Töten auf Verlangen?

Die ARD beginnt heute mit einer Themenwoche: Leben mit dem Tod. Mit Dokumentationen und Diskussionen soll die Frage nach dem Ende des Lebens behandelt werden. Es stellt eine wichtige Notwendigkeit dar, darüber zu reden. Sowohl ethisch, persönlich als auch ökonomisch, da in den letzten Lebensjahren die meisten Gesundheitskosten anfallen. In diesem Kontext ist es unerlässlich sich auch über die aktive Sterbehilfe Gedanken zu machen, vor allem da unsere Nachbarländer (Niederlande, Schweiz) diese bereits legalisiert haben bzw. die Schweiz die Beihilfe zum Selbstmord legalisiert hat.

 1. Töten?

Die Befürworter der aktiven Sterbehilfe kritisieren oftmals die Kategorisierung als „Tötung“. Es gehe um Hilfe, nicht um Mord. Auch der Begriff „Euthanasie“ wird oft abgelehnt, obwohl es genau das ist: Euthanasie definitorisch ist eine Tötung aus Gnade. Die Phrasen mit denen man dieses Faktum umgibt – man „helfe“ beim Sterben – sind nur Euphemismen.
Der Begriff der „Hilfe“ vor allem der „aktiven“ ist ebenso ein Euphemismus: Hilfe ist positiv und ein „aktives“ Hilfe sowieso. „Passiv“ helfen klingt, als ob man nur zusehe und die Hilfe unterlasse. So als ob man einen Ertrinkenden im Wasser sehe und an ihm vorbei gehe. Daher halte ich es für geboten von Euthanasie zu sprechen, auch gegen die Proteste der Befürworter, man rücke sie in die Nähe des Nationalsozialismus. Es ist interessant, dass man immer wieder auf die NS – Euthanasie zu sprechen kommt, wenn es um Sterbehilfe spricht. Die Befürworter behaupten immer wieder den Nazis sei um das Volk als Ganzes gegangen, der heutigen Sterbehilfe – Bewegung gehen es nur um das Wohl und die Würde des Patienten. Es handelt sich um einen historischen Irrtum: die NS – Ärzte argumentieren vom Individuum aus und erklären sein Leben sei für ihn selbst nicht mehr lebenswert. Interessanterweise argumentieren die heutigen Befürworter gleich: wenn sie sagen, es sei besser getötet zu werden, als weiter zu leben, dann sagen sie damit nichts anderes als dass das Leben des Patienten „lebensunwert“ sei. Es ist zudem bemerkenswert, wie die NS Propaganda die Euthanasie darstellte: in dem Film „Ich klage an“ wird nicht eine Tötung aus rassischen Gründen gezeigt, sondern aus Mitleid: der Ehemann führt aus Liebe die Euthanasie an seiner Frau durch und klagt das Gesetz an, dass das unter Strafe stellt.
Das heißt auch die heutigen Befürworter stellen das Wohl des Patienten und seine Freiheit in den Mittelpunkt. Wobei man an der „Freiheit“ dieses Aktes Kritik üben muss: zunächst einmal kann von einer Befreiung nicht wirklich die Rede sein, wenn das Subjekt der Freiheit ausgelöscht wird. Das gleiche gilt für Argumente des Nutzens: wie soll ein Toter einen Nutzen von etwas tragen und den des Wertes: Wert gibt es nur unter der Bestimmung des Lebens.
Zudem muss man sich doch fragen wie „frei“ die todgeweihte Patienten sind. Es ist bemerkenswert, dass die Befürworter nur bestimmte Gründe, wie schwere Krankheit, als Grund zulassen. Wenn man aber das „Recht“ hat sein Leben zu beenden – bzw. beenden zu lassen, dann geht der Grund niemanden etwas an. In der Rechtfertigung des Rechtes auf Tötung, wird das selbe Recht negiert. Warum soll man sich nicht wegen Trauer töten lassen? Es zeigt sich also, dass es eine absolute Selbstbestimmung nicht gibt. Sonst gäbe es keinen Grund eine Person vom Selbstmord abzuhalten oder keine juristische Grundlage den Kannibalen von Rothenburg für ein freiwilliges Verhalten zu bestrafen. Zudem zeigt das Beispiel der Niederlande, dass oft genug auch Dritte – Ärzte und Angehörige – ohne Willensentschluss des Patienten darüber befinden, ob dieses getötet werden soll.
Aber oft wird eingeworfen der Selbstmord sei doch legal. Das vergisst aber zweierlei: zuerst einmal ist die Legalität des Selbstmordes eine pragmatische Entscheidung. Wenn jemand einen Selbstmordversuch durchführt, braucht er nicht noch eine Anklage, eben weil man davon ausgeht, dass die Person physisch krank ist. Das Gesetz schützt die Person vor sich selbst, die später wohl anderer Meinung ist als vorher. Als zweites muss gesehen werden, dass es einen Unterschied zwischen Verhalten gibt, dass das Individuum selbst schädigt (z.B. Rauchen) und dem das andere schadet. Die rechtliche Grundvoraussetzung ist eine komplett andere und daher das Argument hinfällig.
Das Beispiel der Niederlande demonstriert ein weiteres wichtiges Faktum: die angeblich strikten Regeln werden später immer gebrochen. So wie bei der PID die Hürden immer niedriger werden, so ist es auch mit Sterbehilfe. Sie ist eine Einstiegsdroge: erst die Willigen, dann diejenigen über die die Angehörigen entscheiden und dann die anderen Gruppen. Es ist hier notwendig noch einmal auf die NS – Euthanasie zurückzukommen. Als die Prozesse gegen die NS – Ärzte begannen schrieb der amerikanische Arzt Leo Alexander: »daß allen, die mit der Frage nach dem Ursprung dieser Verbrechen zu tun hatten, klar wurde, daß diese Verbrechen aus kleinen Anfängen wuchsen. Am Anfang zunächst feine Akzentverschiebungen in der Grundhaltung. Es begannmit der Auffassung, die in der Euthanasiebewegung grundlegend ist, daß es Zustände gibt, die als nicht mehr lebenswert zu betrachten sind. In ihrem Frühstadium betraf diese Haltung nur die schwer und chronisch Kranken. Nach und nach wurde der Bereich jener, die unter diese Kategorie fallen, erweitert und auch die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten dazugerechnet. Entscheidend ist jedoch zu erkennen, daß die Haltung gegenüber den unheilbar Kranken der winzige Auslöser war.« Die Euthanasie ist ein Wendepunkt im Menschenbild und zeigt die furchtbaren Auswirkungen des Utilitarismus: aufsehend von der Maxime das Glück zu mehren, das Leid zu lindern muss am Ende der Leidende entfernt werden, damit die „Summe des Glücks“ größer ist. Darüber hinaus müssen wir uns doch klar sein, was es heißt wenn man meint der „eigentliche“ Mensch sei der Gesunde. Die Folge ist, dass Kranke, Behinderte usw. Menschen zweiter Klasse sind – Folge der „Gesundheitsreligion“ – wie Manfred Lütz es nennt. Außerdem tritt die Euthanasie andere schreckliche Folgen los: zunächst einmal im Lebensmut des Patienten. Es ist – vor allem für alte Menschen – grässlich wenn sie wissen, dass der Arzt ihr Ableben wollen könnte, dass er dazu bereit ist. In diesem Kontext ist es interessant, dass die meisten alten Menschen die nicht mehr leben möchten, meist einsam sind. In den Niederlanden sind auch die meisten Menschen, die Euthanasie in Anspruch nehmen alte Witwen, nicht extrem schwer Kranke.
Außerdem muss man sich über ein simples Faktum im Klaren sein: für Verhalten das mir erlaubt ist, dass ich aber unterlasse muss ich die Konsequenzen tragen. Wenn ich nichts gegen den Schimmel in meinem Haus tue, muss ich später in einem komplett verschimmelten Haus leben. Wenn also der Patient die Euthanasie unterlässt, muss er die Folgen tragen. Er ist dann daran „schuld“, dass seine Angehörigen belastet werden und der Beitragszahler für ihn – seinen „Egoismus“ zu leben – zahlen muss. Das relativiert nochmals die Behauptung von der „freien Willensentscheidung“ bezüglich der Euthanasie. Daher ist der Berufsethos so wichtig: der hippokratische Eid verbietet Audrück die Euthansie.
Es ist auch zudem sehr interessant, dass mit der Euthanasie eine Hybris einher geht: die Idee man „wolle selber wählen wann man stirbt“. Es ist die Vorstellung das Leben „bauen“ zu können, Herr über das Leben zu sein. Man muss diese nachvollziehbare Meinung als haltlos und utopisch zurückweisen. Ebenso wenig kann man darüber befinden wann, wie und wo oder ob man geboren wird.
Die Befürworter der Euthanasie werden wohl zu ihrem letzten Mittel greifen: der Forderung nach „würdigem Sterben“, was die Tötung bedeute. Abgesehen von der falschen Gleichsetzung (Würdiges Sterben = Tötung aus Verlangen) ist es gerade der Begriff der Würde, den die Befürworter absolut falsch benutzen. Denn man muss sich über die Definition der Menschenwürde im Klaren sein: Würde heißt man hat einen Wert, aber keinen Preis. Deshalb ist der Mensch Selbstzweck und ist nicht Mittel. Das heißt die Euthanasie tangiert gerade die Würde, indem sie nämlich den Bewusstseinszustand sich zum Kriterium nimmt. Der Mensch macht sich dadurch zum Mittel zum Erreichen bestimmter Zustände (z.B. Glück). Dadurch ist er nur noch Objekt und seine Existenz bemisst sich in der Fähigkeit Glück zu empfinden. Der Mensch ist nur noch Mittel zum Zweck – er ist entwürdigt.
Ein letztes Argument sei hier auch behandelt: Morphium. Die Medizin begehe indirekt Sterbehilfe indem sie Morphium einsetze dass das Leben verkürze. Dieses Argument vergisst aber wesentlich, dass die Verkürzung der Lebenszeit nicht gleichbedeutend ist mit der Tötung. Wenn ich einen todgeweihten Raucher vor mir habe und ich ihm eine letzte Zigarre gebe, bin ich nicht sein Mörder.
Das große Ideal der Befürworter wurde bereits angesprochen: Utilitarismus – das Leid minimieren, das Glück maximieren. Wir müssen uns über ein klar werden: diese ethische Grundaussage ist die Saat für das Auslöschen aller, die die Summe des Glücks schmälern. Für eine oft sehr behindertenfeindliche Gesellschaft ist die Euthanasie nur ein weiteres Mittel: wenn man nicht die Abtreibung bedient, dann die Euthanasie für die Unfallopfer. Wenn man behinderten Embryonen kein Lebensrecht zu billigt, dann auch geborenen Behinderten und Unfallopfern nicht. Das ist die logische Folge einer utilitaristischen Gesellschaft. Außerdem erscheinen mir Abtreibungen und Euthanasie als der „einfachere“ Weg gegenüber dem Leben als Elternteil oder dem schmerzhaften Mit-Leiden (!) der Angehörigen. Jedoch ist echtes Mitleiden nicht das Auslöschen des Leidenden – nach dem Motto: schaff ihn weg, ich halte sein Leid nicht mehr aus – sondern eben das Leiden mit ihm. Auch die Liebe ist immer ein Mitleiden. Darum sagt Marcel Gabriel: „Jemanden zu lieben ist so, als würde man sagen: Du sollst nicht sterben.“ Deswegen ist es die Forderung des Partner man solle die Euthanasie veranlassen eine ungeheure. Man fordert den Partner auf zu wollen dass der andere nicht mehr ist.
Was muss man aber über „Grenzfälle“ denken? Das Argument der Grenzfälle ist ein grundsätzlicher Irrtum, denn Grenzfälle können nie das normale Gesetz beeinflussen. Es heißt die Ausnahme bestätigt die Regel. Warum? Weil der Fall eine Ausnahme ist, offenbart er dass die meisten Fälle ausreichend geregelt sind. In einer Welt mit Millionen Grenzfällen und Ausnahmen können wir gar nicht in das normale Gesetz alle Eventualitäten miteinberechnen. Man muss hier die Grenzen der Gesetzgebung anerkennen. Von einer Ausnahme die Regel bilden zu wollen ist ein großer Irrtum. Wenn wir alle Grenzfälle regeln wollen, so müssten wir auch die Erbschaftsteuer anpassen: was ist wenn Inzest zwischen Vater und Tochter stattfindet und ein Kind geboren wird? Wie soll das behandelt werden? Als Kind oder als Enkelkind? Wie sieht das mit der Erbschaftsteuer aus? Das mag eine merkwürdige Pointe sein, aber demonstriert – durch Übertreibung – wie wenig die Grenzfälle als Argument geführt werden können.

 2. Sterben lassen?

Der Philosoph und Euthanasie-Gegner Robert Spaemann legt zwar vorzüglich dar, warum die aktive Sterbehilfe abzulehnen ist, ist aber gleichzeitig für die Unterlassung. Man müsse nicht lebensverlängernde Maßnahme durchführen und manchmal sei es geboten den Patienten sterben zu lassen. Peter Singer – dessen Philosophie ich eigentlich ablehne – stellt hier richtig fest, dass es keinen ethischen Unterschied gäbe ob eine Mutter ihr Kind verdursten lässt oder es mit einem Kissen erstickt. Daher kann das Unterlassen nicht als Alternative gelten.
Man muss freilich zwischen sterben lassen und sterben lassen unterscheiden. Zwischen einem vernünftigen und der Unterlassung. Letztere ist abzulehnen und zu Recht eine Straftat. Was aber richtig ist, dass die Medizin oft zu spät einsieht, dass sie verloren hat und der Palliativ Pflege keinen Raum mehr gibt. Insofern hat Spaemann Recht, wenn er sagt die Hospizbewegung sei die Antwort auf unwürdiges Sterben. In der Tat werden oft genug teure und sinnlose Behandlungsmethoden durchgeführt, die sinnlos sind. In den Berliner Gesprächen von gestern berichtete der Palliativ Professor Borasio (aus Lausanne) über zwei solche Fälle: 1. Sauerstoff durch die Nase geben. Der Sauerstoff entweiche durch den Mund, was ein Durstgefühl erzeuge, weil er Mund trocken wird. Der Patient kann daher noch so viel trinken wie er will, es hat keine Wirkung. Im Gegenteil: wenn die Nieren ihre volle Leistung nicht mehr erbringen können, sammelt sich Wasser in der Lunge, was zu Atemschwierigkeiten führt. 2. Er berichtete von einem neuen Antikörper, der das Leben eines Patienten um drei Monate verlängern solle. Dieser hatte jedoch heftige Nebenwirkungen (z.B. Aufschlag am Rücken). Professor Borasio wies darauf hin, dass die Palliativ Pflege sicher drei Monate zusätzliche Lebenszeit und Qualität bringe, während der positive Effekt des Antikörpers nur eine gerigne Wahrscheinlichkeit aufweise.
Der Arzt darf freilich nicht den Patienten zur Behandlung zwingen. Es soll dem Patient frei sein zu gehen wann er will und gesundheitsschädliches Verhalten (z.B. Rauchen) zu praktizieren. Auf ein literarisches Beispiel sei hier verwiesen: Håkan Nesser – die Fliege und die Ewigkeit. Als die Hauptperson am Ende des Buches über ihre Krebserkrankung erfährt, beschließt sie die Behandlung nicht wahrzunehmen, sondern die restliche Zeit zu nutzen. Hier darf der Arzt nicht zwingen, aber er dürfte sich auch nicht der Unterlassung schuldig machen.
 

3. Was  zu tun ist

Es ist bereits gesagt worden dass eine Alternative darin besteht, dass die Ärzte nicht meinen alles heilen zu können; dass das Sterben des Patienten nicht unbedingt ein Versagen ist. Sterben gehört dazu und die Endlichkeit des irdischen Daseins macht jeden Moment unendlich viel wert.
Die Antwort auf die Euthanasie-Bewegung und die heutigen Probleme des Sterbens können daher nur in der Hospiz-Bewegung und der Palliativ Pflege liegen. Es ist erfreulich zu sein, dass die Palliativmedizin die Ablehnung der Sterbehilfe innewohnt und dass sie wirklich helfen (auch den Begriff der Hilfe ist Wert zu legen, da eine Tötung keine Hilfe darstellt) will durch Begleitung, nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch schlicht im „Dasein“. Bei der Palliativmedizin handelt es sich nicht nur um eine medizinische Theorie, sondern ein gesamtes Menschenbild, dass sagt der Mensch ist immer Mensch. Er ist nicht ein Bewusstseinszustand und Euthanasie ist nicht das Auflöschen des Kranken, sondern des Ganzen Menschen.


„Es geht nicht primär darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Cicley Saunders, Begründerin der Palliativpflege

Zu Empfehlen ist ein Vortrag von Prof. Spaemann zum Thema: http://it.gloria.tv/?media=11170

Darüber hinaus der Essay „Töten oder Sterben lassen, der im Wesentlichen als Text zum Vortrag zu begreifen ist: http://www.gkpn.de/Spaemann_Euthanasie.pdf

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  1. Pingback: Nachtrag – Kosten und Palliativausbau | Christscha

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