Gegen Sola Scriptura

„Ich würde selbst dem Evangelium
nicht glauben, wenn mich die Autorität
 der Katholischen Kirche dazu nicht bezöge.“
Augustinus

Der  an sich heterogene Protestantismus wird durch mehre Prinzipien geeint. Eins davon ist der Grundsatz „Sola Scriptura“ (lat. Allein die Schrift). Gemäß diesem Prinzip ist allein die Bibel Quelle und Norm aller Lehre. Die kirchliche Überlieferung stellt keine Quelle der Lehre und des Glaubens dar. Es ist bekannt, dass die katholische Kirche diese Doktrin ablehnt. Dieser Umstand führt bei Protestantismus oft zu Empörung, weil man angeblich die Bibel relativiere und Tür und Tor öffne für Häresie. Stimmt das? Ist sola scriptura wirklich eine wahre Lehre?

1. Lehrt die Bibel Sola Scriptura?
Wenn man darüber diskutiert ob die Bibel allein reiche, ist es hilfreich sich einmal zu fragen ob die Bibel selbst eigentlich sola scriptura vertritt. Wenn wir in die hl. Schrift schauen stellen wir fest: Nein, die Bibel lehrt nicht allein die Schrift. Eine Vielzahl an Stellen belegt diese Tatsache, und das Faktum, dass es auch ungeschriebene Quellen des Glaubens gibt. Das zeigt sich allein daran, dass die Israeliten lange Zeit die biblischen Geschichten mündlich überlieferten. Ebenso ist das Neue Testament voll mit klaren Stellen gegen sola scriptura:
Seid also standhaft, Brüder, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief.“ 2. Thess. 2:15 (Hervorhebung von mir)
Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müsste.“ Joh. 21:25 (Gegen die These nur weil es in der Bibel nicht direkt vorkomme, sondern nur in der Tradition sei es falsch)
Kämpft für den überlieferten Glauben, der den Heiligen1 ein für allemal anvertraut ist.“ Judas 3
Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest? Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg. 8:34f.) (Es braucht die Kirche die lehrt und auslegt)
Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertrau zuverlässigen Menschen an, die fähig sind, auch andere zu lehren.“ 2. Tim. 2:2 (Die mündliche Predigt des Apostels als Quelle)
Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe.“ 1. Kor. 11:2 (Der mündliche Glaube, der der Apostel den Korinthern gegeben hat ist eine Quelle)
„„Weitere Anordnungen werde ich treffen, wenn ich komme.“ 1. Kor. 11:34 (Auch das was der Apostel vor Ort tut und mündlich anordnet hat Gewicht)
In zweiten Kapitel des Philipperbriefes finden wir einen frühchristlichen Hymnus. Paulus zitiert hier ein unter den Christen bekanntes Lied. Er beruft sich damit positiv auf die Liturgie, wie es auch später die Kirche tun sollte: überlieferte Texte der Liturgie geben Auskunft über den Glauben, der von Alters her geglaubt worden ist. Das folgt dem Grundsatz: „Lex orandi lex credendi“ – was die Kirche betet, glaubt sie auch. Daher sind auch die Texte der Liturgie nicht unwichtig. (vgl. KKK-1124)

 

 

2. Der Glaube der ersten Christen
In vielen Debatten ist es nützlich und hilfreich sich den Glauben der frühen Christen anzusehen. Sie, die sie oft genug Schüler der Apostel bzw. von Apostelschülern waren, müssten doch am besten wissen was Christen glauben. Sie sind näher am Ursprung des christlichen Glaubens.
Wenn wir in die christliche Antike schauen, sehen wir dass die frühen Christen nicht an Sola Scriptura geglaubt haben. Es war immer der Glaube, dass die apostolische Autorität und Überlieferung wesentliches Gewicht habe.
So bekannte Irenäus von Lyon († 202) stellte daher fest: „So ist die Tradition der Apostel in aller Welt offenkundig. Alle Menschen, die die Wahrheit sehen wollen, können sie in jeder Kirche finden. Wir können auch die Bischöfe aufzählen, die von den Aposteln eingesetzt wurden, sowie deren Nachfolger in unserer Zeit.“ (haer. 3,3,1) Die Überlieferung der Kirche kommt nicht von Ungefähr, sondern: „Diese Tradition hat die Kirche auf dem gesamten Erdkreis von den Aposteln empfangen“ (haer. 2,9,1), die das Glaubensgut von Christus haben. Das Glaubensgut ist „in den Kirchen bewahrt“ (haer. 3,2,2) worden.Die Kirchenväter waren der Auffassung, dass die Lehre der Apostel sich „nicht außerhalb ihrer legitimen Nachfolger finden“2 lasse. Der hl. Athanasius umriss auch deutlich die frühchristliche Überzeugung: „Unser Glaube ist der rechte, denn er nimmt seinen Ursprung, sowohl aus der apostolischen Lehre als auch aus der Überlieferung der Väter; er erhält seine Bestätigung aus dem Neuen und aus dem Alten Testament.“ (ep. Adelph. 6) Für die alte Kirche war der Traditionsbezug essentiell. Athanasius schrieb nämlich: „Lasst uns die ursprüngliche Überlieferung sowie die Lehren und den Glauben der katholischen Kirche betrachten, den der Herr gegeben hat, die Apostel verkündet und die Väter bewahrt haben. Denn darauf ist die Kirche gegründet, und wer aus ihr herausfällt, der kann wohl weder ein Christ noch so genannt werden.“ (ep. Serap. 1,28) Für die gesamte alte Kirche manifestierte sich im Überlieferungsprinzip der Glaube, dass „nur in der geschichtlichen Kontinuität der Glaube gegenwärtig sei.“3 Christsein hieß immer das „beharrliche Bleiben in der Lehre der Apostel“ (Apg. 2:42) und Partizipation an deren Glaube. Christsein lässt sich nicht von den Aposteln und deren Überlieferung an die Kirche trennen. Daher betonen die frühen Christen immer, dass das Glaubensgut, dass die Kirche bewahrt, von den Aposteln übergeben worden ist, dass sie wiederum von Christus haben. Durch die Lehre der Apostel kommt man zur Lehre Jesu. Nur in der Kirche kann die Bibel wirklich verstanden werden, „weil nur in ihr der Geist fortlebt [= Heiliger Geist], der die Schrift hervorgebracht hat. Derselbe Geist, der die Schrift als Buch der Kirche inspiriert hat, führt auch die Kirche in den Sinn der Schrift sein.“4 Augustinus feste daher fest: „In dem Maß,e in dem einer die Kirche Christi liebt, hat er den Heiligen Geist“ (Io. ev. tr. 32,8) zur Interpretation der Schrift. Tertullian fragte zudem: „Wem gehört die Schrift?“ (Praescr. 154) und beantworte die Frage mit der Kirche. Die Bibel wurde geschrieben für die Christen, als Richtschnur, d.h. für die Kirche; sie ist die Erbin der Apostel, die die Bibel geschrieben haben. Die Bibel war für die Kirchenväter „kein herrenloses Treibgut im literarischen Meer der Religionsgeschichte“5, sondern hat ihren „Lebensraum“ in der Kirche. Fiedrowicz stellt daher fest, dass die Idee der Bibel als „eigenständige[r] Größe und kritische[m] Maß autom der Kirche gegenüberträte ist eine historische Fiktion, die patristischem Denken völlig fremd blieb.“6

Die Autorität der Kirche zur Auslegung ist „Ausdruck ihrer Treue gegenüber dem biblischen Wort“. Die Kirche ist eine Art Verbraucherschutz, die sicher stellen muss, dass die Bibel so gelesen wird, wie sie gelesen werden will, wie die Apostel sie gemeint haben.
Für eine ausführliche Bestimmung von Schrift und Tradition siehe Michael Friedrowicz – Theologie der Kirchenväter, S.44 -187

3. Henne und Ei:
Es ist nützlich sich zu fragen was eigentlich zuerst da war: die Henne oder das Ei. Das heißt die Bibel oder die Kirche. In diesem Falle ist die Frage leicht: die Kirche. Die Kirche wurde ~ 30 n.Chr. Gegründet, die Evangelien folgten Jahre später. Was war in dieser Zeit die Quelle des Glaubens, da es das Neue Testament noch nicht gab? Es waren die Augenzeugen, d.h. die Apostel selbst. Wenn also ein Heide einen frisch getauften Christen fragt wo die Quelle sei, so kann er nicht antworten das Neue Testament, denn zu diesem Zeitpunkt gab es das noch gar nicht. Der Christ wird sagen: von Apostel X, der hat mit Jesus gesprochen, war sein Jünger und war viele Jahre mit ihm zusammen in Judäa. Ebenso würde sich eine lokale Gemeinde gerade auf die Apostel berufen. Wir, Gemeinde A, weiß von Jesus und kann ihn bezeugen, weil Apostel X bei uns war. Damit macht man sich die apostolische Sukzession zu neigen, also die Doktrin, dass die geweihten Amtsträger Nachfolger der Apostel sind. Beispiel: Der römische Bischof (der Papst) kann sich auf den Apostel Petrus zurückverfolgen. Daraus resultiert seine Autorität; der Ursprung macht die Autorität.
Aber woher wissen wir eigentlich, dass die Schriften wirklich von den Personen stammen? Woher wissen wir eigentlich von Jesus, wer hat die ursprüngliche Lehre von ihm erhalten? Schließlich haben auch die Gnostiker im 4. Jahrhundert Schriften erfunden und die Namen der Apostel (z.B. Thomas) darauf geschrieben. Woher wissen wir, dass das Lukasevangelium wirklich von Lukas stammt? Woher wissen wir, dass die Botschaft des Evangeliums wirklich die Botschaft der historischen Person Lukas entsprechen? Das Lukasevangelium kann hierauf natürlich keine direkte Antwort geben. Denn sowohl das Original als auch die Fälschung behauptet von sich wahre Autorenschaft. Das wesentliche Argument für die Echtheit der Schriften muss in der Kirche liegen: wir, die Kirche, weiß was Lukas gepredigt hat. Er hat in der Stadt X gepredigt, er hat unseren Bischof eingesetzt. Er war hier, darum wissen wir was er gesagt hat. Darum wissen wir, ob eine Schrift seiner Lehre entgegensteht. In diesem Kontext steht die Autorität der Kirche den Kanon der Kirche zu bestimmen. Denn es war die Kirche die die Schriften des Neuen Testamentes zusammengestellt und ausgesucht hat. Hier zeigt sich ein großes Argument gegen den Protestantismus: die Kirche hat die Schriften erst überhaupt zusammengestellt. Sie hat sie bewertet Anhand des Glaubens der Kirche. Denn die Apostel haben der Kirche das Glaubensgut übergeben. Da die Lehre und Autorität der Apostel, die von Christus kommt, in der Kirche ist, kann sie urteilen ob etwas der Lehre Jesu entspricht, ob eine Schrift heilig sein kann, indem Sinne, dass sie von Gott kommt, denn in ihr ist die Autorität Jesu, der Heilige Geist der die Kirche rechtleitet und Christus als das lebendige Haupt seiner Kirche. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Bibel für die Kirche irrelavent wäre, oder sie das Recht hätte sich über die Bibel einfach hinwegzusetzen. Das Verhältnis von Bibel und Kirche hat der heilige Vater in seinem Jesusbuch ausgeführt: „Die Schrift ist in und aus dem lebendigen Subjekt des wandernden Gottes Volkes gewachsen und lebt in ihm. […] Der Zusammenhang mit dem Subjekt ‚Volk Gottes‘ ist für die Schrift vital. Einerseits ist dieses Buch – die Schrift – der von Gott herkommende Maßstab und die weisende Kraft für das Volk, aber andererseits lebt die Schrift doch nur eben in diesem Volk, das sich in der Schrift überschreitet und so – in der letzter Tiefe – vom fleischgewordnenen Wort her – eben Volk Gottes wird. Das Volk Gottes – die Kirche – ist das lebendige Subjekt der Schrift; in ihr sind die biblischen Worte immer Gegenwart. Freilich gehört dazu, dass dieses Volk sich selbst von Gott, zuletzt vom leibhaftigen Christus her, empfängt und sich von ihm ordnen, führen und leisten lässt.“7 Oft reden Evangelikale vom „biblischen Christentum“. Wenn wir über diesen Begriff genauer nachdenken stellen wir fest, dass es niemals eine biblische Kirche gab. Es war immer die Kirche der Schrift und der apostolischen Überlieferung. Immer standen Autorität und Überlieferung neben der Bibel. Historisch hat es nie eine rein biblische Kirche gegeben.

4. Das Wesen des Christentums:

Es ist nützlich sich über das Wesen des Christentums klar zu werden, wenn man über Sola Scriptura nachdenkt. Denn das Christentum ist nicht, wie oft angenommen, eine Buchreligion, die es z.B. der Islam ist. Es ist natürlich in einem gewissen Sinne eine Buchreligion, als dass es eine heilige Schrift hat, aber das Christentum ist nicht „toter Buchstabe“, wie der hl. Paulus sagt. Christentum ist wesentlich personal. Im Christentum bekennt man sich nicht zu einer Theorie, einem Dogma oder zu einem Buch. Man bekennt sich zu eine Person: Jesus Christus. Wir glauben, dass er das Wort Gottes, die lebendige Torah ist. Wir bekennen uns zum Wort Gottes, „nicht eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes“8 Christensein heißt eine Beziehung zu einer Person haben. In dieser Hinsicht ist das Christentum keine Buchreligion, sondern eine Art „Personalreligion“.

Weder die Bibel noch die ersten Christen lehren den Grundsatz von Sola Scriptura. Er widerspricht der Glaubensreflexion und den Grundsätzen der frühen Christen. Allein die Schrift ist eine Konstruktion des späten Mittelalters, als Reaktion auf Missstände in der katholischen Kirche. Im Grunde geht er sogar auf frühere häretische Gruppen der Antike zurück, die die kirchliche Überlieferung und Autorität nicht anerkennen wollten und daher sie relativierten. So oder so ist Sola Scriptura ein Irrtum.

Siehe auch meinen Artikel zum Verhältnis der Quellen: „Schrift, Tradition und Lehramt – Antwort auf häufige Fragen“

1 In diesem Kontext bedeutet „Heiliger“ die Christen im Allgemeinen und nicht Einzelpersonen wie heute
2 Michael Fiedrowicz – Theologie der Kirchenväter, S. 69
3 Michael Fiedrowicz – ebd., S. 50
4 Michael Fiedrowicz – ebd., S. 176
5 Michael Fiedrowicz – ebd., 174
6 Michael Fiedrowicz – ebd, S. 175
7 Benedikt XVI. – Jesus von Nazareth, Band I, S. 19f.
8 Bernhard – , hom. Miss. 4,11 (vgl. KKK, Nr. 108)
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Religion abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Gegen Sola Scriptura

  1. Gerhard Schirra schreibt:

    „Schließlich haben auch die Gnostiker im 4. Jahrhundert Schriften erfunden und die Namen der Apostel (z.B. Thomas) darauf geschrieben.“ Tut mir aufrichtig leid, aber der obige Satz zeugt von nicht viel Wissen. Wann und von wem wurde das Thomas-Evangelium geschrieben und warum war gerade dieses Evangelium mehr als tausend Jahre das einzige Evangelium der indischen Christen? Es gibt Wissenschaftler die die Thomasschrift auf die Zeit um 120 n. Chr. taxieren.

    • christscha schreibt:

      Danke für Ihren Kommentar.
      Zu Ihrer These bezüglich des Thomasevangelium: Obschon der Apostel Thomas in Indien wirkte, und die dortigen Christen deshalb auch als „Thomaschristen“ bezeichnet werden, ist die Aussage, dass das Thomasevangelium bei ihnen kanonisch oder gar das einzige gewesen sei, sachlich falsch. So berichtet Eusebius († ca. 340) in seiner Kirchengeschichte davon, dass die indischen Christen das Matthäusevangelium benutzen (V, 10). Ich würde mcih für die Quelle Ihrer These interessieren.
      Was das Alter angeht, so würden mich die Exegeten interessieren, die das Alter auf 120 taxieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s