Katholische Soziallehre IV. – Solidarität

Unter all den Grundsätzen der Katholischen Soziallehre findet sich einer, den vor allem linke Katholiken am liebsten präsentieren: die Solidarität. Aber auch säkulare Menschen benutzen die Solidarität als Allrechtfertigung für vermeintlich soziale Projekte. Freilich gibt es auch das Problem das Liberale die Solidarität generell verwerfen und jede notwendige soziale Maßnahme ebenso. Das ist das große Problem aller (ver)brauchten Begriffe. Sie sind mit Inhalten besetzt, die ihrem Wortsinn widersprechen oder von ihm aus anders verstanden werden können. Schon der Sl. Kardinal Newman sagte: „Heutzutage ist Verschwommenheit die Mutter der Weisheit.“1 Was müssen wir aber unter Solidarität verstehen?
Zuerst einmal müssen wir uns theologisch fragen was darunter zu verstehen ist. Die Solidarität beginnt wohl mit der Erschaffung Evas. Hier beginnt die Menschheit zu existieren, da ja es vorher nur ein Individuum gab. In welchem Verhältnis stehen die beiden Menschen? Gott hat sie aufeinander geschaffen zur gegenseitigen Hilfe. Der Mensch ist schließlich nicht durch sich selbst noch kann er alleine existieren; er ist eben Person.
Die Solidarität entfaltet sich weiter eigentümlich bei Kain und Abel. Denn Gott fragt den Brudermörder nicht hast Du Abel getötet, sondern er fragt: „Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen. 4:9, EÜ) Die Antwort Kains ist bereits die Antwort des Mörders. Es handelt sich hier im Grunde um eine sehr un-individualistische Stelle. Denn hier wird die gegenseitige Verantwortung füreinander betont und nicht laissez-faire.
Das gilt auch und gerade in Bezug auf die Kirche. Denn es heißt nicht um umsonst im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld.“ Es geht nicht um die Summe der Schuld der Individuen, sondern um eine gemeinsame Schuld – ein Wir. Deswegen ist auch ein kirchenloses Christentum („Jesus Ja, Kirche Nein“) so falsch.
Was heißt Solidarität aber politisch? Zuerst einmal sehe ich in dem Wunsch nach staatlicher Intervention leider oft genug nur ein Abtreten von Verantwortung: „der“ Staat soll es hin. Wir übertragen einem anonymen Irgendetwas die Verantwortung, zahlen dafür und dann belassen wir es dabei. Aber von Solidarität kann doch nur die Rede sein, wenn ich meine Zeit opfere, wenn ich meine egoistischen Triebe überwinde, wenn ich handle. Jesus sagte uns speist die Armen und nicht lasst sie speisen. Oder wie Benedikt XVI. schreibt: „Solidarität bedeutet vor allem, daß sich alle für alle verantwortlich fühlen, und daher kann sie nicht allein dem Staat übertragen werden.“2
Darüber hinaus wird ein Faktum immer vergessen, nämlich dass Solidarität in einem Kontext stehen muss. Solidarität als solche kann keine Tugend schon; Wolfram Engels fasst es poiniert zusammen, denn „solidarisch ist auch eine Räuberbande“3 Leider wird allzu oft unter Solidarität verstanden, dass die eine Gruppe sich Leistungen auf Kosten der anderen sichert. Daher hat es nichts mit Solidarität zu tun, wenn die einen für die anderen zahlen. Zumal die profitierende Gruppe meist aus Egoismus Leistungen will, obwohl sie sie nicht braucht (Stichwort Subsidiarität). Die Piraten sind eine solche Partei: die Studenten wollen Leistungen und die anderen sollen dafür zahlen. Gerade dieser Gruppenegoismus bringt die echte und berechtigte Solidarität in Verruf, sodass einige sie als solche bereits ablehnen.
Echte Solidarität ist aber eine Tugend! Moral ist ohne Solidarität gar nicht möglich. Wenn jemand sagt Solidarität sei keine Tugend, muss sagen es sei unmoralisch die Hungernden zu speisen. Nur muss unterschieden werden zwischen der echten Solidarität und der falschen verstaatlichten. Die auf echter Solidarität aufbauende Gesellschaft bleibt aber ein richtiges und notwendiges Ideal. Das Ideal widerspricht aber dem Etatismus, denn sozial ist nicht sozialistisch. Die Solidarität ist letztlich nur Gehorsam gegenüber dem eigenen Mitleid und dem was der Herr gesagt hat:

Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Mt. 25:42-45 (EÜ)

1 John Henry Newman – Apologie Pro Vita Sua, S. 127

2  Benedikt XVI. – Caritas in Veritate

3 Wolfram Engels – Mehr Markt, S. 52

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