Das Seehundproblem der Kirche

1721 landete ein lutherischer Pfarrer aus Norwegen in Grönland: Hans Egede. Er begann unter den Inuit zu missionieren und wurde später als „Apostel der Grönländer“ bekannt. Egede übersetze auch christliche Texte in die Sprache der Grönländer. Dabei war er kreativ im Lösen sprachlicher Probleme: die Passage im Vaterunser wo es heißt „unser tägliches Brot gibt es heute“ war für die Inuit unverständlich, denn Brot kannten sie gar nicht. Wie musste diese Stelle also übersetzt werden? Sollte man jedes mal erklären was Brot ist? Egede wählte eine bemerkenswerte Übersetzung: „unsern täglichen Seehund gibt uns heute.“ Diese kreative Übersetzung war für die Inuit verständlich und brachte den Kern der Sache zum Ausdruck.

Dieses historische Problem zeigt die Frage vor die das moderne westlichen Christentum gestellt wird: seit der Zeit des Paganismus stehen die Kirche zum ersten Mal wieder vor einer nicht-christlichen Mehrheit. Sogar die Gläubigen müssen dieser entchristianisierten Gruppe in der Mehrheit zugerechnet werden. Das Problem ist heute nicht die Kritik an der Kirche, sondern die Unwissenheit. Weder Freunde noch Feinde wissen überhaupt etwas über den Gegenstand der Debatte. Jeder bastelt sich seinen Katholizismus und macht ihn dann zum Gegenstand positiver oder negativer Kritik – jeder nach seiner Façon. Oder kurz: wir haben unwissende Kritiker und unwissende Gläubige. Bevor daher über irgendeinen Glaubenssatz gesprochen werden kann muss man überhaupt einmal klar machen, was er aussagt. Mit Personen die meinen der Papst müsse nicht beichten, ist es schwer über die Grundsätze des Katholizismus zu diskutieren.

Daher ist das große Problem, dass man den Glauben erklären muss. Dabei darf man nicht auf lose Phrasen zurückgreifen. Es war immer das Problem den Glauben fortwährend zu aktualisieren. Nicht im Sinne von Hinwegnahme und Hinzufügung, sondern in Form der Neuformulierung. Da Begriffe sich ändern ist dies eine große Aufgabe. Dieses Problem zeigte sich schon in den ersten christlichen Streits: bei der Debatte um Trinität und Christologie war die große Frage wie Begriffe verstanden werden. Zwei Personen mit dem gleichen Glauben konnten meinen der andere sei ein Häretiker, nur weil er den gleichen Glauben verschieden formuliert. Ein Beispiel: im lateinischen Westen wurde generell von drei Personen in einer Substanz gesprochen. Anselm von Canterbury spricht jedoch von den Griechen, die „die drei Substanzen in einer Person mit demselben Glauben bekenne wie wir drei Personen in einer Substanz;denn sie bezeichnen in Gott das mit ‚Substanz‘,was wir mit ‚Person‘.“1

Das Problem besteht also darin für den einen Glauben die richtige Formulierung zu finden. Das gilt auch für die säkulare Welt. Früher war „Weib“ eine normale Bezeichnung, heute wird sie beleidigend verstanden. Es gilt also die Begriffe, nicht den Inhalt, zu aktualisieren. Worum es dabei geht fasst der Katechismus wunderbar zusammen: „Wir glauben nicht an Formeln, sondern an die Wirklichkeiten, die diese ausdrücken“ KKK-170 In diesem Sinne ist es legitim und sogar eine Forderung des rechten Glaubens sich über Formulierungen Gedanken zu machen.

Vor dem Hintergrund der Entchristianisierung ist es daher notwendig darüber nachzudenken wie man den Glauben für die Welt verständlich formulieren kann. Die Frontkämpfer sind dabei nicht zuerst Theologen und Intellektuelle, sondern die Pastoren in unseren Gemeinden. Bei genauerer Betrachtung leisten sie oft eine viel größere intellektuelle Arbeit. Denn sie müssen das theologisch gesagte in einfache Worte formulieren. Wenn ein Mitglied der Pfarrei die Theodizee-Frage stellt – also die Frage wie das Leid mit Gott vereinbar ist – dann kann der Pastor nicht mit intellektuellen bzw. akademische Methoden arbeiten, so berechtigt diese sein mögen. Es verhält sich sogar so, dass die Theologie dem Pfarrer in dieser Situation dienen muss. Im Katholizismus kommt den einfachen Menschen der Primat zu. Es ist daher kein Wunder, dass die meisten Modernisten sich auf intellektuellen Phrasen berufen. Im Katholizismus aber hat die alte Vetula den Vorrang; der hl. Thomas von Aquin bildete ein Gleichnis um das Ziel der Theologie zu zeigen: die Theologie habe der alten Vetula – also dem einfachen Großmütterchen – zu dienen, die weder lesen noch schreiben kann, aber einfach und fromm lebt. Dem einfachen Glauben des Volkes kommt daher mehr Gewicht zu. Alle theologischen Überlegungen haben in ihrer Komplexität nur dem einfachen Glauben zu dienen.

Daher ist eine große Notwendigkeit, dass die Theologie diese Aufgabe wieder wahrnimmt. Das heißt auch und gerade eine Abkehr vom Intellektualismus des Modernismus. In diesem Sinne ist auch die Forderung nach mehr Demokratie einzuordnen: der Glaube der Millionen einfachen Menschen über die Zeit hinweg, muss doch eher gehört werden, als die absurden Thesen modernistischer Intellektueller.

Es gilt also, dass die Kirche sich Gedanken darüber macht, wie man den Glauben vermittelt. Es ist als Wink der Vorsehung zu betrachten, dass gerade Professor Ratzinger zum Papst gewählt wurde, da ihm doch dieses Problem immer am Herzen lag. Der Glaube ist einfach, ist daher ein wichtiger Satz in der Ratzinger’schen Theologie.

Die Frage der „Entschlüsselung“ und der Neuformulierung bei Wahrung der Wahrheit ist ein schweres Feld, bei dem man schnell in den Irrtum abrutschen kann, was z.B. Versuche einer Neuformulierung der Transsubstantiation zeigen.

Was dabei sehr interessant ist, ist gerade der Umstand, dass wir bei einer solchen Arbeit vor allem auf die Väter zurückgreifen können. Gerade aus dem Schatz der Kirche können wir schöpfen, um ihn heute für die Welt fruchtbar zu machen. Die Väter zeigen wie man einer nicht-christlichen Welt den katholischen Glauben erklärt; sie haben sich hundertmal mehr Gedanken über Begriffe und ihre Bedeutung gemacht, als wir heute. Das Problem ist aber das gleiche, dass schon Christus hatte und löste. Er sprach in der Sprache des Volkes, ohne sich des Primitivismus oder der Ungenauigkeit hinzugeben. Darum muss es gerade gesehen: wir wollen den Glauben nicht ändern, sondern erklären.

Das Erklären heißt nicht, dass wir unsere Formeln beiseite schaffen. Das Dogma der Transsubstantiation muss nicht umformuliert und dann neu dogmatisiert werden. Es geht darum für eine Erklärung des Dogmas neue Begriffe zu finden. Wie erklärt man einem Atheisten, ohne religiöse Basis, was wir meinen wenn wir davon sprechen die Menschheit sei „gefallen“? Was ist Sünde und was meinen wir wenn wir „Mutter Gottes“ sagen? Wenn wir sagen wie essen den „Leib Christi“ meinen wir damit wir essen Jesus, so wie man ein Tier isst? Wenn wir sagen der Papst sei unfehlbar, heißt das dann, dass jede Aussage wahr ist? Solche Fragen müssen beantworte werden.

Es war immer die Aufgabe jeder Generation von Gläubigen das Glaubensgut anzunehmen, zu entfalten, zu bewahren und weiter zutragen. In jeder Generation entscheidet sich die Zukunft des Christentums; es stellt sich immer die Frage wie die gegenwärtige Generation diese Aufgaben meistert. Daher ist es so wichtig, dass der Glaube erklärt wird, denn nur wenn wir unseren Glauben verstehen, können wir wirklich Christen sein und das Glaubensgut auch weitertragen.

 

 

 

 

 

 

1 Anselm von Canterbury – Monologion, Vorrede

 

 

 

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