Jesus Ja, Kirche nein?

Kirche ist Christentum und Christentum ist Kirche. … Die Kirche kann nur von dieser Seite her richtig und voll gesehen werden.“

Matthias Premm1

Kritik an den beiden Kirchen ist populär: frauenfeindlich, reaktionär, homophob, intolerant – das sind nur einige der oft gehörten Vorwürfe. Das Bekenntnis zur Kirche ist nicht hoch im Kurs. Dafür gibt es aber, vor allem im ungebunden Protestantismus, die Idee man brauche die Kirche nicht, man braucht nur Jesus. Alles lässt sich auf die Formel „Jesus Ja, Kirche nein“ bringen. Diese Haltung ist populär und viele meinen es sei gerade die richtige christliche Haltung. Die heutige Kirche habe Jesus nicht gewollt – einige gehen soweit zu meinen Jesus habe allgemein keine Kirche gewollt. Nur lose Zirkel von Gläubigen das sei der Wille Christi gewesen.Lange hing ich eben dieser Richtung. Ich glaubte Jesus habe eine Kirche gegründet, aber sie sei von ihm abgefallen; ich verabscheute die Kirchen.
Ist diese Haltung richtig? Ist die biblisch? Wird die Kirche zu sehr betont? Stellen die Katholiken die Kirche zu Unrecht in den Mittelpunkt?

I.
Was kann uns die Bibel zu diesem Thema sagen? Eindeutig widerspricht die Bibel der Auffassung, Jesus habe keine Kirche gewollt. Wir wollen hier keine ausführliche Darstellung der biblischen Sicht. Zwei Verse sollen genügen: In Mt. 16:18 wird Petrus zum Haupt der Kirche bestellt. Weiter geht der 1. Timotheusbrief. Dort wird die Kirche „Säule und das Fundament der Wahrheit“ (3:15) genannt. Es kann daher nicht die Rede sein, dass Jesus keine Kirche wolle oder sie unwichtig sei.
Zudem müssen wir uns klar sein, dass der Glaube ein Ganzes ist. Man kann sich nicht einfach Teile herauspicken, die man nicht annehmen will. Der Glaube an die Kirche ist ein Glaubensartikel im Glaubensbekenntnis. Sowohl im Apostolische wie im Großen Credo. Immer heißt es dort: „Ich glaube … an die Kirche.“ Den Artikel über die Kirche herauszunehmen ist so, wie den Artikel über Auferstehung wegzunehmen.
Interessant ist vor allem, dass die Argumente gegen diesen Glaubensartikel im einem Gefühl zu finden sind. Es geht nicht um eine biblische Fundierung. Dominikaner und Jesuiten stritten im Gnadenstreit nicht um Gefühl, sondern um die wahre Lehre. Es nicht darum ob der Molinismus sich gut anfühlt, sondern ob er wahr ist. Mir scheint die Gegnerschaft zu Kirche und zur Unfehlbarkeit ist vor allem in einem Unwohlsein gelagert. Man sagt nicht die Bibel lehrt in Kapitel X, Vers X folgendes, sondern es sei unmodern. Diese Argumentationsweise muss uns stutzig machen. Diesen Menschen muss man nicht unbedingt mit einer Apologie begegnen, die die biblisch Fundierung beweist, sondern den großen Kontext darstellen, indem die Kirche zu sehen ist.

II.
Wenn wir in die Geschichte der Märtyrer sehen stellen wir eins fest: diese Menschen sind gestorben, damit der Glaube lebe. Sie wollen eher sterben, als damit aufzuhören das Evangelium zu verkünden. Eher müsste man ihnen die Beine abhacken, bevor sie aufhören den Nicht Christen zu predigen. Das gleiche sehen wir in Europa. Der christliche Glaube kam durch mutige Männer nach u.a. Deutschland. Ein Beispiel ist der hl. Bonifatius, der als Märtyrer starb und als „Apostel der Deutschen“ verehrt wird.
Dieser kleine historische Exkurs soll ein tiefes christliches Prinzip verdeutlichen. Denn der hl. Apostel Paulus schreibt: „Der Glaube kommt vom Hören.“ Der Glaube ist nicht etwas was ich produziere. Nichts was ich allein empfange. Der Glaube kommt von Christus und wurde den Apostel gegeben. Sie predigten ihn allen Völkern. Wer hat dann den Glauben gepredigt? Wer war der Sprecher, wenn die Heiden die Hörer waren? Es war die Kirche, es waren die „Väter im Glauben“. Sie haben den Glauben empfangen und an uns weitergetragen. Die These Kirche Nein vergisst diese Struktur: von Christus wissen wir Europäer doch nur, weil die Kirche ihn uns gepredigt hat.
Wer hat über 2 000 Jahre den Glauben bewahrt und reingehalten? Wer hat die Bücher des Neuen Testamentes ausgesucht? Es war immer die Kirche. In ihr hat sich der Glaube erhalten. Weil also Christus den Apostel – und damit der Kirche – das Glaubensgut (also die Botschaft) übergeben kann und ein Lehramt eingesetzt hat, kann die Kirche urteilen. Christus hat die Kirche mit Autorität ausgestattet, damit sie in Treue das Glaubensgut bewahren kann. Die Kirche handelt bei ihren Entscheidungen nicht eigenmächtig, sondern in der Autorität Jesu Christi.
Die Kirche ist daher nicht unwichtig, denn in ihr ist Christus präsent. Durch die Sakramente – vor allem die Eucharistie – verwandelt er uns und ist gegenwärtig. Der Glaube an die Kirche ist essentiell, da sie die Historizität des Glaubens verdeutlicht. Das Christentum ist ja keine abstrakte Weisheits- oder Morallehre, sondern ein Glaube an ein historisches Faktum: die Inkarnation, die wir bald feiern. Gerade indem die Kirche sich auf die Apostel zurückführen kann, beweist sie die Historizität des Glaubens. Wenn wir die Kirche betonen dann deshalb, um Christus hervorzuheben. Jesus „schwebt nicht irgendwo in der Luft oder irgendwo in der Vergangenheit. … Er hat sich einen Körper [die Kirche] geschaffen … er bleibt Zeitgenossen von allen. Und das drückt sich gerade darin aus, dass es es die Kirche gibt, die ihm gehört.“2 Darum geht es letztlich wenn wir die Kirche als Glaubensartikel bekennen.Daher würden die Kirchenväter nicht müde zu betonen, dass es gerade auf die Kirche ankommt. Ohne sie und ihre lebendige (!) Autorität ist der Glaube sinnlos. Ohne sie wüssten wir nicht von Jesus, hätten keinen Garant dafür dass die Schriften wirklich von den entsprechenden Personen stammen und könnten nicht die Gnade der Sakramente empfangen.
Letztlich müssen wir uns über eins klar sein: der Mensch ist keine Monade. Die hier behandelte These geht davon aus. Nur Gott und ich. Dieser Glaube verbindet nicht; er schafft keine Geschwister im Glauben; in Gott „treffen wir aber auch auf die Gemeinschaft der anderen, deren Weg zu Gott durch ihn und so zueinander läuft.“ 3 Der Anhänger von Jesus Ja bleibt aber bei sich; sein Glaube ist abstrakte Philosophie, nicht praktisches Christentum. Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese These gerade den Zeiten eines falschen Individualismus aufkommt. Der Mensch ist Person, und als solche für und auf andere angewiesen. Die Kritik man sei auch die Kirche angewiesen ist daher kein Protest gegen kirchliches Christentum, sondern gegen das Leben als Mensch als solches.

1 Glaubenslehre II, S. 540
2 Kardinal Ratzinger im Alpha Forum 2003
3 Benedikt XVI. – Einführung in das Christentum, S. 334
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2 Antworten zu Jesus Ja, Kirche nein?

  1. Muriel schreibt:

    Du schreibst oben, dein Glaube sei ein Ganzes, und man könne sich nicht Teile herauspicken.
    Das finde ich interessant, weil ich das schon bei vielen Menschen unterschwellig herausgehört, aber selten explizit gesagt bekommen habe.
    Kannst du erklären, was das genau für dich bedeutet, und warum du das so siehst?

    • christscha schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar
      Christentum ist keine lose Anhäufung von Dogmen. Es ist ein Ganzes, d.h. die Lehren bedingten sich und sind aufeinander angewiesen. Als Beispiel die Kreuzigung: es ist schwer vorstellbar wie ein Christ an die Kreuzigung glaubt, aber gleichzeitig die leibliche Auferstehung leugnen kann. Das gibt es zwar, aber es ist absurd. Denn Kreuzigung und Auferstehung hängen miteinander zusammen. Man kann schlecht sagen Vers 1 erkanne ich an, Vers 2 nicht. Christentum ist keine Philosophie, es kommt vom Hören. Wir hören, empfangen, aber das ganze „Glaubensgut“ – wie der Katholik sagt.
      Ein Beispiel: was würden wir von Feministinnen halten die zwar für die freie Berufswahl der Frau eintreten, aber das Wahlrecht ablehnen. Wir würden ihnen doch vorwerfen etwas zu vergessen. Emanzipation der Frau ist doch ein ganzes.
      Ich hoffe das beantwortet Deine Frage.

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