Moral als metaphysisches Prinzip – Ein Plädoyer für das Naturrecht gegen den Relativismus

Tief in unserer Seele haben wir den
leidenschaftlichen Glauben an Fairness und Freiheit.“
Margaret Thatcher

Was heißt eigentlich »gut«?
In ethischen Debatten hören wir oft: „A ist gut.“ Was aber heißt hier das Wort „gut“? Ist das eigentlich eine philosophische Frage? Der Steuerberater sagt schließlich auch: „Es ist gut, wenn sie A tun.“ Der Arzt sagt: „Es ist gut, wenn sie auf A verzichten.“ Und sogar der Diktatur sagt: „Es ist gut, dass der Aufstand niedergeschlagen wurde.“ Was meint dann dieses „gut“? In diesem drei Fällen müsste es eigentlich heißen „gut für“, d.h. „ein Vorteil für.“ Wobei man genauer noch sagen müsste: „Wenn sie A tun, bringt das einen Vorteil für sie, sofern sie darauf aus sind einen Vorteil zu haben.“ Auf die drei Beispiele angewandt: „Es ist gut für sie, A zu tun, wenn sie Steuern sparen möchten.“ „Es ist gut für sie auf A zu verzichten, sofern sie auf ein gesundes langes Leben wert legen.“ „Es ist gut für mich, wenn der Aufstand niedergeschlagen, wird, denn ich will meine Macht erhalten.“ Ob Gesundheit und Ersparnis für mich immer gut sind, können sowohl Arzt als auch Steuerberater mir nicht beantworten. In allen drei Fällen heißt gut: gut für jemanden in einem bestimmten Bereich.
Dabei müssen zwei Dinge beachtet werden: 1. bestimmte Dinge können sowohl gut als auch schlecht sein in bestimmter Hinsicht. Viel Arbeit heißt viel Einkommen (also gut), aber auch weniger Zeit für die Familie (also schlecht). 2. Dinge können für das Individuum gut, für andere schlecht sein. Dass der Diktatur den Anschlag überlebt ist gut für ihn, aber nicht gut für das unterdrückte Volk. Es kann auch umgekehrt sein: Dinge können schlecht für das Individuum, aber gut für die anderen sein, z.B. wenn der große Redner trotz Krankheit seine Rede hält, obwohl es für ihn selbst eine große Belastung darstellt.
Wenn wir aber im moralischen Sinne von Gut sprechen, meinen wir nicht gut für jemandem in einer bestimmten Hinsicht, sondern sprechen von Gut in einem „absoluten“ Sinn. Denn die Ethik fragt: was ist denn allgemein, absolut gut? Das ist die Frage der philosophischen Ethik. Die Ethik sagt: wie soll ich denn leben, mich entscheiden? Soll ich die Gesundheit gut ansehen? Soll ich die Steuerersparnis nehmen? Soll ich das Geld versaufen oder spenden? Denn wir haben widersprechende Wünsche und Bedürfnisse. Die Ethik will uns sagen in welche Rangordnung wir diese bringen.
In diesem Kontext muss deutlich darauf hingewiesen werden, dann man „gut“ bzw. ethisch oder moralisch nicht einfach nur andere Begriffe wie nützlich oder gesund ersetzen kann. Wenn Gesundheit identisch wäre mit gut, könnte man gar nicht sagen die Gesundheit sei gut, sondern bloß die Gesundheit sei gesund. Das gleiche gilt für das Wort Nutzen.

Sind Gut und Böse relativ?
In der ethischen Diskussion gibt es im wesentlichen drei Gruppen: 1. Universalisten (es gibt eine universale Moral), 2. Relativisten (es gibt eine Moral, aber sie ist relativ) und 3. Amoralisten (es gibt keine Moral). Die Amoralisten sind freilich von unmoralischen Personen zu unterscheiden.
Die Relativisten sagen uns auf die Frage nach einem absoluten Gut könne es keine wirkliche Antwort geben, da der Standpunkt subjektiv sei, letztlich also es gut nur in dem oben genannten Sinne gibt: gut für jemanden in einer bestimmten Hinsicht.
Der Relativismus artikuliert sich in zwei Arten : 1. Der Theorie von den kulturrelativen Werten, 2. Der Theorie von den individualistischen Werten. Die erste Theorie sagt Werte seien als solche überhaupt kulturrelativ, das zeige allein die Geschichte: die Azteken hielten Menschenopfer für ethisch, die frühen USA praktizierend die Sklaverei, England schuf Kolonien und die Nazis schickten sich an andere Rassen zu zerstören. Daher könne man von westlichen, islamischen, chinesischen usw. Werten sprechen, aber nicht von allgemeinem Werten.
Dem lässt sich natürlich etwas entgegen halten: Obwohl es zwar Unterschiede in den Moralsystemen gibt, gibt es jedoch fundamentale Überzeugungen die allen gemeint ist. Kein Moralsystem akzeptiert Mord, Raub, Vergewaltigung usw. Auch die „alternativen“ und „neuen“ Ethiksysteme bestehen nur aus „lauter Fragmenten“ des alten besteht und man es für einen „Aufstand der Äste gegen den Baum“1 halten könne. Wären es bloße Konventionen gäbe es gigantische Unterschiede. Wären es nur Vereinbarungen wie „Verkehrsregeln oder Kleidermoden“ wären sie viel unterschiedlicher.2
Der Umstand, dass wir bei Rechten keine rassistischen Unterschiede machen oder keine Hexen mehr töten, ist übrigens keine Änderung im Moralsystem, sondern in der Überzeugung Hexen gäbe es nicht. Ebenso wenig ist es moralischer Fortschritt wenn man aufhört Mausefallen aufzustellen, nur weil man glaubt keine Maus sei mehr im Haus.3
Außerdem müsste man, wenn der Kulturrelativ im Recht, wäre nicht mehr von „gut“ sprechen, denn die Werte stehen ja in Konflikt, z.B. in Bezug auf Polygamie. Wenn man trotzdem davon spricht beides sei gleich gut, muss man aufhören den Begriff gut zu benutzen. Gut müsste dann nur auf Bereiche von Vor- und Nachteile (z.B. Steuern) beschränkt werden, weil er in der ethischen Diskussion überflüssig und falsch wäre.
Ein ethisches Problem bei dem Standpunkt Ethik sei kulturrelativ, folglich solle man der Ethik seiner Kultur folgen, zeigt sich bei Mission. Was wenn die eigene Kultur die Expansion zum Ziel hat? Kolonialistisch gesprochen: Das Zivilisieren der Barbaren? In diesem Modell würde man entweder aufhören seiner Kultur zu folgen, oder man alle anderen müssen damit aufhören. Man käme in einen Konflikt zweier Kulturen, der nur durch Gewalt zu lösen wäre, womit man das Recht des Stärkeren durchgesetzt hätte, wobei das „Recht des Stärkeren“ auch kein Recht ist, weil Stärke nicht ewig ist. Es wäre wieder nicht das absolut gute, sondern bloß das gut für wen. Zudem gäbe es kein sollen, sondern man wäre gezwungen und könnte sich gar nicht fragen: wie soll ich leben?
Ein weiteres Problem zeigt sich auch bei Pionieren: William Wilberforce setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Er war Jahrelang in der Minderheit, musste sich also gegen den Strom der damaligen Kultur behaupten. Die heutige englische Kultur hält Wilberforce für gut und moralisch. Wenn wir aber immer unser Kultur gefolgt wären, hätten wir uns gegen ihn stellen müssen. Es kann daher also auch gut sein seiner Kultur nicht zu folgen, etwas was die Kultur später auch zugibt. Da die Änderung der Kultur ohne Pioniere nicht möglich gewesen wäre, würde der Satz „Folge der Ethik Deiner Kultur“ nicht gelten, das die Kultur den Pionier gerade ehrt und sein Schwimmen gegen den Strom zu einem hohen Wert erklärt.
Der andere, populärere, Standpunkt ist der Ethik sei relativ in dem Sinne, dass jeder „seine“ Ethik habe. Ein individualistischer Relativismus, der dem Gesetz folgt: Tue was du willst, was du für moralisch hältst. Dieser Standpunkt ist nicht nur widersprüchlich, sondern die Vertreter dieses Satzes halten sich, Gott sei Dank, nicht konsequent an ihn.
Der Satz: „Tu was Du für moralisch hältst“ ist nichts anderes als ein Vorbeischlingeln am Problem der Ethik und vergisst gerade die zentrale Frage der Moral: Was soll ich tun? Antwort: Tu was du willst. Das setzt aber voraus, dass ich weiß was ich will, dass ich zwischen den verschiedenen Wünschen, Bedenken und Bedürfnissen bereits eine Rangordnung gefunden habe. Wenn eine Schwangere jemanden fragt ob sie abtreiben solle, und die Antwort ist, sie solle tun was sie für gut halte, sagt die Person: Setze Deine Meinung (die du dir schon gebildet hast) in die Tat um. Die Schwangere hat damit keinen ethischen Rat, sondern nur eine Ermutigung zur Durchsetzung ihrer (vielleicht noch nicht vorhandenen) Meinung erhalten.
Oben wurde gesagt die Anhänger dieser Philosophie hielten sich nicht an die Konsequenzen des Satzes. Denn schließlich machen sie immer die Einschränkung: „Tu was du willst, aber verletze keinen anderen.“ Sie behaupten Moral sei subjektiv, nur um dann ein objektives moralisches Gesetz, nämlich die Toleranz, zu proklamieren. Der konsequente moralische Relativismus hieße, dass ein Individuum sagen kann: „gemäß meiner Ethik kommt Herrn Müller kein Lebensrecht zu. Es ist moralisch ihn zu töten und zu quälen.“ Wenn man sagt das Individuum selbst setze und bestimmte die Moral, muss man solche Folgen anerkennen. Der Verweis auch Herr Müller habe ein Recht auf Leben, ist wieder das Argument des absolut Guten, womit man seinem eigenen Prinzip untreu würde.
In enger Beziehung zu diesem moralischen System steht eine libertinistische Moralordnung, die zum Kriterium des guten die Freiheit macht. Was freiwillig geschehe sei moralisch. Abgesehen von den beiden bereits genannten Irrtümern (Gut durch x ersetzen, Tu was du willst), muss man doch sehen, dass diese Theorie nicht stimmt. Nehmen wir zwei Beispiele: der „Kannibale von Rothenburg“ suchte sich im Internet eine Person, die sich freiwillig töten und essen lassen würde. Es verließ also alles freiwillig und ohne Zwang. Folgern wir darauf der Akt sei moralisch? Auch Inzest, und Sex zwischen z.B. einer 15-Jährigen und einem 20-Jährigen können freiwillig sein. . Ist es deswegen moralisch? Zudem gibt es Handlungen, die Zwang beinhalten, aber trotzdem moralisch sind. Sowohl Kinder als auch Tiere wehren sich gegen einen Arztbesuch und gegen Spritzen. Das Wesen dem Tod einfach zu überlassen können wir ja auch nicht als gut und ethisch betrachten, also müssen wir den Zwang praktizieren.
Ein Argument zu Gunsten des Relativismus, dass beide Gruppen anführen ist, dass die Moral umstritten sei. Es ist bereits ein Argument dagegen gefunden werden. Es gibt jedoch noch andere Antworten auf die relativistische These. Zum einen natürlich zum einen, dass der Umstand dass umstritten ist, was objektiv moralisch ist, nicht heißt, dass es so etwas die objektive Moralität nicht gäbe. Wir streiten auch darüber was vernünftig oder logisch ist, trotzdem gibt keiner von uns Logik und Wahrheit auf.4 Dass wir darüber streiten, beweist doch auch nur, dass wir den anderen überzeugen wollen, A sei objektiv gut. Gäbe es kein objektiv Gutes wäre ein Gespräch was objektiv Gut sei Palaver. Ebenso sinnvoll wäre eine Diskussion darüber ob Tomaten lecker sind oder nicht. Der Diskurs im allgemeinen lebt von objektiven und absoluten Ansichten der Diskussionspartner.
Zudem müssen wir uns im Klaren sein, dass der Universalismus die Unterschiedlichkeit der Ethiken anerkennt und zu seiner Grundlage macht. Die philosophische Debatte darüber was objektiv moralisch sei, entstand in Griechenland erst dann, als die Sitten der anderen Länder bekannt wurden. Die Frage nach dem objektiv Guten, schließt gerade die Andersartigkeit der Moralsysteme zwingend mit ein, denn es fragt: inmitten der vielen Meinungen, Sitten und Kulturen: was ist denn jetzt wirklich das Gute? Der Relativismus gibt darauf nur unzureichende Antworten. Vor allem da sich der Relativist eine Frage gefallen lassen muss: Glauben Sie eigentlich, dass Hitler unmoralisch war? Glauben Sie ihr Moralsystem sei genauso gut oder schlecht wie das faschistische? Glauben Sie zwischen dem Holocaust und und der Tat der Geschwister Scholl liegt bloß ein subjektiver Unterschied? Das kann niemand denken, ohne nicht die Moral als ganze zu verwerfen und das Wort gut vor die Hunde zu werfen.

Irrtum der Unfreiheit:
Moral braucht Freiheit. Das ist eine wichtige Erkenntnis, vor allem für jene die auf Grund von moralischen Argumenten die Freiheit stark beschneiden wollen. Dass Moral Freiheit braucht leuchtet ein, wenn man sich fragt was Moral genau heißt. Denn Ethik ist ja ein „sollen“, im Gegensatz zum wollen und zum was ich wirklich tue. Wäre der Mensch unfrei, könnte er sich gar nicht fragen was er tun sollte, denn dafür bräuchte er die Möglichkeit zwischen A und B zu entscheiden. Es gäbe daher kein sollen, sondern nur das was man eben tut, denn schließlich ist man unfrei.
Die Philosophie gemäß derer der Mensch unfrei sei, ist alt. In unserer heutigen Zeit (angefangen mit dem 19. Jahrhundert) ist geprägt durch eine Form dieser Philosophie: den Determinismus oder Naturalismus, der proklamiert, die Naturgesetze seien absolut und Welt funktionelle restlos kausal, sodass Freiheit nicht möglich sei, da die Naturgesetze festlegten dass Handlung A Folge B hätte, sodass das Individuum zu B „gezwungen“ wird und sich nicht für C entscheiden kann. Daher könnte man theoretisch eine Weltformel konstruieren, mit der man alle Vorgänge und Handlungen, auf Grund der vorherigen, voraussehen könne. Diesem Theorem habe ich mich an anderer Stelle gewidmet, es sei also nicht hierauf eigens eingegangen. (siehe: „Freiheit als metaphysisches Prinzip“)
In unserem jungen Jahrhundert hat eine Spielart dieses Naturalismus viele Anhänger gefunden, nämlich die Hirnforschung. Gemäß dieser wissenschaftlichen Disziplin hätte das Bewusstsein keinen Einfluss auf Entscheidungen, sondern das Gehirn entscheide vor der Handlung, sodass wir unfrei wären. Auch dieses Theorem ist falsch. Aus der Hirnforschung lässt sich eine solche philosophische Theorie nicht ableiten. Sogar der große Hirnforscher Benjamin Libet, der mit solchen Experimenten berühmt wurde, ist der Auffassung, dass die Forschung eine solche Position nicht untermauern kann. Im Gegenteil verfüge der Wille über ein Veto-Recht, sodass man höchstens davon sprechen könne, dass das Hirn eine Entscheidung „vorbereite.“ In diesem Bearbeiten und neu erstellen der Kausalkette liegt gerade die Freiheit.5 In der Hirnforschung zeigt sich also schön die Freiheit, die, wie in meinen Artikel näher ausgeführt, gerade im „Schattenspiel“ von Zufall und Notwendigkeit besteht.

Irrtum der Rationalität:
Einer der größten Irrtümer der Moralphilosophie, der Politik und der Philosophie insgesamt ist die Theorie von einer „rationalen Moral“. Im folgenden soll gesagt werden, dass Moral nicht der Vernunft zugeordnet ist, sondern ebenso wie Logik und Vernunft nicht begründet wird, sondern vorgefunden wird und apriori ins uns ist, denn wir haben „ebenso wenig die Macht einen neuen Wert zu erfinden, wie eine neue Primärfarbe auszudenken.“6
Warum soll ich moralisch sein? Einige Philosophen meinen „rationale“ Gründe gefunden zu haben für moralisches Verhalten. Eins davon ist der Erhalt der Gemeinschaft. Ohne ethisches Verhalten könne die Gesellschaft nicht überleben, weswegen sich die Moral entwickelt habe um den vorzubeugen. Oder kurz: „Gut … bedeute was der Gemeinschaft nützt.“7
Dieser These kann man zahlreiche Antithesen entgegenhalten. Zum einen natürlich, dass sie wieder auf Egoismus aufbaut, wenn im Grunde sagt sie: hilf der Gemeinschaft, sonst gehst du mit ihr unter. Damit hat man nicht Moral, sondern egoistisches Verhalten begründet. Um aber auf die Grundthese zurückzukommen: selbst wenn wir diese akzeptieren, kann ich mich zum Trittbrettfahrer bekennen. Mein Diskussionspartner könnte nicht sagen ich solle moralisch sein, sondern nur, dass ich das lieber leise sagen solle. Darüber hinaus lässt sich kein moralischer Satz daraus praktisch ableiten, z.B. das Martyrium. Was wenn der Staat angegriffen wird. Warum sollte man losziehen, kämpfen und sterben? Denn schließlich wäre jeder „Appell an Stolz, Ehre, Schamgefühl oder Liebe … voraussetzungsgemäß ausgeschlossen.“8 Wenn unser Gegenüber antwortet, dann stürbe die ganze Gemeinschaft mit mir, so können wir darauf zweifach antworten: 1. Ob ich mich opfere oder mit der Gemeinschaft sterbe ist für mich egal. Das Resultat ist immer das gleiche: Tod., 2. Man kann nicht aus „Sätzen über bloße Tatsachen … [keine] praktische Folgerung ziehen.“9 Aus dem Sein folgt kein Sollen sagt David Hume. Aus der Tatsache, dass die Gemeinschaft stürbe, folgt nicht ich soll für sie sterben um ihren Tod zu verhindern. Vor allem da stillschweigend als moralisch das Überleben der Gemeinschaft definiert wird. Allein hier könnte man ansetzen und dieses in Frage stellen.
In Verwandtschaft zum Argument der Gemeinschaft steht die These man solle deshalb moralisch sein, weil es der Allgemeinheit nützt. Das verkennt aber was moralisches Verhalten ist: nämlich selbstlos sein. Man hätte also gesagt: „Sei moralisch, weil du moralisch sein sollst.“ Ebenso könnte man sagen man spiele Fußball um Tore zu schießen. Aber Tore schießen ist das Spiel selbst. Man hätte nur gesagt: man spielt Fußball um Fußball zu spielen.10
Einige werden entgegnen es gäbe doch Triebe. Man solle seinem Instinkt, seinen Trieben folgen. Es gibt ja den Gemeinschaftstrieb, der in uns wach werde. Auch dieses Argument verkennt einiges. Denn erstens unterscheidet sich das „Verlangen helfen zu wollen … [vom] Gefühl, helfen zu müssen.“11 Der Trieb: ich habe Hunger drückt ein wollen aus. Der Impuls des sollens liegt auf einer ganz anderen Ebene.
Zum anderen muss der simple Umstand bedacht werden, dass der Mensch ja nicht nur einen Trieb hat, sondern viele, die in Konflikt stehen. . In uns sind viele Triebe. Ein Soldat empfindet Angst, Gemeinschaftstrieb (zu den Kameraden), Patriotismus, den Trieb zu kämpfen und mutig zu sein, vielleicht auch Hass auf den Gegner. Welchem Trieb solle nun nachgehen? Es muss doch der Wille, etwas poetischer gesprochen das Herz, sein das die Triebe in ihre Rolle verweist. Der Soldat muss sich doch sagen: Die Angst ist sehr stark, aber ich darf ihr nicht nachgeben. Ich soll kämpfen für mein Vaterland.
Dieser Akt die Triebe zu ordnen ist selbst kein Trieb. Denn „der Richter kann nicht einer der zu richtenden Parteien angehören.“12 Wir können auch nicht dem Trieb folgen, der gerade kommt oder am stärksten empfunden wird. Entweder werden wir willkürlich (der aktuelle Trieb) oder wir sind subjektiv. Es ist jedoch anders: das objektiv Gute gibt uns eine Art „Melodie an, wie wir zu spielen haben. Unsere Triebe sind lediglich die Tasten.“13
In diesem Kontext müssen wir uns auch mit dem Argument auseinander setzen das Mitleid sei das wesentliche Faktor der Moral. Wenn man hungernde Kinder in Afrika sehe, wolle man helfen, aus Mitleid. Das ist ganz richtig, vergisst nur einige Punkte: Das Mitleid kommt ja nicht von ungefähr. Ich gehe davon aus Leiden und Armut sei unethisch. Das heißt nicht das Mitleid ist die Basis, sondern die Akzeptanz dieses überpositiven Sittenkodex. Außerdem könnten man sagen das Mitleid sei auch keine Vernunftbasis für die Moral, sondern eine subjektive Emotion. Der Umstand, dass es Menschen gibt die kein Mitleid mit anderen haben und hatten (Nazis, Diktaturen usw.) beweist diesen Umstand deutlich. Dass wir diese Menschen für „krank“ halten, zeigt ja gerade nur, wie heftig wir das Objektiv Gute verteidigen.
Darüber hinaus kann es manchmal gut sein seinem Mitleid nicht zu folgen. Mit einem weinenden Kind hat wohl jeder Mitleid. Aber wenn wir erfahren, dass das Kind deshalb weint weil es eine Spritze bekommen hat oder weil es sehr spät ist und den Freund verlassen muss, wird klar, dass wir der Emotion nicht folgen dürfen. Wir müssen darauf pochen, dass die Spritze jetzt nötig ist.
Nun werden vielleicht dem objektiv Guten entgegenhalten, wir hätten es erlernt, und deswegen könne es nicht objektiv sein. Das ist natürlich falsch, aus mehren Gründen, denn wir haben auch gelernt zu rechnen. Niemand würde deswegen annehmen Addition von Dingen gäbe es nicht. Außerdem kann dieses Argument nur dann Gültigkeit haben, wenn die Erzieher bewusst unsere „Moralisierung“ planten. Wenn ein patriotischer Römer seinem Sohn beibringt wie groß Rom und wie ehrenvoll der Märtyrertod sei, dann hat er nicht im Hinterkopf eine geheime Absicht, wie Gefügigkeit. Er „gab dem Knaben das Beste, was er hatte, indem er ihm von seinem Geist gab“14; er gab seinem Sohn die tiefsten Überzeugungen seines Herzens, etwas was er selbst zu tiefst fühle. Die alte Erziehung war „Einweihung“, es ging um „Vermittlung: die Menschen gaben Menschlichkeit weiter; die neue ist nur Propaganda“15, Konditionierung.
Außerdem brauchen wir den Spieß nur umdrehen: ist der Relativismus nicht bloß angezogen? Ist das nicht nur Propaganda von Leuten, die gnadenlose Subjekte wünschen? Die Logik seines eigenes Argumentes nur umgedreht würde der Relativist heftig bestreiten.
Einige libertäre Freunde werden wahrscheinlich versuchen die Rationalität der Moral durch das Selbsteigentum zu retten, also die These der Mensch sei der Eigentümer seines Körpers. Nun existieren in der Tat gewichtige rationale Argumente für das Selbsteigentum. In dieser Hinsicht können wir den Libertären nur heftig zustimmen. Nur vergessen die Libertären, dass das Selbsteigentum nicht Moral generiert, sondern nur zeigt dass bestimmte Handlungen unmoralisch sind. Denn die ganze Idee des Selbsteigentum baut ja darauf auf, dass Stehlen unmoralisch ist. Wenn jemand Stehlen nicht für unmoralisch hält, ist es ihm egal ob der Mensch nun Eigentümer seines Körpers ist oder nicht. Er akzeptiert auch nicht externes Eigentum. Ohne das objektive moralische Urteil, dass Stehlen unethisch ist, ist das ganze Argument des Selbsteigentum und die damit verbundenen Folgerung haltlos.
Ein letztes Argument für die Ethik ist dass man das eigene Leben schützen soll. Darin sieht Ayn Rand, neben dem Glück, die zentrale ethische Forderung. Fälschlicherweise meint auch sie ihr Ethiksystem baute nicht auf Glaube auf, sondern allein auf Vernunft – welch Irrtum! Mal abgesehen davon, dass Rand unterstellt Schutz des Lebens sei moralisch, also wieder ein Axiom einführt und sich auf eine objektive Moral bezieht, die sie nicht beweisen kann, gibt es gegen diese Theorie einige Einwände. Zum einen ob es sich überhaupt lohnt zu leben. Aus der Antike ist uns der philosophische Bilanzselbstmord bekannt, der die Summe des Glücks für negativ hält. Warum soll man eigentlich das eigene Leben fördern? Es ist nur wieder ein Glaubenssatz an eine höhere Moral. Wobei hier erwähnt sei, dass Rand zwar meint das eigene Leben erhalten sei der zentrale ethische Satz, aber Selbstmord nicht für unmoralisch befindet.
Zudem gibt es bei dieser Forderung spezifische Probleme, denn ohne eine höhere Instanz, kann ich mich problemlos von Pflichten gegen mich selbst dispensieren. Der oft benutzte Satz „das bist du dir schuldig“ hat kein Gewicht. Schuld gegen sich selbst kann man sich erlassen. Spielt man mit sich selbst Monopoly, kann man Schulden getrost unbezahlt lassen oder die freudig die Bank plündern. Der Satz es sei ethisch das eigene Leben zu bewahren ist weder rational, noch macht er inhaltlich Sinn, um einen rationalen Moralkodex zu rechtfertigen.

Wesen der Moral:
Letztlich laufen alle Begründungen für eine Moral auf ein apriorisches „Ich soll“ hinaus, eine Stimme in uns die sagt wir sollen, so handeln. Ein objektives Gut in unserem Herzen, dass wir kennen, aber weder definieren noch begründen können, dass nicht der Vernunft entspringt, also nicht erdacht oder begründet wird.
Warum der Mord schlecht ist, können wir nicht begründen. Weder Gemeinschaftsschädlichkeit, Trieb, Instinkt, Mitleid oder natürliche Tötungshemmung können uns davon ableiten, es sei denn wir akzeptieren ein höheres Gutes, das was C.S. Lewis in „Die Abschaffung des Menschen“ in Anlehnung an die Chinesen Tao genannt hat. Das „Tao“ wird vorgefunden und ist ebenso axiomatisch wie Logik und Vernunft. Warum 1+1=2 logisch ist, kann man niemandem „erklären“. Es ist so offensichtlich und trivial, dass es sofort einleuchtet. Jeder weiß um Logik, kann aber nicht erklären warum etwas logisch ist. Warum 1+1=2 logisch ist, kann man nicht begründen. Es ist logisch, weil es logisch ist. Ein Ball und noch ein Ball sind zwei Bälle – es ist so, weil es so ist. Widerlegen lässt sich das nicht, denn um die Logik zu widerlegen müsste man logische Argumente vorbringen, womit man sich der Logik bedienen würde. Der Aufstand der Äste gegen den Baum.
Moral ist daher ein Glaube. Wie Logik und Vernunft. Wir glauben, dass die Logik ein wirklich ein objektives Gesetz sei, dass 1+1=2 nicht bloß für mich und in meinem Geiste ist, sondern dass es wirklich und objektiv so ist.
Es braucht aber nun dieses „muthafte Element“, dass zu seiner Vernunft und seinen Trieben tritt. Denn „in der Schlacht werden die widerstrebenden Nerven und Muskeln nach drei Stunden Bombardement nicht durch Syllogismen zum Durchhalten gebracht.“16 Den Soldaten hilft dieses tiefere soll hoch, das Tao. Für C.S. Lewis liegt darin das Menschsein. Denn der Mensch ist „dank diesem mitteleren Element erst Mensch, denn seinem Verstande nach ist er bloß Geist und seinen Trieben nach bloß Tier.“17 Daher trifft der Satz von Herder zu, dass der Mensch ein „Mittelgeschöpf“18 ist.
Erst das Tao gibt uns Würde, Freiheit und Rechte. Warum ein Primat, dessen naturwissenschaftlicher Wert nicht mal einen Euro beträgt so etwas überragendes wie Würde haben soll, kann doch nicht erklärt werden, ohne das Tao.
Daher müssen wir mit genau auf alle Gruppen achten, die das „traditionelle Wertesystem … abtakeln“19 wollen, auch wenn ihre Absichten sozial und ihre Mitglieder gut sind. Dieser Prozess, der den Menschen zerstören wird, „spielt sich unter Kommunisten und Demokratien ebenso augenfällig ab wie unter Faschisten. … Manch ein Naturgelehrter mit Zwicker, manch ein erfolgreicher Dramatiker, mach ein Amateurphilsopoh in unserer Mitte verfolgt auf die Länge genau dasselbe Ziel wie die herrschenden Nazis [1943] in Deutschland.“20 Wir fangen ein den Menschen als Präparate zu benutzen. Jede moralische Grenze wird zur bloß subjektiven Empfindung. Allein das Tao „liefert ein allgemein-menschliches Gesetz des Handelns, das sowohl Herrscher wie Beherrschte überwölbt. Ein dogmatischer Glaube an objektive Werte ist die Voraussetzung …. [für] Herrschaft … die nicht Tyrannei“21 ist. Das ist gerade als Plädoyer für Liberale, Linke und Menschenfreunde gedacht, die um nichts in der Welt die Axt an die Menschlichkeit legen wollen, aber durch ihren Relativismus, ihre „rationale Moral ohne Glaube“, ihre Ablehnung „absoluter Wahrheit“ genau das tun, die nicht verstehen das Liberalität gut ist, aber nicht „hinsichtlich der letzten Fundamente.“22 Dieses Fundament, dass erst die positive Liberalität möglich ist, die Basis der Werte, ist eben das Naturrecht, das Tao, dass wir weder basteln oder erfunden haben, dass nicht relativ oder rational, sondern apriorisch ist ist, dass ein Gesetz ist, dass uns in Herzen geschrieben ist. Ein tiefer Glaube an das objektiv Gute, das metaphysisches Gute. Ein Gutes, dass neben der Vernunft, auch eine Quelle objektiver Erkenntnis ist, die darum ein metaphysisches Prinzip genannt werden kann.

Siehe auch:
Clive Staples Lewis – Die Abschaffung des Menschen
Clive Staples Lewis – Pardon, ich bin Christ bzw. Schieres Christentum (beschäftigt sich im ersten Teil wesentlich mit dem Naturrecht)
Robert Spaemann – Sind Gut und Böse relativ? (6-teiliger Vortrag http://gloria.tv/?media=22639)

Zur Frage der Freiheit:
Dieter Hattrup – Freiheit in der Natur. Eine Anthropologie
Dieter Hattrup – Die Tragweite der Wissenschaft (Beide Werke als kostenlose PDF Dateien zu finden unter: http://www.unifr.ch/dogmatik/de/webpaper/hattrup/)
Dieter Hattrup – Darwins Zufall. Oder wie Freiheit in der Natur möglich wird (MP3 Vortrag zu finden unter: http://www.forum-grenzfragen.de/diskurs/hattrup-darwins-zufall.html)

1 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 49f.
2 C.S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S. 25
3 C.S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S. 27
4 Jörg Guido Hülsmann – Ordnung und Anarchie, S.15f.
5 Dieter Hattrup – Freiheit in der Natur, S. 52f.
6 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 50
7 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 37
8 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 38
9 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 38
10 C.S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S. 31
11 C.S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S. 22
12 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 43
13 C.S. Lewis – Pardon, ich bin Christ, S. 23
14 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 30
15 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 31
16 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 32 (Man bedenke dass der Autor auf Erfahrung spricht: er kämpfe als Soldat im Ersten Weltkrieg)
17 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 33
18 J.G. Herder – Ideen zur Geschichte der Menschen, I. Buch
19 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 75
20 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 75
21 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 75
22 C.S. Lewis – Die Abschaffung des Menschen, S. 52
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Philosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s