Target-Salden und Eurokrise

Professor Hans-Werner Sinns, Präsident des Münchner Ifo Instituts, neues Buch trägt den Titel „Die Target-Falle.“ Dort geht es um die den Euro, die Eurokrise und ihr Ursache, sowie um die sogenannten „Target-Salden“, deren Umfang größer ist als die bisherigen sichtbaren Rettungsmaßnahmen. Leider ist dieses Thema in der breiten Öffentlichkeit ebenso wenig bekannt wie verstanden. Es sei hier daher versucht das Thema einfach zu erklären:

I. Was ist Target?
TARGET 2 (Abkürzung für engl. (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) ist ein Mechanismus der Grenzübergreifende Transaktionen in der Eurozone misst. Wenn ein Franzose Geld in die Niederlande überweist, so misst das Target-System diese Transaktion. Grenzübergreifende Überweisungen werden über die nationalen Notenbanken abgewickelt. Wenn der Franzose Geld überweist so geschieht folgendes: die Geschäftsbank des Franzosen hat ein Konto bei der französischen Nationalbank. Werden 100€ in die Niederlande überwiesen, bucht die französische Notenbank 100€ bei dem Konto der Geschäftsbank einfach ab. Was passiert in den Niederlande? Die niederländische Zentralbank schreibt dem Konto der entsprechenden niederländischen Geschäftsbank 100€ gut. Zum Ausgleich bekommt die niederländische Notenbank eine Forderung gegen die EZB, die französische Notenbank eine Schuld gegenüber der EZB.
Was heißt das also? Die niederländische Notenbank hat für die Rechnung Geld bereit gestellt. Sie hat die Zahlung kreditiert. Das Verhältnis von Französischer Notenbank und niederländischer Notenbank ist wie wenn zwei Freunde zur Werkstatt gehen. Der eine Freund möchte sein Auto abholen, hat aber seine Geldbörse vergessen. Der andere Freund ist so nett und begleicht die Rechnung. Wenn die beiden Freunde wieder zu Hause sind, wird die Rechnung freundschaftlich beglichen.
Normalerweise sind daher auch die Target-Salden kein Problem. Bis zur Eurokrise waren die Salden klein und unwichtig. In der Eurokrise ist aber folgendes passiert: das private Kapital verweigerte sich dem Süden. Der Süden brauchte aber fortwährend Geld um seine Defizite zu finanzieren. Was tat er nun? Bevor die Anleihenkäufe und die Rettungsschirme kamen, half das EZB System: sie druckten Geld und nutzen das Target-System: man kaufte z.B. Maschinen aus Deutschland. Wie oben beschrieben musste die Bundesbank die Rechnung begleichen. Aber es war noch schlimmer: die deutschen Banken zogen ihr Geld aus den USA und Südeuropa zurück. In Deutschland war viel Kapital verfügbar, das investiert wurde. Daher sanken die Zinsen und ein Bauboom setze ein und somit der Aufschwung. Die deutschen Geschäftsbanken verfügten über so viel Geld, dass sie einen Teil davon bei der Bundesbank verzinslich anlegten. Die Bundesbank nutze das Geld zum Tilgen der aus dem Süden kommenden Rechnungen und erhielt dafür im Gegenzug eine Forderung gegen die EZB.
Was passiert wenn die Deutschen ihre Ersparnisse von den Banken wieder haben wollen, z.B. um sie im Alter zu nutzen? Die Banken werden zur Bundesbank gehen. Aber das Geld ist weg; es sind bloß noch Forderungen gegen die EZB. Der Süden ist aber nicht fähig zurückzuzahlen. Das heißt nichts anderes als dass große Teile des deutschen Auslandsvermögens in bloßen Buchforderungen verwandelt wurde.
Sollte der Euro verbrechen und die EZB untergehen, sind die Salden völlig weg, denn sie sind dann nur noch Forderungen gegen ein nicht existierendes System. Leider bedenken das diejenigen nur sehr selten, die fordern man solle den Euro aufgeben. Es sei noch mal betont, dass es Forderungen gegen die EZB sind, nicht gegen die Notenbank. Die Bundesbank hat Forderungen gegen die EZB, nicht gegen die griechische Notenbank. Deutschland freilich in der Falle. Denn immer sind die Target-Salden in Gefahr; der Euro darf nicht zerbrechen, sonst sind die Salden weg.
Selbst wenn das alles nicht passiert werden die Target-Forderungen die mit 0,75% verzinst werden von der Inflation aufgefressen. Unterm Strich werden die Deutschen reale Güter (z.B. Maschinen) verkauft haben gegen bloße Buchforderungen.
Die Target-Salden sind die Saat für Unfrieden in Europa. Denn was wird passieren wenn in einigen Jahren die Völker des Nordens in den Süden gehen, um ihr Geld zu fordern? Geld, dass der Süden nicht aufbringen kann. Es wird Unfrieden gesät.

II. Antwort auf Kritik
Nun gibt es an dieser – der Sinn’schen – Interpretation der Dinge Kritik. Wir wollen hier auf wesentlich zwei eingehen: 1. „Es handelt sich nicht um Kredite.“ Dieser Vorwurf verkennt das ökonomische Geschehen. In der Tat gibt die Bundesbank niemandem Geld. Die Bundesbank gibt der griechischen Zentralbank nicht x€. Aber sie muss Rechnungsaufträge aus dem Süden ausführen. Nehmen wir noch einmal das Beispiel der zwei Freunde. Ob er eine dem anderen 100€ leiht und eine Rechnung über 100€ begleicht ist ökonomisch irrelevant. In beiden Fällen hat der eine 100€ Forderung, und der andere 100€ Schuld.
2. Nun wurde, anfänglich u.a. von der Bundesbank, behauptet die Salden seien deshalb irrelevant, weil sie sich in der Eurozone aufheben. Das ist natürlich richtig, aber verkennt – wie der erste Vorwurf – das Wesen des Problems. Denn Kreditverhältnisse heben sich immer auf: 100€ Forderung und 100€ Schuld sind zusammen gerechnet null. -100€ des einen und + 100€ des anderen heben sich auf. Das sagt aber nichts über Risiko oder Wesen des Kredits.

III. Was ist zu tun?
Was können wir nun tun? Wir müssen das amerikanische Modell übernehmen. Von der keynesianischen Krisenpolitik der Fed kann man eigentlich nichts übernehmen, außer ihr System für den Ausgleich von Forderungen. Denn die Fed ist nicht monolithisch, sondern besteht aus mehren Distrikten. Auch zwischen diesen gibt es Salden: die sogenannten ISA (Interdistrict Settlement Accounts). Die Salden der verschiedenen Distrikte werden an einem Stichtag jedes Jahr ausgeglichen: früher mit Gold, heute vor allem mit marktfähigen (!) Wertpapieren. Dieser Ausgleichsmechanismus war ein Grund unter vielen die Fed zu gründen. Denn früher musste man das Geld physisch zwischen den Banken transportieren. Wenn A nach B überwies, sagte Bank A zu Bank B: zahl das aus, das Gold kommt später. Im Fed-System musste man einfach nur beim Gold den Namen ändern. Hans-Werner Sinn sagte über die Goldtransporte sogar: „Was wären die Wild West Filme ohne die Target-Salden“, denn was wäre der Wilde Wilden ohne die Goldwagen die ja nur dem Ausgleich von Forderungen dienen?Auf jeden Fall muss die EZB dem gleichen System folgen. Man kann kein System gründen, indem jeder einfach auf Kosten der anderen wirtschaften kann. Es braucht einen Ausgleichsmechanismus. Wir müssen uns aus der Target-Falle befreien.

Zu Empfehlen ist:
Hans-Werner Sinn – Die Target-Falle. Gefahren für unser Geld und unsere Kinder, Hanser-Verlag, 19,90€
Hans-Werner Sinn – Wie Target-Kredite funktionieren (http://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/policy/Staff-Comments-in-the-Media/Press-articles-by-staff/Archive/Eigene-Artikel-2011/medienecho_16643954_ifostimme-sz-19-09-11.html)
Malte Fischer – Target-Salden drängen Deutschland an den Abgrund (http://www.wiwo.de/politik/europa/euro-krise-target-salden-draengen-deutschland-an-den-abgrund/6277238.html)
Hans-Werner Sinn – Die Logik der Target-Falle, Vortrag (http://mediathek.cesifo-group.de/iptv/player/macros/cesifo/mediathek?content=2073425&idx=1)
Hans-Werner Sinn – Ein neues Modell für Europa, Vortrag (http://mediathek.cesifo-group.de/iptv/player/macros/cesifo/mediathek?content=2013147&idx=13)

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5 Antworten zu Target-Salden und Eurokrise

  1. Michael Geyer schreibt:

    Hans Werner Sinn ist mit großer Vorsicht zu genießen. Ich habe ein wenig den Verdacht, dass er die Bodenhaftung verloren hat. So schlägt er zum Beispiel vor, das Target-Problem nach US-Vorbild zu lösen. Damit plädiert er indirekt für eine Privatisierung des Zentralbankensystems, was wiederum zum Verlust der Unabhängigkeit führen würde.
    Um zurück auf die Target-Kritik an sich zu kommen, wäre es natürlich interessant in Erfahrung zu bringen, inwieweit diese Forderungen durch ein Zerbrechen der Euro-Zone wirklich ausfallen oder weiterhin gegenüber der griechischen Zentralbank (in Euro) bestehen blieben. Darauf habe ich in Sinns Beiträgen (überwiegend Artikel in der WiWo) wenig entdecken können. Wird dies in seinem Buch näher erläutert?

    • christscha schreibt:

      1. Prof. Sinn will keine Zentralbank privatisieren. Darum geht es auch überhaupt nicht, mal im geringsten. Wer diese These erhebt, hat den Kern dieser Sinn’schen These gar nicht verstanden: es geht um die Frage von Zahlungsforderungen zwischen Notenbankes eines Währungsraums. Das europäische Modell ist augenscheinlich nicht gut. Besser ist es doch die Forderungen auszugleichen, sei es mit Gold oder Wertpapieren. Das erscheint doch viel besser. Es kann ja nicht sein, dass es einige Notenbanken sich quasi unendlich bei den anderen Notenbanken des Währungsraums verschulden und keine Decklung drin ist.

      2. Zu Ihrer Frage: Die Bundesbank hat keine Verbindlichkeit gegenüber der griechischen Notenbank. Das könnte man zwar denken, stimmt aber nicht. Noch am gleichen Tag wo die Schulden entstehen, werden sie zu EZB Forderungen: Die Bundesbank hat z.B. 100€ Forderung gegen die EZB, Griechenland 100€ Schuld gegenüber der EZB. Wenn der Euro aufhört zu existieren, hört logischerweise die EZB auf zu existieren. Die Forderung der Bundesbank wäre gegen ein nicht existierendes System. Man hätte 27% am ziemlich kleinen Eigenkapital der EZB, das nicht im Ansatz die Target-Forderungen der Bundesbank abdecken kann.
      In seinem Buch wird das auch erläutert ja. Er sagt wir haben riesige Target-Salden, die unsere Ersparnis sind, und wenn der Euro zerbricht sind die weg. Damit werden wir erpresst, die Rettungsmaßnahmen mitzumachen – das ist die „Target-Falle“, die Sinn meint.

      • Michael Geyer schreibt:

        Zu 1)
        Herr Sinn erläuterte das US-System, welches darauf basiert, dass in regelmäßigen Intervallen seine ISA-Salden (das pendant zu Target) ausgleicht. Dabei werden interne Anteile der Fed, die als Sicherheit dienen, neu verteilt und zwar anhand der aufgebauten Verbindlichkeiten. Dadurch begibt sich dieses System aus meiner Ansicht nach in eine Abhängigkeit. Weiterhin führt eine solche Lösung sehr wahrscheinlich zur Privatisierung, weswegen ich auch von der indirekten Forderung sprach.

        Zu 2)
        Zerbricht der Euro, ist meiner Ansicht nach die EZB-Bank nicht einfach weg. Sie wird abgewickelt und ihre Verbindlichkeiten bzw. Forderungen vermutlich verteilt. Allerdings kenne ich mich in diesem Ressort überhaupt nicht aus. Deswegen wären etwaige konkrete Gesetznennungen hilfreich. Leistet Herr Sinn diese in seinem Buch?

        Darüber hinaus glaube ich, dass die ökonomischen Rahmenbedingungen, die europäische Idee und der politische Gestaltungswillen überhalb der Targetfalle als Triebfeder fungieren. Glaubt man Herrn Sinn, wurden diese Targetsalden zuvor ja überhaupt nicht beachtet, wesewegen der anfängliche Zusammenhalt des Euroraumes somit nicht der Targetfalle zu verdanken ist.

  2. christscha schreibt:

    1) Herr Sinn hat weder direkt, noch indirekt, weder impliziert, noch voraussetzt dass die EZB privatisiert werden soll. Das widerspricht sowieso seinen wirtschaftspolitischen Grundansichten. Es wirklich nur (!) um und den Ausgleichsmechanismus: die Target-Salden sollen mit marktfähigen Wertpapieren ausgeglichen werden.

    „Glaubt man Herrn Sinn, wurden diese Targetsalden zuvor ja überhaupt nicht beachtet, wesewegen der anfängliche Zusammenhalt des Euroraumes somit nicht der Targetfalle zu verdanken ist.“ In den Jahren vor der Krise waren die Salden auch irrelavant. Es gab sie zwar, aber sie waren so klein, dasssie keine Relevanz besaßen. Salden zwischen den Notenbanken des EZB-Systems sind an sich erstmal kein Problem, solange sie nicht zu groß werden und nicht ausgeglichen werden.

  3. christscha schreibt:

    „die EZB-Bank nicht einfach weg.“ Sie verliert damit ihre Basis. Die EZB hängt vom Willen der Mitglieder zu seiner gemeinsamen Währungspolitik ab, fehlt diese – was sind final in einem Ende des Euro zeigt – zerbricht die EZB. Außerdem hat die EZB selbst kein Geld. Wo soll das Geld herkommen, um etwaige Forderungen zu bezahlen? Die Nordländer wären dazu nicht bereit, vor allem ja das Ende von Transfers ein wesentliches Argument für den Euroaustritt ist. Außerdem stellt sich juristisch die Frage ob die EZB überhaupt existieren kann, denn sie hat kein Eigenkapital, keine Mitglieder und auch keine vertragliche Basis, denn wie soll eine Zentralbank ohne Währung existieren?

    „Leistet Herr Sinn diese in seinem Buch?“ Nein, weil Prof. Sinn weder glaubt dass der Euro untergeht, noch das präferiert Ich kann das Buch trotzdem empfehlen.

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