Die vierte Dimension – zum Grundproblem der Wirtschaft

Wenn wir einen Menschen fragen wie er sich den Himmel bzw. das Paradies vorstellt, so haben wir immer eine Vorstellung: Güter in Hülle und Fülle. Paradies heißt unendlich viele Waren. Das zeigt uns gerade was die Welt nicht ist: materielle Fülle. Die Welt ist gekennzeichnet durch Knappheit. Sowohl im materiellen Sinne, wie auch im geistig moralischen, d.h. in Bezug auf Tugend und Moral.

Das bringt uns zur Basis der Volkswirtschaftslehre: Knappheit. Anders als von antikapitalistischer Seite behauptet ist die Wirtschaftswissenschaft weit davon entfernt an die Unendlichkeit von Gütern zu glauben. Anders als viele andere Wissenschaften kann sie gerade sich dessen zieren, dass sie in dieser Hinsicht dem Realismus Genügte tut, indem sie nicht verspricht Knappheit könnte überwunden werden.

Unsere Zeit beseelt ein anderer Geist: die Idee unendlicher Güter. Die Idee man bräuchte gar nichts zu verdienen, es gäbe „von wo anders“ her. Es ist das was Wilhelm Röpke die „vierdimensionale Nationalökonomie“1 nannte und was Milton Friedman als den „Free-Lunch-Myth“ bezeichnete, also die Idee die Leistungen kämen aus einer Art vierten Dimension zur Finanzierung. Diese Haltung hat kaum jemand anders besser beschrieben als Frédéric Bastiat in den Worten:„Der Staat – das ist die große Fiktion, daß jedermann auf Kosten von jedermann leben kann.“ Man müsse eigentlich sagen: „Der Sozialstaat – das ist die große Fiktion“, denn die vierdimensionale Volkswirtschaftslehre finden wir vor allem dort: irgend woher soll das Geld schon kommen. Die Löhne sollen erhöht, die Leistung ausgeweitet und die Kosten gesenkt werden.

Die traurige Wahrheit ist: alles was wir ausgeben muss verdient werden. Löhne stehen in Beziehung zur Produktivität, Kostensenkungen heißt Einsparung und mehr Leistung heißt mehr Ausgaben und mehr Anstrengungen.

Die biblische negativ Verheißung der Mensch müsse im Schweiße seines Angesichts sein täglich Brot erarbeiten, bleibt bestehen. Es gibt keine weltliche Gewalt, Macht, Wirtschaftsordnung, Partei, Organisation oder sonst etwas was dem Abhilfe schaffen kann. Nicht mal der umverteilende Sozialstaat.

Umverteilung ist nicht produktiv; sie schafft keine neuen Werte. Sie nimmt sogar im Gegenteil Werte in Anspruch. Zu glauben Sozialpolitik könnte die Knappheit überwinden ist ein Taschenspielertrick. Ludwig Erhard sagte dazu ein deutliches Wort: „Diese Grundwahrheit [alles muss verdient werden] wird auch nicht durch Verschleierungsversuche mittels kollektiver Umlageverfahren aus der Welt geschafft.“2 Verschleierung ist auch zu glauben es gäbe „freie“ oder „kostenlose“ Güter. Wenn ein „kostenloses Studium“ gefordert wird, muss man sich klar sein kostenlos ist an den Studium gar nichts. Denn weder die Professoren oder Mitarbeiter arbeiten ohne Lohn. Die Gebäude, Lehrmittel usw. sind auch nicht umsonst, sondern kosten Geld. Wenn wir „kostenloses Studium“ sagen, meinen wir der Profiteur der Leistung, nämlich der Student, zahlt nicht, sondern die Allgemeinheit. Es wieder die „große Fiktion.“ Wenn etwas „kostenlos“ wird, heißt das bloß dass ein individuelles Bedürfnis (z.B. „kostenlose“ Museen, Ausbildungen, Sozialleistungen usw.) zu Kollektivbedürfen gemacht werden, für die die anderen bezahlen – natürlich wieder nur mit dem, was verdient werden ist. Eine Gesellschaft freilich in der jedes Individualbedürfnis identisch ist mit einem Kollektivbedürfnis wäre ein „Zustand des vollkommen ‚Kommunismus‘.“3

Das ewige Gesetz, nach dem alles was konsumiert wird, auch produziert werden muss, gilt. Sogar das vermeintlich komfortable Geld aus dem Nicht drucken. Selbst wenn man meint durch Geldschöpfung Wert schaffen zu können, ohne zu arbeiten, wird man direkt wieder von diesem ewigen Gesetz von den Füßen gerissen: Geld drucken muss mit Inflation bezahlt werden. Es gibt keinen Ausweg aus diesem ewigen Gesetz; die vierte Dimension gibt es nicht.

Weil also alles verdient werden muss, ist Erhard der Meinung, es sei viel „leichter jedem einzelnen aus einem immer größer werdenden Kuchen ein größeres Stück zu gewähren als einen Gewinn aus der Auseinandersetzung um die Verteilung eines kleinen Kuchens ziehen zu wollen.“4 Aber auch noch so viel Wachstum kann die Knappheit nicht aus der Welt schaffen. Das ist bedauerlich. Es ist ebenso bedauerlich, dass Freiheit nicht Grenzenlosigkeit heißt, sondern an Gesetzmäßigkeiten und Verantwortung gebunden ist. Es gibt nicht zum unsonst. Man kann hier nur dem konservativen Amerikanischen Kommentator Bill Whittle lauthals zustimmen: „It sucks.“5

1Wilhelm Röpke – Civitas Humana, S. 185
2Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 288
3Wilhelm Röpke – Die Lehre von der Wirtschaft, S. 58
4Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 18f.
5Bill Whittle – Why we suck (http://www.youtube.com/watch?v=lvLZ-M_HS-w)
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2 Antworten zu Die vierte Dimension – zum Grundproblem der Wirtschaft

  1. Michael Geyer schreibt:

    Ein guter Beitrag, dennoch möchte ich eine kleine Einhegung bzw Erweiterung der Perspektive einfügen. Umverteilung schafft in einem gewissen Umfang Mehrwerte. Dadurch, dass man soziale Sicherheit generiert, agieren Menschen anders. Sie können konsumieren, mit der Gewissheit, dass bei Schieflage man nicht vor dem Nichts steht. Ansonsten gäbe es gigantische Sparquoten und eine niedrige Investitionsbereitschaft. Eine solche Entwicklung ist in China zu beobachten.
    Weiterhin helfen Investitionen in die Bildung. Bildung gilt ja als Allheilmittel gegen Gewalt, Unterschichtenbildung und Krisen jedweder Art. Damit kann eine Investition in diesem Bereich durchaus Früchte tragen. Jedoch senkt eine vollständig kostenlose (für das Individuum) Bildung die Qualität.
    An dieser Stelle möchte ich auch an Erhard schließen, es gilt einfach Maß zu halten.

    • christscha schreibt:

      Ludwig Erhard hat schon gesagt: „Soziale Sicherheit ist gewiß gut und in hohem Maße wünschenswert, aber soziale Sicherheit muß zuerst aus eigener Kraft, aus eigener Leistung und aus eigenem Streben erwachsen. Soziale Sicherhei ist nicht gleichbedeutend mit Sozialversicherung für alle.“ Es ist also daher fraglich ob es denn wirklich der Sozialstaat ist, der die soziale Sicherheit schafft. Denn von Transfers ist man abhängig. Abhängigkeit kann nicht wirklich als ein Zustand der Sicherheit betrachtet.

      Wenn ich sage alles muss bezahlt werden, heißt das natürlich nicht es könnte keine Wertschöpfung geben. Natürlich vergrößern materielle wie „immaterielle“ (z.B. Bildung) Investitionen den „Kuchen“. Man muss aber die Investition bezahlen. Das Grundproblem bleibt leider bestehen.

      „Sie können konsumieren, mit der Gewissheit, dass bei Schieflage man nicht vor dem Nichts steht. Ansonsten gäbe es gigantische Sparquoten und eine niedrige Investitionsbereitschaft.“ Ich glaube die Sicherheit vom Sozialstaat ist geringer als angenommen. Es braucht nicht die Garantie von Transfers um Investitionsbereitschfat zu erzeugen. Oft genug hemmt der Sozialstaat diese sogar. Siehe auch meinen Artikel: „Leitlinien zur Sozialpolitik“
      Das Problem sind nicht die Sparquoten im Gegenteil. Das heutige Problem ist, dass die Investitionen nicht durch reale Ersparnis gedeckt sind, sondern Kredit aus dem Nichts kommt.

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