Katholische Soziallehre II. – Personalität

Wenn man die katholische Soziallehre verstehen will, muss man bei der Personalität anfangen, also beim oft beschworenen „christlichen Menschenbild“. Die anderen Prinzipien der Soziallehre – Subsidiarität, Solidarität usw. – folgen aus der Personalität und sind von ihr aus verstehtbar. Mit dem Personalitätsprinzip sind grundsätzlich zwei Dinge gemeint:

1. Wesen des Menschen
Der Mensch sticht aus der Natur hervor. Das ist zunächst einmal keine religiöse Überzeugung und entspringt auch nicht – wie oft behauptet – menschlicher Arroganz. Selbst wenn wir es nüchtern betrachten sehen wir im Menschen den unangefochtenen Herrscher der Welt und die intelligenteste Spezies auf diesem Planeten. Freilich mit Fehlern die seiner Natur anhaften. Dieses naturhafte Anhaften nennt die Kirche „Erbsünde“. Es meint nicht nur theologisch gesagt die Trennung von „Gnadenleben“, also der Verbundenheit mit Gott in der Gnade, sondern muss auch anthropologisch verstanden werden als Fehler- und Sündenhaftigkeit des Menschen: der Mensch ist als Mensch und zwangsweise ein fehlerhaftes Wesen, dass zuerst seinen eigenen egoistischen Vorteil sucht. Darum heißt „Erbsünde“, weil es in der menschlichen Natur liegt und nicht von z.B. gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängt.
Worin besteht aber das Vorrecht der Menschheit? Unzweifelhaft darin, dass sie über Vernunft, Willen, Würde und Rechte verfügt. Warum hat der Mensch aber diese Würde und, das was wir Menschenrechte nennen? Theologisch liegt an drei Dingen. Leider wird zu meist nur eine genannt, nämlich 1. die Gottesebenbildlichkeit. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, freilich nicht in einem materiellen Sinne, sondern in Bezug auf den Geist. 2. Gott spricht den Menschen an. Gott praktiziert nicht laissez-faire, sondern er offenbart sich. Der Mensch wird Gegenüber Gottes. Greshake fasst die Bedeutung der Offenbarung für das Menschenbild deutlich: „Der spezifisch biblische Schöpfungsglaube hebt den Menschen aus dem Ensemble der übrigen Wirklichkeit hervor und stellt ihn in das Gegenüber zu einem absolut souveränen, machtvollen,freien Gott, zu einer ‚Person’“1 Dazu gibt er uns ein Zitat von Hans Urs von Baltahar: „Weil das von Gott dem Menschen zugesprochene Wort immer auch Teilgabe an Gottes Wesen ist, enthält das Individuum, das das Wort empfängt, eine neue Qualität: die der einmaligen Person. [….] Etwas vom Glanz […] der Gottheit fällt auf Wesen und Antlitz der Erwählten und hebt ihn aus der naturhaften Gattung heraus.“2 3. Die Inkarnation Gottes: die Menschwerdung Gottes, also die Vereinigung der göttlichen Natur mit der menschlichen (!) zeigt endgültig die Würde des Menschen. Würde, Selbstzweck, Menschenrechte – „das ist natürlich im Kern die christliche Idee jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Der christliche Gedanke, Gott ist Mensch geworden, also kann in jedem Menschen eine Heimat finden. Ein sensationeller Gedanke, das ist der intensivste, der radikalste Würde- und Gleichheits- und Freiheitssatz der Rechtsgeschichte.“3

2. Personalität als Mit-Sein
Es war davon die Rede der Mensch ist Abbild Gottes. Was zeichnet freilich aber nun die christliche Vorstellung von Gott aus? Es handelt sich um „das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens“4: die Dreifaltigkeit. Als solches ist die Dreifaltigkeit Quelle der christliche Lehre in allen Bereichen; gerade bei der Personalität. Denn wenn wir über Gott nachdenken „wird nicht nur offenbar, wer Gott ist, sondern auch wer der Mensch ist.“5 In der Dreifaltigkeit verhält es sich so, dass Einheit und Dreiheit gleichwertige Prinzipien sind. Weder überwiegt das eine Wesen Gottes, noch die drei Personen. Beide bedingen sich. Der Vater kann nicht Vater sein, ohne Sohn, der Sohn nicht Sohn oder Vater. Der hl. Athanasius machte dies zu einem der wichtigsten Argumente gegen die Behauptung der Sohn sei nicht ewig.
Daher meint Personalität nicht nur eine passive Eigenschaft des Individuums, im Sinne der Mensch hat eine Würde und bestimmte Rechte. Person ist mehr als das Individuum. Es ist Mit-Sein, denn der Mensch ist keine Monade; Personsein kann man nicht allein. Darum macht auch ein einpersonaler Gott keinen Sinn. Das wird allein schon daran deutlich, wenn wir uns die Bedeutung des Wortes „Person“ ansehen: das griechische Wort „prospon“ heißt nicht, wie oft angenommen die Maske des Schauspielers. Es meint ‚das was unter die Augen fällt‘, also Gesicht, Hinblick, das Antlitz. Erst in abgeleiteter Form meint das Wort prospon die Maske des Schauspielers.6
Der lateinische Pendant „persona“ lässt sich nicht so einwandfrei etymologisch zurückführen. Es ist freilich ein Relationsbegriff, also ein Begriff der die Rolle im menschlichen Mit-Sein beschreibt. Wenn Cicero davon spricht die Beamten sollten sich klar sein, dass sie den Staat repräsentieren, spricht er hier wörtlich von „persona“. Persona meint also Erscheinung oder Rolle.7 Allein schon die Tatsache, dass man „Ich“ sagt offenbart die Notwendigkeit des „Du“. Ich kann noch nur in Abgrenzung zum Du bestehen. Das Ich ist das, was das Du nicht ist. Das Du ist gewissermaßen ein „Nicht-ich“. Es ist jedoch keine Exklusion, sondern ein Vermitteln. Nehmen wir als Beispiel die menschliche Familie (die oft als Bild der Trinität gesehen wird): alle Familienmitgliedern vermitteln sich gegenseitig die Identität: der Begriff der Eltern jetzt Kinder voraus, Großvater braucht das Enkelkind, die Tante den Neffen, der Bruder den anderen Bruder und umgekehrt. Das gleiche gilt z.B. für die Einheit. Einheit braucht Vielfalt. Bestünde Deutschland nur aus einem Bundesland gäbe es keine Einheit. Erst die Vielfalt aus 16 Bundesländern macht Einheit möglich. Auch das gibt dem trinitarischen Gottesbild noch einmal Legitimität und widerlegt scharf diejenigen die „Polytheismus“ rufen.
Daher ist der Mensch keine abgetrennte Monade, sondern eben Person. Sozialität und Individualität sind keine Widersprüche, sondern bedingten sich. Daher ist „im Begriff des Subjekts der Begriff der Intersubjektivität schon enthalten.“8 Das Ich bedingt das Du, das Du bedingt das ich und beide bedingen das wir. Wir finden ein interessantes Faktum: das Ich braucht das Du und umgekehrt. Beides kann nicht ohne das andere. Wir haben eine Art „Hänne oder Ei Problem“. Woher kommt das ganze also? „Dieses Woher bleibt ein Geheimnis. […] Es ist das Geheimnis des Seins selbst.“9 Es zeigt uns auch warum die Trinität solch ein Mysterium darstellt.
Der Mensch ist sowohl Individualwesen als auch Sozialwesen. Er ist als Individuum Träger von Würde und Rechten, aber gleichzeitig als Person auf die Communio angewiesen. Darum ist auch die Idee Person definiere sich über bestimmte Eigenschaften (Bewusstsein, Schmerzempfinden usw.) so falsch. Diese individuellen Eigenschaften können nicht Kriterium sein, da ja auch die Sozialität eine Rolle spielt. Da die Sozialität für meine Individualität nötig ist, können meine individuellen Eigenschaften nicht allein ausschlaggebend sein. Darum kann ich nicht einzelne Individuen einfach ausschließen (z.B. in Form des Rassismus), ohne Hand anzulegen gegen mich. Deswegen sagt unser Grundgesetz die Würde des Menschen sei unantastbar;„Mensch“ ist ein Gattungsbegriff und darum kommt allen – auch Ungeborenen, Behinderten und Kranken – die gleiche Würde zu.
Daher irrt auch der Kollektivismus, denn er will die Individualität ausrotten, aber auch ein überzogener Individualismus, der meint die Gemeinschaft sei bloß die Summe der Individuen. Der Mensch ist keine Monade; daher Ratzinger sagt auch die Sünde Adams bestand darin autark sein zu wollen. Daher bedeutete „sein Streben nach Autarkie […] seinen Tod“10, denn der Mensch ist nicht sich selbst genügend. Weil der Mensch Person ist hat er Verantwortung für die anderen. Darum sagen wir es sei „unmenschlich“ andere zu foltern oder verhungern zu lassen. Nicht weil etwa der Mensch dazu nicht fähig wäre, sondern weil der Mensch Person ist.
Es ist zwar keine Aussage der katholische Soziallehre, aber wegen dem Mit-Sein macht Patriotismus Sinn. Denn wenn mein Ich sich durch das Wir vermittelt, dann bin ich mit ihnen verbunden. Dann lässt sich auch wirklich von der Einheit eines Volkes reden. Eines Volkes, dass über den Tod hinaus besteht. Denn die heutigen Deutschen würden geprägt von den Deutschen die schon gestorben sind. Ihr „Wir“ leben quasi weiter. Ratzinger bezieht es zwar nicht auf Patriotismus, doch sagt er auch, dass die Personalität impliziere, „dass in jedem Menschen auch Vergangenheit und Zukunft der Menschheit mit anwesend sind.“11 Das bestätigt das konservative Gesellschaftsbild gemäß dessen auch die Toten noch zu ihr gehören, so dass die Überlieferung die lebendige Stimme in der Gegenwart darstellt, ja dass man sogar davon sprechen kann, dass Tradition eine „Ausdehnung des Wahlrechts [ist]. Tradition heißt, der unbekanntesten aller Klassen – unseren Vorfahren – Stimmen zu geben. Tradition ist die Demokratie der Toten“ (G.K. Chesterton). Hier sei ausdrücklich nicht nur die nationale Tradition, sondern auch die hl. Tradition verwoesen. Darüber hinaus bestätigt die Personalität den Grundsatz der Nachhaltigkeit, denn Ratzinger schreibt, dass auch die Zukunft mit anwesend ist. Auch die christliche Lehre der Erbsünde erhält nochmal eine Bestätigung, da ja die Vergangenheit präsent ist – die Vergangenheit sündiger Ahnen.

Menschsein heißt also Mit-Sein. Das wird allein schon daran deutlich, dass ich sagen kann ich sei Mensch, d.h. mich einer Gattung zuzuordnen. Gäbe es nur mich, wäre es schwer von einer Gattung zu reden. Die Menschheit ist eine Communio und der Mensch Person. Communio meint aber mehr als eine bloße Häufung von Wesen der gleichen Gattung; es meint ein „Wir“. Das gleiche für den Begriff der Person: Person ist mehr als das Individuum. Die Aussage „Der Mensch ist Person“ impliziert daher ein ganzes Weltbild. Daher ist „das christliche Menschenbild“ keine leere Phrase, sondern Zusammenfassung einer ganzen Metaphysik.

1. Gisbert Greshake – Der Dreieine Gott, S. 75
2.  Hans Urs von Balthasar – Theodramatik, II/I, S. 368f.
3. Paul Kirchhof – BR Alpha Forum vom 24.04.2007
4. Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 44
5. Gisbert Greshake – Der Dreieine Gott, S. 29
6. Ebd., S. 78f.
7. Ebd., S. 82f.
8. Ebd., S. 160
9. Ebenda
10. Joseph Ratzinger – Einführung in das Christentum, S. 285
11. Ebd., S. 232

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