Glaube als metaphysisches Prinzip

Zu den Dogmen des Atheismus zählt die scharfe Scheidung zwischen „Glauben“ und „Wissen“. Der Atheist wisse, der Religiöse nehme nur an, ohne Fakten. Nun ist hier nicht der Platz über Wesen und Natur der Tugend des Glaubens zu diskutieren und auch nicht eine Apologie zu erarbeiten, die die vermeintliche „Faktenlosigkeit“ behandelt. Es geht viel mehr um das Wissen, dass der Atheist zu haben glaubt. Ist es wirklich Wissen oder auch nur Glaube?

I. Vernunft ist Glaube
Atheisten und Naturalisten glauben so fest, dass sie vergessen haben, dass sie glauben. Sie glauben so stark, dass sie meinen ihr Glaube sei Wissen geworden. Dessen sind die Atheisten sich nicht im mindesten bewusst; meist reagieren sie mit Wut oder Spott auf diesen Vorwurf .
Nur die radikalen Skeptiker wissen darum. Denn sie „wissen“, dass sie nichts wissen können. Wenn wir wirklich wissen wollen, müssen wir anerkennen dass wir gar nichts wissen können. Woher soll ich wissen, dass dieser Tisch wirklich existiert? Meine Sinneseindrücke können eine Lüge sein, nur falscher Trug. Wer sagt, dass ich nicht träume? Das Argument ein Traum sei unwirklich ist falsch, da meine Träume hier nur Träume im Traum sind, also anderen Gesetzen unterliegen. Mit welcher Gewissheit soll ich wissen, dass es nicht ist wie in dem Film „Matrix“: ich bin an eine Maschine angeschlossen und durch sie an eine digitale Welt, die nicht real ist. Ob die Welt real ist oder nicht – darüber kann ich keinerlei letzte Gewissheit erhalten. Die einzige Gewissheit ist cogito ergo sum – Ich, denke also bin ich. Ich kann nicht wissen ob mein Gegenüber existiert, aber ich muss existieren, weil eine Nicht-Existenz nicht denken oder zweifeln kann. Jeder Bezug auf die Naturwissenschaft – auch die Hirnforschung – ist purer Unsinn. Wenn Precht daher arrogant meint Descartes würde seinen Satz unformulieren und sagen mein Hirn sende den Impuls, so beweist er damit dass er den Ansatz nicht verstanden hat! Descartes geht Recht in der Annahme, dass er nicht mal wissen kann ob sein Körper existiert. Woher auch? Wo ist die letzte Gewissheit? Woher weiß ich, dass meine Sinne mich nicht trügen? Wir müssen das in voller Radikalität denken: kann man überhaupt Kontakt zur Wirklichkeit haben? Ist meine Vernunft überhaupt fähig die Wirklichkeit zu erfassen? Kann ich überhaupt einen sinnvollen Gedanken fassen? Oder noch radikaler hatte Hume sogar das Kausalitätsprinzip in Frage gestellt. Für ihn ist es daher bereits ein Glaubensakt ein Ei zu essen.
Hier kommt der finale Punkt: weil wir nichts wissen, sind wir zum Glauben gezwungen. Wir sind ein homo religiosus und als Glaubende gesetzt in diese Welt. Wir können nicht anders, als zu glauben. Jeder Akt des Denkens ist ein Akt des Glaubens; die „Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon ausgehend, daß unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung stehen zur Wirklichkeit, ist ein Glaubensakt.“1 Wir müssen an Wahrheit glauben, wenn wir den Anspruch der Vernunft die objektive Wahrheit zu erkennen verteidigen wollen. Wir müssen zu Glaubenden werden um der Ansicht zu sein die Naturgesetze und die Wissenschaft beschrieben die Wirklichkeit. Es ist kein profaner Glaube, sondern ein religiöser. Der Naturwissenschaftler und Naturalist ist ein Religiöser. Denn er vertraut darauf, dass die Naturgesetze gut sind, d.h. ihn nicht betrügen. Er glaubt daran, dass die Natur ihm zugänglich ist, also kein Deus absconditus (verborgener Gott) ist. Das ist weder Wissen noch profanes Annehmen, sondern religiöser Glaube. Daher heißt leben glauben. Deswegen ist forschen ein Akt des Glaubens. Aber auch der radikale Skeptizismus ist ein Glaube.
Nun könnte man die Pascal’sche Wette anwenden und sagen es sei schlimmer wenn die Welt real ist, man sich aber so verhalten hat als ob es sie nicht gäbe. Das hat natürlich seine Berechtigkeit. Wenn der Gegenüber nicht real ist, ist es ethisch das gleiche ob ich ihn töte, oder in einem PC Spiel einen Gegner erschieße. Da es aber schlimmer ist einen echten Menschen zu töten und besser sich den Gesetzen unterzuornden, ob sie nun wahr ist oder nicht, ist natürlich richtig. Es ist besser nach den irrealen Gesetzen einer irrealen Welt zu leben, als in einer wirklichen Welt einen Menschen zu töten. Aber die Wahrscheinlichkeit sagt nichts über Wahrheit. Ein Ereignis das eine Wahrscheinlichkeit von 1% hat, kann ohne Schaden der Wahrheit zehnmal hintereinander auftauchen. Die Pascalsche Wette gibt uns daher keine Antwort auf die Frage,  sondern sagt nur: was wäre wenn. Wetten heißt nicht Wissen.

II. Religion Atheismus?
Aus diesen Überlegungen heraus reden einige von der Religion des Atheismus. Natürlich verwehren sich die Atheisten als Religion bezeichnend zu werden. Freilich handelt es sich bei Atheismus und Naturalismus, wie wir oben sah, um religiösen Glauben. Auch das Nein ist eine Haltung, für wahr. Die Frage muss aber pragmatisch beantwortet werden: was wenn der Atheist zu gibt Atheismus sei Religion? Was haben wir gewonnen? Wir haben den gleichen Schritt zur Bekehrung des Atheisten getan, wie wenn wir einem Muslim sagen der Islam sei eine Religion. Wenn der Atheismus eine Religion ist, folgt daraus nicht seine Unwahrheit. Der Atheist kann sagen: Atheismus ist eine Religion, aber die wahre Religion. Atheisten wie Gläubige sollten daher diesen Punkt in der Argumentation vergessen; er ist führt zu nichts. Er ist – wie ein Freund bemerkte – intellektuelle Selbstbefriedigung.

III. Gott:
Der atheistische Philosoph Nietzsche erkannte das oben gesagte und stellte fest, dass die Aufklärung sich damit tötet. Sie will die Wahrheit und tötet Gott. Indem sie aber Gott tötet, tötet sie die Wahrheit. Denn wenn es keinen Gott gibt, gibt es nur unsere subjektiven Perspektiven. Es gibt kein darüber gehendes, nichts objektives. Aber zu diesem Höheren wollte uns die Aufklärung durch Beseitigung des Aberglaubens doch führen; sie schafft ihre eigenen Bedingungen ab.
Insofern stellt der Glaube an Gott ein Angebot dar; es kann keinen Gottesbeweis geben. Es kann keine Beweis für gar nichts geben. Beide Diskussionspartner müssen an Wahrheit, Logik und die Fähigkeit der Vernunft sie zu erkennen glauben. Wenn jemand nicht glaubt die Vernunft sei nicht wahrheitsfähig, kann man ihn nicht vom Gegenteil überzeugen, denn jedes Argument geht sowieso in die Irre. Es ist unmöglich ihm zu beweisen, dass die Vernunft doch dazu fähig ist. Denn jeder Beweis in diese Richtung setzt voraus, dass man die Möglichkeit der Vernunft anerkennt.
Weil es also ohne Gott keine Wahrheit geben kann, schafft der Atheismus gerade das Gut ab, dass er predigt: die Vernunft. Insofern ist der Glaube ein Angebot, dass die Vernunft rettet und die Konsequenzen deutlich macht: ich kann dich nicht letztlich überzeugen, aber die Konsequenz deines Atheismus ist die Leugnung jedweder Wahrheit, jedweder Vernunft und Logik, jedweden Sinns. Wer die Konsequenz tragen will, ist schwerlich zu widerlegen, sofern er nicht Wahrheit und Vernunft anerkennt. Wer die Konsequenzen nicht tragen will, der muss zu einem Gottesgläubigen werden. Daher bleiben zwei Weg des Glaubens: der atheistische, der bekennt „credo absurdum est“ und der Gottesglaube, dessen Maxime „credo ut intelligam“ ist. Daher müssen wir letztlich nicht nur sagen Alles ist Gnade, sondern Alles ist Glaube.

Zu dem Thema sind Interviews von Robert Spaemann zu empfehlen:

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=04c46bd4-d25a-454d-b31d-e70653fabef1 Wahrheitsfindung und Gottessuche, Robert Spaemann im Gespräch bei Sternstunde Religion
http://kathtube.com/player.php?id=13199 Gott, das unsterbliche Gerücht im Wissenschaftszeitalter, Robert Spaemann im K-TV Interview mit

1 G.K. Chesterton – Orthodoxie, S. 73

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