur 2

Der grundlegendste Argument – der letzte Gottesbeweis – entstammt dem deutschen Philosophen Robert Spaemann, wobei deutliche Inspiration von Augustinus sichtbar ist. Dieser letzte Gottesbeweis trägt seinen Namen deshalb, weil er nichts voraussetzt. Er ist grundsätzlich und beginnt bei der Wurzel der Dinge: Wahrheit.

Die Wahrheit hängt na Gott.

Gibt es so etwas wie Gott nicht, dann gibt es nur nur unsere partikularen Perspektiven, unsere subjektiven Sinneseindrücke, unsere vom Geist konstruiere Realität. Es gibt dann nichts unbedingtes, nicht ewiges, nichts objektives und nichts über das Subjektive herausgehende. Descartes Horrorvision, wäre wahr.

Nietzsche erkannte den Zusammenhang und propagierte die absolute Absurdität und Unwahrheit. In der nietzschen Welt existiert nur das subjektive Prinzip der Lust. Ja, wenn wir es konsequent denken, müssen wir sogar unsere Vernunft aufgeben. Dann ist selbst die Vernunft etwas subjektives und nicht etwas objektives.

Wenn Gott stirbt, stirbt die allgegenwärtige, ewige und unsterbliche Wahrheit. Darüber müssen wir uns klar sein. Und im Grunde ist dieser Gottesbeweis aus der Wahrheit keiner. Er ist nur eine Art Angebot. Dem Zweifler werden zwei Prinzipien entgegengestellt: Wahrheit (und damit Gott) oder die totale Absurdität (und damit Atheismus). Besonders dem Atheisten muss dies deutlich sein. Denn er will unsere Freiheit und die Wahrheit. Aber indem er Gott stirbt, stirbt die Wahrheit. Die atheistische Mission – den Menschen die Wahrheit zu bringen, gegenüber der religiösen Unwahrheit – stirbt mit Gott.

Insofern hatte Kardinal Newman Recht, als er sagte es gäbe nur die Wahl zwischen Atheismus und Katholizismus. Wir können – im Grunde – dem Atheisten nur sagen wenn du Gott ablehnst sind das die Folgen. Möchtest Du sie tragen oder nicht?

Dem Atheisten muss klar sein, dass es nur den Weg zwischen Gottesglaube und totaler Absurdität gibt. Denn er muss alles logische, alles wahre, alles rationale verwerfen. Fällt die Wahrheit, fällt auch die Vernunft und ihre Anspruch objektiv wahres zu erfassen. Die Naturwissenschaft muss, obwohl sie meint „rational“ zu sein, fallen. Denn sie hat einen religiösen Glauben an die Naturgesetze. Sie glaub es gäbe Wahrheit und die Naturgesetze seien gut, weil sie objektive Wahrheiten zeigen und nicht täuschen. Mit Gott fällt jede Anspruch auf rational-objektive Erkenntnis.

Aber es geht noch weiter. Wenn die Wahrheit fällt, fällt, wie Spaemann darlegt, auch der Futur 2. Wenn es keinen Gott gibt, dann ist die Aussage „Ich werde gegessen haben“, und damit auch „Ich werde in 1 000 mio Jahren gegessen haben“ irrational. Denn diese Tatsache ihre Wirklichkeit im meinem Erinnertwerden. Aber ich sterbe irgendwann, die Erinnern endet. Und auch alle Spuren und Beweise enden. Aber „da zur Vergangenheit immer eine Gegenwart gehört, deren Vergangenheit sie ist, müssten wir also sagen: mit der bewussten Gegenwart – und Gegenwart ist immer nur als bewusste – verschwindet auch die Vergangenheit“2 und damit logischerweise das Futur 2. Aber wenn der Futur 2 stirbt, also die Zukunft, stirbt die Gegenwart. Wenn ich in 1 000 Jahren hier nicht gesessen haben werde, dann tue ich das auch jetzt. Aber ich sitze hier doch. Das heißt wir müssen das totale absurde denken, wenn Gott weg ist.

Die Existenz der Wahrheit und ihre Unleugbarkeit (zu sagen es gibt keine Wahrheit, ist eine wahre Aussage, womit Wahrheit existiert) zwingt uns folglich Gott zu denken, ohne alles zu verleugnen und zu verwerfen, was wir glauben. Alle Bereiche wären davon betroffen. Über die Konsequenzen müssen wir uns klar werden. Die Aufklärer und ersten Atheisten waren es nicht. Nietzsche schon und das macht ihm zu konsequenten Atheisten.

  1. Sinai oder Pantheon?

Es ist interessant, dass beim philosophischen Diskurs über Gott eine Richtung unterschlagen wird. Wir reden nämlich ständig über die Schlacht zwischen Atheismus und dem Theismus, also der „Lehre von einem persönlichen Gott als Schöpfer und Lenker der Welt“3 Aber schaut man in die Menschheits- und Religionsgeschichte so ist der Monotheismus eine späte Idee. Als dauerhafte Idee kam er erst mit Mose aus dem Sinai.

Aber warum sollten wir eigentlich dem Monotheismus folgen? Warum nicht dem Polytheismus? Griechen, Inder, Ägypter, Römer, Indianer und so viele andere Völker haben das schließlich auch praktiziert.

Ist denn nicht dem Polytheismus Naturfreude und Friedlichkeit inhärent, wie Eugen Drewermann meint? Oder warum nicht Pantheismus?

Im Grunde ist die Frage schon oben beantwortet worden. Denn wenn Gott ist die Wahrheit, und die Realität des Vergangen ist, dann kann es nur einen Gott geben. Gäbe es mehre Götter, dann gäbe es mehre Wahrheiten und Realitäten. Aber das ist absurd. Die Aussagen: „Christus ist Gott“ und „Christus ist nicht Gott“ können nicht gleichsam wahr sein. Entweder oder. Entweder sitze ich hier – und werde ich das Ewigkeit getan haben – oder nicht. Aber nicht beides. Alles andere ist Unsinn und selbst wenn Götter es täten, bliebe es Unsinn.

  1. Glaube ist nicht Wissen:

Wenn man in den Diskurs eintritt mit Atheisten kommt man an einen zentralen Satz nie vorbei: „Glaube sei nicht Wissen“. Wir Christen würden einfach irgendwas für wahr halten, wofür es keine Beweise gäbe. Oder kurz mit dem Spruch der Mathematiklehrer: „Glauben tun wir in Religion, Wissen tun wir in Mathematik.“

Zu nächst sei erst mal vermerkt, dass „Glaube heißt das Unglaubliche zu glauben, sonst wäre er auch keine Tugend.4 Würde Gott in der Tagesschau erscheinen und seine Existenz bekunden, so läge darin kein Verdienst, an Gott zu glauben. Daher besteht auch für den Christen kein Verdienst in seinem Glauben, denn der Heilige Geist beruft dazu.5 Glauben ist für Christen eine Gnade, ein Geschenk. Kein Christ kann sich daher rühmen.

Aber wir müssen tiefer in das Thema einsteigen. Denn Glaube ist keine Emotion, wie Hunger. Der wahre Gläubige springt nicht von Ast zu Ast. Der christliche Glaube „ist die Fähigkeit, allen Gefühlsschwankungen zum Trotz am Überzeugungen festzuhalten, die man einmal als richtig erkannt hat.6

Der christliche Glaube besteht auch nicht darin, bestimmte Dogmen (Gottheit Christi, Papsttum etc.) für schlicht wahr zu halten. Das Fürwahrhalten ist zwar essentieller Teil des Glaubens, aber nicht er selbst. Er gehört nicht zum himmlischen Dreigestirn von Glaube, Liebe und Hoffnung. Denn schon Augustinus schreibt „Glauben haben ja schließlich, wie der Apostel Jakobus [Jak. 2:9] sagt, sogar die Teufel7 Und als Christus die Dämonen austreibt, identifizieren sie ihn als Sohn Gottes (Lk.8:28f.). Ist das hier der tugendhafte Glaube?

Glaube ist mehr als ein für wahr halten. darum kann man ihn nicht intellektuell hervorrufen. Alle gedanklichen Argumente treiben uns nur an den Rand. In den Glauben müssen wir selbst springen. Denn Glaube ist eine innere Gewissheit.

Manfred Lütz bildete hier zu ein Beispiel. Wenn er Fallschirmspringer wäre und er würde, kurz vor dem Abheben der Maschine, den Angestellten fragen ob sein Fallschirm sicher sei, und dieser würde antworten: „Ach joar, ich denk‘ mal“, dann reicht nicht Glauben, sondern er will wissen Aber würde seine Frau, sagten: „Er ist sicher, du kannst mir vertrauen.“, dann wäre hier kein loser Glaube, sondern eine Gewissheit. Ein Band der Gewissheit zwischen zwei Personen. Auch die Bibel zeigt uns das, als Hiob – der soviel Leid erlitt – sagte „ich weiß mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,22); dieses Wissen war Gewissheit, also mehr als Wissen.

Wir sollten uns darüber klar sein, dass „wann immer über den Glauben geredet wird,“ nicht vergessen werden sollte, „dass eines der stärksten Glaubensbekenntnisse im Neuen Testament so heißt: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“8 (Mk. 9,24).

Glaube ist eben mehr als ein Wissen, sondern eine persönliche Beziehung, ein existentielles Vertrauen zu einer Person. Glaube richtet sich nicht an Dogmen, sondern an eine Person. Gott ist kein Konstrukt, die Wahrheit keine Idee, sondern eben eine Person. Wäre Glaube nur ein für wahr halten, wäre die Bitte von Millionen Katholiken im Rosenkranz „der in uns den Glauben mehre,“ überflüssig.

Und da der christliche Glaube kein loser abstrakter ist, sondern ein in der Geschichte verwurzelter, müssen wir eins bedenken: rief Thomas den berühmten Satz „Mein Herr und mein Gott“ (Joh. 20,28) aus, weil er intellektuell und theoretisch davon überzeugt wurde? Wäre Petrus zurück nach Rom gegangen um zu sterben, wenn er die Auferstehung – wie heute einige Theologen sagen – als ein Glaubenszeugnis betrachtet hätte, dass man nicht wörtlich verstehen darf? Hat sich Bartholomäus enthäuten lassen, wenn er nur an eine Idee, und nicht an eine Person, geglaubt hätte? Wir müssen uns klar sein, dass die Apostel keine Philosophen, sondern Fischer aus Galiläa [waren]. Sie haben nicht spekuliert, für sie zählten nur Fakten.“9

Oder was ist mit den Märtyrern in Korea, die sich dem falschen Staatsmythos entziehen und sich dem einzig wirklich historischen Mythos10 von Christus zu wenden? Glauben sie an den „historischen Jesus“, der ein Konstrukt ist, oder an den persönlichen Christus, der gegenwärtig ist? Der Fall ist klar: Glaube ist nicht Wissen. Wer sagt er wisse, dass es Gott gibt, glaubt nicht. Und das ist das fatale.

  1. Gott und der Stein:

Kann Gott einen Stein schaffen, den er selbst nicht heben kann? Das ist wohl einer der berühmtesten atheistischen Sätzen. Der nichtchristliche Gläubige ist in die Ecke gedrängt. Der Christenmensch aber muss weder verzweifeln, noch die Aggression als Ausweg suchen. Denn unser Glaube ist kein Konstrukt, nicht abstrakt. Wir philosophieren nicht über Gott, er hat sich gezeigt. Wir sagen nicht: „Was wäre wenn Gott…“, sondern wir sagen, Gott hat dies und jenes getan. Gott ist Person und konkret geworden. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh. 1,14) Alle unsere falschen abstrakten Theorien werden von Gottes Wort verschlagen und zwar wortwörtlich.

Die Stein-Frage spielt nicht dem Atheisten, sondern dem Christen in die Hände. Denn dieser Satz ist gerade Inhalt seines Glaubens, ja so zentral, dass eine Streichung das Ende des Christlichen bedeute. Schließlich ist Christus Gott-Mensch; wahrer Mensch und wahrer Gott zu gleich; das ist Jesus Christus. Die innere Dialektik der Person Christi macht seine Einzigartigkeit und Qualität aus. Und nur der Christ kann diese Frage lösen.

Der hl. Gregor von Nazianz fasst es in seiner dritten theologischen Rede deutlich zusammen: “Er wurde als Mensch getauft, aber er vergab als Gott Sünden… Er wurde als Mann versucht, und überwand als Gott… Er hungerte, aber er speiste Tausende. Ja, er ist das Brot, das Leben gibt und das vom Himmel kommt. Er dürstete, aber er rief, wer da dürstet, der komme zu mir und trinke… Er betet, aber er erhört auch Gebete. Er weint, aber er trocknet Tränen. Er fragt, wo Lazarus begraben ist, denn er ist ein Mensch; aber als Gott erweckt er Lazarus vom Tod ….“

Und im Anschluss an den hl. Kirchenvater kann der heutige Christ nur sagen: so wie der leidensunfähige Gott sich durch ein Wunder zum Menschen machte um als Mensch zu leiden, so kann er auch als Gott einen Stein schaffen, den er als Mensch nicht heben kann.

  1. Und das Christentum hat doch Recht!

Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann. C.S. Lewis

  1. Personalität und Pluralität

Es gibt ein interessantes Faktum, wenn wir über den Personenbegriff nachdenken. Denn wir stellen eins fest: Personsein kann man nicht allein! Wie kann ich ich sein, ohne alle anderen?

Wenn wir das auch Gott anwenden, kommt eine schmerzhafte Erkenntnis: Ein Gott der nur eine Person ist, kann nicht gedacht werden. Ein einpersoneller Gott ist irrational. Aber wir können auch nicht mehre Götter denken, wie oben beschrieben. Worin besteht der Ausweg? Gott muss irgendwie einer sein, aber doch viele. Aber wie ist das zu denken?

Hier kommt uns die allerheiligste Dreifaltigkeit zu Hilfe. Sie erlaubt uns, Gott als einer und Gott als viele zu denke. Allein sie bekennt den wahren Gott; Gott kann nur Person sein in der Trinität. Alles andere ist widersinnig.

  1. Christus und das Sittengesetz:

Wenn wir Gott gibt und seine Perspektive identisch ist mit der Wahrheit, gibt es folglich eine wahre Ethik. Wir müssen nicht Christen werden, um zu wissen, welche Ethik richtig ist. Wir alle haben wissen was gerecht und gut ist. Wie Logik und Vernunft kann das wahre Moralsystem nicht widerlegt oder rational begründet werden. Warum ist der Mord illegal? Warum ist ein Lynchmord, den alle wollen, unmoralisch? Warum ist es unmoralisch eine Person zu töten, die keine Schmerzen hat und unter deren Nichtexistenz niemand leitet? Warum ist es ungerecht, dass die einen verhungern, die anderen aber schlemmen? Weil es ungerecht und unethisch ist. Moral wird vorgefunden und nicht rational begründet. Moral ist wie Farbe. Wir finden sie vor und unser Geist hat eben sowenig die Macht, einen neuen Wert zu erfinden, wie eine neue Primärfarbe auszudenken oder eine neue Sonne und ein neues Firmament für ihren lauf zu erschaffen.“11

Es gibt daher ein natürliches Sittengesetz, das moralisches Gesetz, dass uns ins Herz geschrieben ist, wie der Apostel Paulus schreibt. Mord, Ehebruch, Diebstahl und Betrug waren und sind in allen Kulturen unmoralisch. Selbst Nazis und Kommunisten konnten aus dem Muster nicht ausbrechen. Selbst die Schlächter von Auschwitz und dem Archipel Gulag konnten die Moral nicht überwinden; auch sie mussten sich moralisch rechtfertigten, in dem sie die Minderwertigkeit einer Rasse bzw. Klasse postulierten.

Es gibt ein Sittengesetz und wer es akzeptiert muss Christ werden. Wer es ablehnt, vergewaltigt seine Natur. Warum folgt aus dem universellen Sittengesetz die Wahrheit einer Religion, die in Israel entstand?

Wir müssen uns klar machen, was Christlich ist. Der Satz „Gute Menschen kommen in den Himmel“, ist der unchristlichste Satz der Welt. Christlich ist der Satz: „Schlechte Menschen kommen in den Himmel.“ Christus sagte nicht Gott freue sich über einen Gerechten mehr als über 99 Büßer, sondern er sagte: „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ (Lk. 15, 7).

Wenn es um das Sittengesetz geht, so muss der Christ als erstes sagen: Wir können es nicht halten. Wir sind Sünder, unsere Natur ist verdorben (= Erbsünde), wir sind unfähig! Und hier kommt der entscheidende christliche Moment, das große Paradoxon christlichen Glaubens. Der Satz „ich glaube, weil es widersprüchlich ist“, ist nicht modernistisch und antikirchlich, sondern christlich bis aufs Blut.

Denn wir sind Sünder, wir sind unfähig. Aber das Sittengesetz kennt keine Gnade. Es kennt nur das moralische Rechtfertigen (Ich hat das Schlechte, weil…), aber nicht das Nachgiebige, das Vergebende. Das Nachgiebige kennt nur eine Person; nur Gott kennt es. Eine göttliche Welt, eine Kraft oder „eine unpersönliche Intelligenz um Nachsicht oder Straferlaß zu bitten, wäre genauso sinnlos, wie das Einmaleins um Nachsicht zu bitten, wenn man falsch gerechnet hat.“12

Aber Gott steht vor einem Paradoxon, Er kann nicht auf Strafe verzichten, d.h. die Schuld einfach vergessen. Dann wäre er nicht gerecht. Er kann uns aber auch nicht verdammen, das wäre ungnädig. Gnade und Gerechtigkeit müssen aber sein!

Was ist die Lösung? Was tun mit dem Schuldnern der nicht zahlen kann, aber die Schuld getilgt werden muss? Die Antwort kann nur sein, jemand anderes muss es tun. Jemand anderes muss den Preis zahlen, die Schuld tragen, den Tod auf sich nehmen. Und dieser andere muss einer von uns sein, aber doch wieder nicht, denn dann wäre er so schwach wie wir. Er darf aber auch kein anderer sein, dann könnte er nicht unseren Schmerz und unsere Unfähigkeit kennen. Er muss Gott-Mensch sein!

Es muss Jesus Christus sein, wahrer Gott und wahrer Mensch, der sich für uns opfert und hingibt. Er muss leiden, damit wir es nicht tun müssen. Er zahlt den Preis, den wir nicht zahlen können, aber müssen.

Oft wurde der Versuch gemacht, dass Sühnopfer zu verleugnen und Gott Ungerechtigkeit zu unterstellen. Aber wer so denkt, verkennt das Wesen Gottes. Denn er ist streng und gütig (vgl. Römer 11,22). Beide Eigenschaften bedingen einander. Zum anderen versteht der Leugner nicht die Erlösung. Sie besteht darin, dass Christus sich hingibt, unsere Schuld trägt und unsere Natur umwandelt. Die Erlösung besteht in Einheit mit Gott. Die Spitze der Erlösung ist die Gottwerdung; und hier gilt der Satz des hl. Athanasius: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werden kann. Und wir sollten eins wissen: wer erlöst sein will, muss leiden. „Ohne dass Blut vergossen wird, gibt es keine Vergebung.“ (Hebr. 9,22)

  1. Mehr Katholizismus wagen

Dort wo Jesus Christus ist, ist die katholische Kirche. Ignatius von Antiochien

  1. Merkmale der wahren Kirche:

Die letzte Frage ist die Frage nach dem Katholischen. Warum sollte man Katholik und nicht z.B. Protestant werden?

Das Konzil von Konstantinopel (381), dass im Grunde jeder Christ anerkennt, hat in seinem Bekenntnis vier Merkmale der wahren Kirche definiert: Einheit, Heiligkeit, Allgemeinheit und Apostolizität. Was ist unter diesen Merkmalen zu verstehen?

Die Einheit meint, dass die Kirche nicht ein bloßer Verein ist. Sie ist eine von Christus gestiftete Einheit, über den Tod hinaus. Ihre Mitglieder sind durch die Sakramente Teil am mystischen Leib Christi. Heiligkeit meint dreierlei: 1. Einen Heiligen Stifter, 2. Heilige Lehre und 3. Heiligende Handlungen (= Sakramente). Allgemeinheit bedeutet, um die Regel des hl. Vinzenz von Lérins zu benutzen, den Glauben, der allen Christen allgemein ist. Das heißt, das was von allen (Keine Privatmeinungen), zu jeder Zeit (kein Trend) an jedem Ort (keine regionale Einzelmeinung) geglaubt worden ist. Das Prinzip der Apostolizität sagt aus, dass die Kirche auf die Apostel zurückgeht, die Christus berufen hat, seine Kirche zu leiten und sein Evangelium zu predigen.

An diesem vier einfachen Eigenschaften kann man leicht feststellen, welche Kirche im Recht ist. Die Gemeinschaft, der alle entsprechen ist im Recht. Welche Kirche hat nun diese Merkmale?

Protestantismus

  1. Einheit → Der Protestantismus ist nicht einig. Es gab immer eine Vielzahl von Protestantischen Gruppen, niemals eine wirkliche Einheit. Sie sind einfache Zusammenschlüsse. Calvinisten und Baptisten kennen nicht mal das Bischofsamt, dass Kennzeichen der Einheit ist. Eben diese Gruppen haben keine kirchliche Einheit, sondern sind lose Zusammenschlüsse.
  2. Heiligkeit → Der Protestantismus hat als Gründer Reformatoren und nicht Christus oder die Apostel. Er hat auch nicht alle sieben Sakramente und kein Priestertum wie es notwendig wäre. Einige Protestanten behaupten sogar, die Sakramente bewirken keine Gnade, sondern sind nur symbolhafte Zeichen.
  3. Allgemeinheit → Die Protestanten waren niemals allgemein. Ihr Glaube war eine Neuerung, ohne Grundlage in der 1 500 Jahren Geschichte. Sie sind auch nicht international. Besonders Lutheraner und Anglikaner waren immer Nationalkirchen, die in keinster weise international und somit allgemein sein können.
  4. Apostolizität → Die Protestanten lehnen jedwede Autorität der apostolischen Tradition ab. Luther behauptete die Nachfolge zu den Aposteln bestehe nur im Glauben und nicht in konkreter organisatorischer Nachfolge.=> Die Protestanten sind nicht die wahre Kirche. Sie sind, wie das Dokument Dominus Iesus zu Recht sagt, nicht mal Kirchen, sondern kirchliche Gemeinschaften.

Orthodoxie:

  1. Einheit → Die Orthodoxie ist eine einheitliche Gemeinschaft, die sich sakramental und episkopal verwirklicht. Sie haben Bischöfe und Patriarchaten.
  2. Heiligkeit → Sie hat die sieben Sakramente und das richtige Priestertumsverständnis.
  3. Allgemeinheit → Die Orthodoxie ist nur eine Einheit von Nationalkirchen (Serben, Russen, Griechen usw.), aber keine internationale Kirche. Sie sind nicht allgemein.
  4. Apostolizität → Sie erfüllen dieses Merkmal insofern, als dass sie die Autorität der apostolischen Tradition anerkennt und ihre Führer in apostolischer Nachfolge geweiht wurden. Sie erkennt aber bestimmte apostolische Lehren (Primat Petri, Unbefleckte Empfängnis) nicht an=> Die Orthodoxie ist eine wahre Teilkirche.

Katholizismus:

  1. Einheit → Die Katholische Kirche ist eine einige Kirche. Sie hat die gleiche Lehre und die gleichen Sakramente. Die Einheit ist in sakramental und durch die Gemeinschaft der Bischöfe verwirklicht.
  2. Heiligkeit → Der Stifter der Kirche ist Christus und die Mutterkirche, Rom, ist vom hl. Apostelpaar Petrus und Paulus gegründet. Sie hat sieben Sakramente und ein heiliges Priestertum.
  3. Allgemeinheit → Ihr Glaube ist der Glaube seit 2 000 Jahren. Es ist der Glaube, den alle Christen teilen. Sie ist international und selbst als sich 1054 die Ostkirche abspaltete, wurde sie nicht zur rein nationalen Kirchen.
  4. Apostolizität → Die katholischen Bischöfe sind in apostolischer Nachfolge geweiht und die Autorität der Tradition ist fest verankert in den Dogmen der Kirche. Sie bewahrt das apostolische Glaubensgut in Treue zum Ursprung.=> Die Katholische Kirche ist die einzig wahre Kirche Jesu Christi.
  1. Lehrentfaltung und Lehramt:

Eines der wichtigsten katholischen Prinzipien ist verschüttet, nämlich die Lehrentfaltung. Sie ist eins der großen Dogmen des Katholizismus. Die Missachtung dieser Glaubenslehre hat zum Abfall von Millionen Seelen geführt.

Der Inhalt dieser zentralen Lehre ist, dass jede Offenbarung dem Verständnis der Menschen entspricht. Denn Gott geht mit den Menschen, im Sinne einer göttlichen Pädagogik, einen langen Weg. Erlösung ist nicht, wie der Protestant glaubt, ein kurzer Akt. Erlösung ist ein langer Prozess vom Ratschluss Gottes bis hin zur Theosis, der Vergöttlichung des Menschen.

Gott offenbart sich Schritt um Schritt, Wahrheit um Wahrheit. Daher gibt es auch andere Religionen. Sie sind Teil des großen Heilsplans und in ihnen ist, wie Justin der Märtyrer sagt, Funken des Heiligen Geistes. Daher konnten die Kirchenväter auch die pagane Philosophie miteinbinden und Begrifflichkeiten übernehmen. Kulturchauvinismus war ihnen nicht nur fremd, sondern sogar gegen ihre Grundbegriffe des Christentums. Dies verkennt der Vulgärprotestantismus und der billige Antitrinitarismus wenn er der Kirche vorwirft wider das Evangelium hellensiert worden zu sein.

In diesem Lichte erscheinen auch die oft kritisierten Bibelzitate deutlich klarer. Denn jede Offenbarung entspricht dem Verständnis der Menschen. Wäre es anders, hätte Gott sofort nach dem Fall Menschen werden können. Nichts anderes meint Christus, wenn er sagt:Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.“ (Joh. 16,12) Wenn jemand also bestimmte Passagen im Alten Testament kritisiert, so muss man fragen wo zu dieser Zeit es wesentlich besser war? Und waren nicht die Gesetz des Alten Testaments mit dem Verbot Sklaverei an Einheimischen oder dem Aufruf zur Verhältnismäßigkeit nicht ein Fortschritt? Wir müssen uns klar sein, dass alles seine rechte Zeit hat (vgl. Koh. 3). „Mancher wünscht die Abschaffung eines Missbrauchs, die Weiterentwicklung einer Lehre oder die Vornahme einer bestimmten Maßregel, vergisst aber dabei, sich zu fragen, ob die rechte Zeit dafür schon gekommen sei. Und da er sieht, daß außer ihm sich mniemand zu seinen Lebzeiten an die Erfüllung seines Wunsches macht, sofern er es nicht selbst tut, so hört er nicht auf die Stimme der Autorität und vereitelt ein gutes Werk in seinem Jahrhundert, so daß es ein anderer, der noch gar nicht geboren ist, nicht einmal im nächsten Jahrhundert glücklich zur Vollendung bringen kann. Der Welt mag er als kühner Kämpfer für die Wahrheit und als Märtyrer der freien Meinung gelten, während er gerade zu den Menschen gehört, denen die zuständige Autorität das Schweigen auferlegen musste.“13 In diesem Lichte muss jede Verlautbarung, jede Offenbarung und jede Praxis gesehen werden.

Aber wie muss man sich die Lehrentfaltung näher vorstellen? Wie ist Entfaltung von Veränderung zu unterscheiden? Denn die Kirchenväter machen die substanzielle Neuerung zum Kriterium der Häresie. Als Arius die Dreifaltigkeit in Frage stelle, stelle er eine neue Lehre auf, ebenso Nestorius, Calvin und Luther.

Die Entfaltung ist insofern keine Veränderung, als dass es um eine größeres Verständnis geht. Die Einführung neuer Begriffe im arianischen Streit und gesamten trinitarischen Frage stellt keine Häresie dar, sondern vielmehr den Versuch den Glauben verständlicher zu machen, ja deutlicher zu werden.

Der Kirchenvater Basilius verglich die Lehrentfaltung mit seiner eigenen Biographie. Sie glaube er das gleiche, was er als Kind geglaubt habe, nur habe er ein tieferes Verständnis erhalten. Hieronymus nimmt das Gleichnis vom Senfkorn auf und verglich das Wachstum des Korns mit der Lehrentfaltung.

Aber woher sollen wir wissen, was sich entwickeln kann und darf und was nicht? Die Gottheit Christi z.B. kann keinem Wandel unterliegen. Der Protestant bleibt uns die Antwort schuldig und verweist auf die Schrift allein. Der Katholik aber kann von der Unfehlbarkeit seiner Kirche als einer Einrichtung, die der Schöpfer in seiner Erbarmung getroffen hat, um die Religion in der Welt zu erhalten14 sprechen

Zunächst müssen wir näher auf die protestantische Idee des sola scriptura (Allein die Bibel ist Quell und Norm der Lehre) eingehen. Die Kirchenväter hätten in diesem Satz einen absoluten Widerspruch gesehen. Denn Luther verkündigte Bibel und nicht Tradition. Aber für die alte Kirche gilt: Wer biblisch sein will, muss apostolisch sein.

Denn, und das ist die absolute Basis des Glaubens der Kirchenväter, Christus hat den Aposteln, und damit der Kirche, das gesamte Glaubensgut übergeben. Er gab ihnen auf das Lehramt und indem die Apostel Bischöfe beriefen als ihre Nachfolger, ging das Lehramt auf sie, besonders den römischen Bischof, über.

Dieses Glaubensgut, die Saat, blüht in der apostolischen Kirche, die auch lebt und wächst. Das unfehlbare Lehramt wacht über diese Entwicklung und Geschichte im Glauben, die keine Veränderung ist, sondern Kontinuität zu den Ursprüngen.

So kommt es auch, dass viele katholische Dogmen hunderte Jahre nach der Zeit der Apostel verkündet wurden. Gottes Vorsehung bestimmte die Verkündigung des Dogmas zu jener Zeit; das Glaubensgut und das Verständnis der Menschen mussten erst wachsen. Daher strebt der Protestantismus nach einem statistischen Christentum, der Katholizismus aber nach einem lebendigen.

Im Übrigens ist sola scriptura schriftwidrig. Man muss nur einige Bibelstellen ansehen, um zu erkennen, dass Lehramt (= Kirche) und Tradition eine Bedeutung für die Glaubenswahrheiten haben: Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündigt, als ihr angenommen habt, der sei verflucht.“ (Gal. 1,9). Wer also ein anderes Evangelium predigt, als das dass die Apostel der frühen Kirche predigen, sei verflucht. „Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief.“ (2. Thess. 2,15) und „Kämpft für den überlieferten Glauben, der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist“ (Judas 3), nebst 1. Kor. 4,17 der schon auf die Apostolische Sukzession hinweist: „ Eben deswegen schicke ich Timotheus zu euch, mein geliebtes und treues Kind im Herrn. Er wird euch erinnern an meine Weisungen, wie ich sie als Diener Christi Jesu überall in allen Gemeinden gebe.“

Zudem wirft das sola scriptura viele Widersprüche auf. Hier seien zwei wichtige zu nennen: 1. Die Alte Kirche war mit den Häretikern der Gnosis konfrontiert. Ihre Schriften trugen, wie die der Kirche, die Namen heiliger Apostel. Wenn sola scriptura gilt, stellt sich zuerst einmal die Frage welche Schrift? Warum den Schriften des Katholizismus glauben? Warum nicht die gnostischen Schriften? Auch sie tragen doch die Namen der Apostel. Die Gnostiker argumentierten die Apostel hätten erst später die volle Erkenntnis gehabt und gesehen, dass die Glaubensinhalte – Auferstehung, Kreuzigung usw. – rein symbolisch seien.15

Die Antwort der Katholischen Kirche war einzig und brillant: Die bloße Berufung auf vermeintliche Apostolizität der Schriften kann keine Autorität sein. Vielmehr ist die apostolische Tradition Gewähr. Wir, die katholische Kirche, hat Bischöfe, die die Nachfolger der Apostel sind. In uns lebt die apostolische Tradition; hier haben die Apostel gepredigt, hier haben sie ihr Blut gelassen. Wo sind eure Quellen? Wo eure Bischöfe? Wir sind sind die Kirche der Apostel. Mit welchem Recht beruft ihr euch auf unsere Schriften oder erfindet gar neue? Wir sind die Erben der Apostel, wir sind die legitimen Eigentümer der Schrift. Mit welchem Recht interpretiert ihr etwas in die Schrift hinein, was die Apostels uns nicht lehrten? Wir sind die Kirche, der Christus verheißen hat, dass der Heilige Geist sie in der Wahrheit halten werde. Nur in dieser Gemeinschaft der Autoren kann die Bibel verstanden werden. Die Bibel ist aus und für die Kirche. Denn der heilige Text war nie dazu bestimmt in einer Lehre zu unterrichten, er sollte sie nur beglaubigen. Und wir müßten uns, um die Lehre kennen zu lernen, an die Definitionen der Kirche, den Katechismus und das Credo halten.“16

2. Es ist unbestritten, dass es biblische Stellen gibt, die heute nicht mehr gelten. Die juristischen Normen des Alten Testamentes (die unwissende Kritiker zitieren) gelten heute nicht mehr. Sie galten für eine bestimmte juristisch-politische Ordnung. Die Sakral- und Speisegesetze Israel hat Christus erfüllt; wir müssen uns daran nicht mehr halten. Aber was mit der paulinischen Aufforderung Frauen sollten einen Schleier tragen? Mit welcher Autorität behauptet der heutige Protestant, die sei kulturell bedingt? Mit welcher Autorität interpretieren der individuelle Protestant und seine Kirchenführung einen Vers so und nicht so? Wo sind die Quellen?

Und hier zeigt sich: allein die Kirche, die die Binde- und Lösegewalt der Apostel hat und in der das apostolische Glaubensgut, dass in und außerhalb der Schrift existiert, kann hier urteilen. Allein das unfehlbare Lehramt kann sagen: die Kopfbedeckung war kulturell bedingt, heute ist keine Pflicht. Allein die Bischöfe, die die Erben der apostolischen Autorität sind, können so urteilen. Allein die Erben der Autoren legen das Werk aus. Allein mit dem Lehramt lässt sich die Schrift über die Zeit hinaus verstehen.

Im Übrigen ist es interessant, sich einmal folgende Frage zu stellen: Woher weiß ich von Christus und woher weiß ich von der Bibel? Ich weiß nur von Christus und der Bibel, weil die Kirche dieses Glaubensgut bewahrt hat. Ich weiß welche Bücher kanonisch sind, weil die Kirche sie ausgesucht hat, gemäß dem apostolischen Glauben. Ich weiß heute von Christus, weil Väter und Mütter im Glauben mir diese Wahrheiten überliefert haben. Und was sagen die 10 Gebote über Vater und Mutter? „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“

Um das Verhältnis von Schrift, Tradition und Lehramt zu verstehen, sei eine Allegorie gebildet: Joan K. Rowling schrieb das Werk „Harry Potter.“ Dort gibt es viele Informationen. Aber Rowling hat auch einige Informationen kundgetan, die nicht in den Büchern sind. Wer würde hier fordern allein die Schrift? Niemand würde das. Aber was wenn ich noch eine Frage habe, die durch die mündliche Tradition Rowlings nicht beantwortet werden kann? Dann bleibt nur eine E-Mail an Frau Rowling.

  1. Schluss:

Der Katholizismus steckt ohne Zweifel in einer großen Krise. Man geht nicht zu weit, wenn man sie vergleicht mit den großen Kontroversen der Kirche: mosaisches Gesetz, Arianismus, Reformation usw.

Ein zweiter Aufbruch wie seiner Zeit in Trient hat das zweite Vatikanum nicht geschafft. Für Integralisten ist ein Häresie, für die Progressiven zu wenig. Mit dem Schlachtruf „Wir sind Kirche“ werden Reformen gefordert. Wobei schon Kardinal Meisner zu Recht sage Reform heiße im Munde Christi Bekehrung.

In dieser wichtigen Tatsache liegt der Grund warum Trient erfolgreich war und ein neues Kapitel im Katholizismus aufschlug. Es vermochte zu unterscheiden zwischen Zeitlichem und Ewigen, etwas was sowohl Integralisten wie auch Progressiven nicht schaffen. Erstere halt alles für ewig, letztere alles für zeitlich.

Trient hatte Erfolg, weil es notwendige Reformen anging. Ab er es reformierte nicht die Dogmen, sondern die – nicht unter göttliches Recht fallende – Struktur. Katholische Reform ist das Stichwort auch für die heutige Kirche. Hatte Trient Priesterseminar eingeführt, Simonie und Missbrauch bekämpft, so müsste die heutige Kirche die staatliche Privilegien abwerfen.

Wir müssen aufhören über unwesentliches zu sprechen. Wenn gefragt wird warum katholisch, dann kann die Antwort nicht sein, weil ein Priester besser Werte vermitteln könne, als alle anderen. Wer so redet, offenbart seine Ekklesiologie: Hure des Staates statt Braut Christi.

Ebenso wenig dürfen wir antworten mit Emotionalität, a la Grün. Katholisch ist man nicht, weil es so schön ist und die Gemeinschaft eine Freude darstellt.

Die große Aufgabe des Katholizismus im 21. Jahrhundert besteht darin eine zweite Gegenreformation bzw. eine zweite katholische Reform zu wagen. Doch diese Reform kann keine Aufgabe von Glaubenswahrheiten sein. Die EKD ist hier ein abschreckendes Beispiel. Es kann aber auch gleichzeitig nicht heißen starrer Reaktionismus. Der Katholizismus ist, wie beschrieben, lebendig und nicht statisch. Und schließlich ist es so, dass „echte Treue zur Tradition … gerade auf Akzeptanz einer neuen Formulierung des Überkommenen“17 basiert.

Die Kirche muss sich bewusst sein, dass sie nichts aus sich kann, sondern nur durch Christus. Daher heißt das Gebet der Stunde: „Herr, erneuere deine Kirche und fang bei mir an!“ (John Henry Newman)

1Die Anführungszeichen sind notwendig, weil Reformkatholiken (z.B. Küng) keine Katholiken sind.

2Robert Spaemann – Warum wir, wenn es Gott nicht gibt, überhaupt nicht denken können. In DIE WELT, 26.03.2005

3Duden 2012

4G. K. Chesterton – Ketzer, S.140

5Vgl. Konzil von Trient – Cum hoc tempore

6C. S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S.129

7Augustinus – Glaube, Liebe, Hoffnung, Kapitel 2

8Wolfgang Huber – Der Christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung, S.13

9Robert Spaemann im Interview mit Idea vom 30.04.2010

10J. R. R. Tolkien stellte zu Recht fest, dass der Unterschied zwischen Christentum und paganen Mythen darin besteht, dass der christliche wirklich passiert ist.

11C. S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S.50

12C. S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S.40

13Apologia pro vita sua, S. 280

14Ebenda, S. 266

15Man mache sich die Paralellen zur Historisch-Kritischen Exegese deutlich.

16Apologia pro vita sua, S. 34

17Michael Fiedrowicz – Theologie der Kirchenväter, S.336

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Religion abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s