Katholische Soziallehre VII. – Eigentum und Wirtschaft

I. Eigentum
Wenn man fragt warum die Katholische Kirche gegen Sozialismus sei, so wird der Durchschnittsmensch wohl antworten weil er atheistisch sei. Das konzentriert sich dann auf den Vorwurf der Kirche seien Gerechtigkeit, Gleichheit usw. egal, sofern sie von Atheisten geäußert werden. Nun ist hier nicht der Platz um über die Implikationen des Atheismus zu sprechen, aber solche Äußerungen zeugen von Unkenntnis bezüglich der Position der Katholischen Kirche.
Denn wenn man die Dokumente gegen den Sozialismus (z.B. Rerum Novarum und Quadragesimo Anno) liest, wird man feststellen, dass ein Hauptargument gegen den Sozialismus nicht in seiner Gottlosigkeit, sondern seine Kritik am Eigentum ist. Die Kirche hat immer gelehrt es entspräche dem Naturrecht Eigentum zu besitzen. Die Sozialisten zerstören demnach die Gerechtigkeit und bestehlenden Arbeiter, wenn sie Eigentum zerstören. Denn wenn der Arbeiter z.B. Grundstück kauft, „so ist das Grundstück eben der ihm gehörige Arbeitslohn, nur in anderer Form.“1 Der Arbeiter „verwandelt“ seinen Lohn in Eigentum. Eine Gesellschaft die das Privateigentum abschafft, schränkt nicht nur die Freiheit ein, sondern nimmt dem Arbeiter auch seinen Lohn. Insofern führt der Marxismus sich ad Absurdum, da er ja gerade die Kapitalisten dafür kritisiert die nähmen dem Arbeiter den Lohn.
So sehr die Kirche das individuelle Eigentumsrecht betont hat, so hat sie immer seine „Doppelnatur“ gelehrt. Es gibt das individuelle Eigentumsrecht und den sozialen Eigentumsgebrauch. Fulton J. Sheen erklärt diesen Grundsatz trefflich, wenn er sagt das Eigentumsrecht heißt ich darf Gegenstand A haben und es ist unanfechtbar. Ich darf aber nicht – hier geht es um den Eigentumsgebrauch – den Gegenstand nehmen und jemandem damit verletzten.2 Da Eigentumsrecht und Eigentumsgebrauch zwei verschiedene Dinge sind, sind die Sozialisten im Unrecht, wenn sie fordert all jene zu enteignen die ihr Eigentum unmoralisch verwenden. Oder in Worten von Pius XI.: „Der sittlich geordnete Gebrauch des Eigentums … kann daher ‚im Klagewege nicht erstritten werden‘.“3
Das heißt natürlich nicht, dass der Staat keine Ordnungspolitik betreiben darf, die altruistisches Verhalten belohnt, z.B. in Form der Tabaksteuer. Die Staatsgewalt darf auch verstaatlichen, z.B. bei wichtigen Bauarbeiten. Aber „elbstverständlich darf die Staatsgewalt nicht willkürlich verfahren. Das naturgegebene Recht auf Sondereigentum, eingeschlossen das Erbrecht, muß immer unberührt und unverletzt bleiben, da der Staat es zu entziehen keine Macht hat.“4 Dabei wird ausdrücklich der Fall kritisiert, „wenn der Staat seinen Angehörigen so hohe Steuern auferlegt, daß dadurch das Privateigentum aufgezehrt wird.“5 Diesen Umstand nannte Wilhelm Röpke „Fiskalsozialismus.“
Eine wichtige Gemeinsamkeit von Neoliberalismus und Katholischer Soziallehre besteht darin die Streuung des Eigentums zu fordern. Die Soziallehre will weder die private noch staatliche Monopolisierung, sondern das was Chesterton „Distributismus“ nannte: jeder verfügt über Privateigentum und ist somit selbständig. Dieses große Ziel, dass Thatcher als Kreuzzug titulierte, die „Entproletarisierung des Proletariats“6 ist heute nicht mal im Ansatz erreicht. Die Vision der Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, der Katholischen Kirche und des Liberalismus ist untergegangen in Keynesianismus, Wohlfahrtstaat und Interventionismus.
Die Forderung der Kirche bleibt bestehen und muss immer wieder in aller Deutlichkeit wiederholt werden: Gerechtigkeit kann nur erreicht werden wenn es nicht mehr Proletarier gibt und ihre Existenz subventioniert wird, sondern wenn es aufhört sie zu geben – wenn die Armut nicht, wie Erhard sagte, verteilt, sondern abschafft wird. Wenn kein Volkseigentum, sondern ein Volk von Eigentümer haben wird die Gerechtigkeit erfüllt sein.

II. Wirtschaft:
Die Kirche hat sich nie verbindlich für ein Wirtschaftssystem ausgesprochen. Jedoch folgt aus der Anerkennung des Eigentums unzweifelhaft die Marktwirtschaft. Die Überlegenheit dieses Systems betonte Johannes-Paul II. in seiner Sozialenkyklika „Centesimus annus“, sprach gleichzeitig freilich von der Unterschiedlichkeit der Definition des Begriffes Kapitalismus. Auf die Frage ob die Kirche dem Kapitalismus folge antwortete er: „Die Antwort ist natürlich kompliziert. Wird mit »Kapitalismus« ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv. …. Wird aber unter »Kapitalismus« ein System verstanden, in dem die wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden ist, die sie in den Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt und sie als eine besondere Dimension dieser Freiheit mit ihrem ethischen und religiösen Mittelpunkt ansieht, dann ist die Antwort ebenso entschieden negativ.“7
Daher muss betont werden, dass die Wirtschaft ein Mittel zum Zweck ist; letzter Zweck von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft ist die Entfaltung des Individuums und seine Entwicklung. Deswegen sagt Johannes-Paul II.: „Die Kirche hat keine eigenen Modelle vorzulegen“8
Da also der Mensch im Mittelpunkt steht muss man sich vor einer Überhöhung der Technik hüten. Daher muss man vor einer „Vergötzung des Marktes“9 warnen. Das ist kein billiger Antikapitalismus, sondern die die in Einkenntnisnahme der Grenzen des Marktes und seiner Möglichkeiten. Wer darin Antikapitalismus sieht muss Ludwig von Mises zum Gegner der Marktwirtschaft erklären, wenn er in „Bürokratie“ das gleiche sagt.
Freilich gilt diese Feststellung nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich: der Markt lebt von Bedingungen die er selbst weder schaffen noch erhalten kann. So funktioniert der Vertrag z.B. nur wenn man sich daran hält, d.h. wenn man eine moralische Bindung daran hat. Je geringer die moralische Bindung ist, desto mehr Sicherheit braucht der Vertragspartner im staatlichen Zwang. Daher kann man zu Recht davon sprechen die Moral sei ein Bollwerk der Freiheit. Deswegen schließt der Kirche sich der Sozialen Marktwirtschaft an, die nicht heißt Gerechtigkeit durch Staatseingriff. Wie sich deutlich in den Werken von Wilhelm Röpke zeigt ist die Soziale Marktwirtschaft kein Gesellschafts- und Wertesystem; Soziale Marktwirtschaft ist eine Marktwirtschaft mit einer angegliederten Sozialordnung – eine christlich-konservative Sozialordnung.

1 Leo XIII. – Rerum Novarum

2 Fulton J. Sheen – Does Capitalism Still Exist?

3 Pius XI. – Quadragesimo Anno

4 Ebd.

5 Leo XIII. a.a.O.

6 Pius XI. a.a.O

7 Johannes-Paul II. Centesimus annus

8 Ebd.

9 Ebd.

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