Gegen Mindestlöhne

Eine Moral, die die Sachkenntnis der Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral.“ Joseph Ratzinger/ Benedikt XVI.

Inhalt:
Einleitung
Höhe des Mindestlohns
Arbeitslosigkeit
Wirtschaftstheoretisch
Statistik
Gegenargumente
Ethische Aspekte
Politische Auswirkungen
Ein Mittelweg?
Soziale Marktwirtschaft
Fazit

Einleitung:
Deutschland diskutiert wieder heftig über den Mindestlohn. Sogar die CDU scheint bei dem Thema nachzugeben. Sogar die FDP ist sich bei ihrem generellen Nein nicht sicher. Alles scheint auf Mindestlohn zu stehen, dieser großartigen sozialen Errungenschaft, deren Einführung in Deutschland noch aussteht. Ist das der Mindestlohn wirklich? Ist der Wirklich ein gutes Konzept?
Mag auch die Partei von Ludwig Erhard, die CDU, und FDP, die im Untertitel sich als „Die Liberalen“ bezeichnen, wanken, so ist meine Meinung klar: Mindestlöhne sind schlecht.

Höhe des Mindestlohn:
Ein Umstand in der Diskussion um den Mindestlohn muss jedem ins Auge stehen: die Höhe. Es gibt keinen Konsens über die Höhe des Mindestlohns. Es gibt Forderungen zwischen 5€ und 15€. Die extreme Uneinigkeit zeigt schon ein Problem: der Mindestlohn ist Willkür und Anmaßung von Wissen. Wie hoch soll der Lohn sein? Einen gesetzlichen Mindestlohn für ganz Deutschland festzulegen ist eine illegitime Anmaßung von Wissen. Niemand kann wissen wie hoch ein „idealer“ Mindestlohn, vorausgesetzt es gäbe so etwas, wäre. Es obliegt dem Subjektivismus der Befürworter, nach ihrem Gutdünken den Mindestlohn festzulegen.
Vor allem aber zeigt sich eine Differenz zwischen Ziel und Vorhaben. Der Mindestlohn wird begründet mit der These man müsse von seiner Hände Arbeit leben. Stimmt das? Selbst ein Mindestlohn von 10€ Netto bedeutet nur 1.600€ Einkommen. Davon alleine eine große Familie zu ernähren ist schwer.
Bei den Überlegungen darf das Arbeitslosengeld nicht vergessen werden. Denn wenn der Mindestlohn zu „niedrig“ ist besteht kein Anreiz für Arbeitslose zu arbeiten. Selbst der hohe Lohn von 7,50€ reicht nicht, denn die „Lohnäquivalente vieler Leistungsempfänger liegen deutlich über zehn Euro pro Arbeitsstunde.“1 Da auch bedacht werden muss, dass der Arbeitslose nur dann einen Anreiz zur Arbeit hat, wenn er mehr als das Arbeitslosengeld hat, muss dieses Mehr in die Betrachtung mit eingehen. Dieses „Mehr“ beziffern Untersuchungen auf „19% bis 55% … als in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit.“2 Gemäß diesen Überlegungen müsste der Mindestlohn bei circa 15€ Netto liegen. Da der Arbeitgeber den Bruttowert zahlt, müssen wir noch circa 50% Steuern und Abgaben einrechnen. Wir kämen auf einen Brutto Mindestlohn von 30€. Dass dieser ökonomisch nicht tragbar ist, ist wohl evident.

Arbeitslosigkeit:
Das Hauptargument gegen Mindestlöhne ist der Effekt der Arbeitslosigkeit. Indem ein Mindestlohn eingeführt wird, fallen diejenigen Arbeitnehmer aus dem Markt heraus, die nicht in der Lage sind den Mindestlohn zu erwirtschaften. Beträgt der Mindestlohn 10€ und die Produktivität der Arbeitnehmers 5€ (inkl. alle Kosten), so müsste der Unternehmer 5€ Verlust in Kauf nehmen. Da niemand tun dies kann, allein schon deswegen weil es für den ganzen Betrieb und die dortigen Arbeitsplätze schädlich ist. Der Arbeitnehmer wird arbeitslos; der Mindestlohn hat für ihn Nachteile gebracht. Dieser Umstand wird jedoch von den Befürwortern bestritten. Im Folgenden sei der Versuch angestellt die Richtigkeit des oben genannten Umstands zu belegen:

Preis-Absatz - Kopie

Preis-Absatz-Funktion
(Eigene Darstellung)

Wirtschaftstheoretisch:
Bevor wir in die Empirie und Statistik absteigen, sei zunächst einmal theoretisch über den Arbeitsmarkt nachzudenken. Wirtschaftstheoretisch handelt sich bei Arbeit um eine Ware wie jede andere (philosophisch natürlich anders zu werten). Das Funktionieren des Arbeitsmarktes kann an der sogenannten „Preis-Absatz-Funktion“ veranschaulicht werden. Diese besagt kurz gesagt: je niedriger der Preis, desto mehr Absatz. Das entspricht unserer Alltagserfahrung: Sägen für 1€ werden mehr gekauft, als Sägen für 400€. Ein Ansteigen des Preises hat also ein tendenziell ein Sinken des Absatzes zur Folge. Auch das ist leicht zu erkennen: was wäre wenn die Bahn ihre Preise um 100% erhöhen würde? Die Folge wäre, dass die Menschen auf alternative Verkehrsmittel ausweichen. Die Menge an Kunden, der Absatz, sinkt. Würde die Bahn ihre Preise um 99% senken, würde der Absatz steigen. Dieser simple Umstand macht es auch möglich mehr zu produzieren, bei niedrigeren Stückkosten – das „Gesetz der Massenproduktion.“ Wenn ich 100 Äpfel für 100€ verkaufe, und dann 1000 Äpfel produziere und die Preise auf 10€ senke, habe ich in beiden Fällen die gleiche Menge Gewinn, obwohl beim zweiten Handel der Stückpreis niedriger ist.
Preissteigerungen haben also tendenziell eine Reduzierung des Absatzes zur Folge. Das gleiche gilt für die „Ware Arbeit.“ Je teurer Arbeit, desto weniger Arbeitsplätze können angeboten werden. Wenn alle Menschen einen Stundenlohn von 1.000€ erwarten, wird es solange Massenarbeitslosigkeit geben, wie die Lohnforderung aufrecht gehalten wird. Erst der fallende Lohn wird Arbeitsplätze schaffen für die Menschen.
Um die Nachteile eines Mindestlohns zu verstehen müssen wir verstehen warum Interventionen ins Preissystem als solche oft mehr Nachteile als Vorteile bringen. Hierfür müssen wir verstehen was das Preissystem ist. Preise sind bloß irgendein Wert, den man für Güter zahlen muss. Preise geben die Knappheit wieder (damit ist nicht die physische gemeint). Dadurch erhalten Unternehmen Informationen, die essentiell sind für die Führung eines Unternehmens. Hohe Preise sind z.B. ein Anreiz die Produktion auszuweiten, um Gewinne zu machen.
Wenn der Staat hingeht und in diese Preise in welcher Form auch immer (z.B. Mindestpreise oder Maximalpreise) kommt es zu „falschen“ Informationen. Die Preise geben nicht mehr die wirkliche Knappheit wieder. Die Informationen sind verzerrt; Angebot und Nachfrage kommen nicht zueinander. Interventionismus in die Preise ist also schädlich, auch und gerade bei dem Preis für Arbeit: dem Lohn.
Bevor wir in die Statistik begeben muss man sich klar machen, wer arbeitslos wird. Die Aussage „ein Mindestlohn schafft Arbeitslosigkeit“ muss spezifiziert werden. Ein Mindestlohn von 2 Cent vernichtet keinen Arbeitsplatz. Und selbst ein Mindestlohn von 10€ bedroht nicht einen hochqualifizierten Facharbeiter.. Ein Mindestlohn zerstört dann Arbeitsplätze von Geringqualifizierten, wenn er über dem liegt, was sie am Markt zu erwirtschaften in der Lage sind.

Statistik:
Das erste Argument, mit dem wir zu Felde ziehen ist der bereits existierende Mindestlohn in Deutschland. Aber, so wird unser Gegner einwerfen, wir haben gar keinen Mindestlohn. Das ist richtig. Wir haben keinen expliziten Mindestlohn, aber einen impliziten, verursacht durch den Sozialstaat. Der Sozialstaat zieht einen Mindestlohn ein, unter dem niemand zu arbeiten bereit ist. Beträgt die Sozialhilfe 100€, so wird niemand für 90€ arbeiten. Er wird auch nicht für 100€ arbeiten, sondern für 100€ + x. Dadurch gibt es einen impliziten Mindestlohn, einen Anspruch gegen die Privatwirtschaft. Dieser sozialstaatliche Mindestlohn hat Deutschland fünf Millionen Arbeitslose gebracht; ein Umstand der später zur Agenda 2010 führte.
Außerdem können wir die Wirkung von Mindestlöhnen bereits an den in Deutschland vorherrschenden Branchen Mindestlöhnen sehen. Die erste Branche die einen Mindestlohn bekam, 10,30- 12,40€ West, 8,90€ – 9,80€ Ost, war das Baugewerbe. Die Lage ist klar: „zwischen 1996 und 2004“ ist die Beschäftigung „um 28 Prozent zurückgegangen.3 Es muss hier betont werden, dass der Grund dafür nicht in Einwanderung von Menschen mit niedrigeren Lohnansprüchen sind, denn der Mindestlohn gilt ja auch für sie. Die Studie von König und Möller (2007) bestätigt die negative Wirkung des im Entsendegesetzes festgelegten Mindestlohnes.
Auch Ostdeutschland zeigt uns klar dass zu hohe Löhne Arbeitslosigkeit produzieren. Die westdeutschen Gewerkschaften drücken hohe Tariflöhne vor, um angeblich den Ostdeutschen zu helfen (in Wahrheit um sich vor Wettbewerb zu schützen). Das Resultat war und ist eine gigantische Massenarbeitslosigkeit, weil aus falschen ökonomischen Theorien meinte die Löhne müsse man über die Produktivität erhöhen.
Die Studie von Ragnitz und Thum aus dem Jahr 2007 schätzt, dass ein Mindestlohn von 7,50€ circa 1 Millionen Arbeitsplätze vernichten wird, weil die Löhne nicht eine so große Elastizität ausweisen. Untersuchungen gehen von einer Elastizität von 0,75% aus.4 Eine Studie von Zimmermann und Bauer (1997) schätzt die Elastizität im Niedriglohnsektor auf 0,6%. Die Lohnelastizität gibt an, um wie viel Prozent die Beschäftigung sinkt, wenn der Lohn um 1% erhöht wird. Legt man das auf den Niedriglohnsektor um, kommt man auf einen Arbeitsplatzverlust von 27% im Niedriglohn. Auf aller Arbeitsplätze bezögen verlören in Westdeutschland 2,6% und in Ostdeutschland 4,7% ihren Arbeitsplatz.5 Ähnlich bewertet das Münchener Ifo Institut die Situation. Es schätzt, dass ein Mindestlohn von 7,50€ circa 1,1 Millionen Arbeitsplätze vernichten wird.6
Was sagt uns denn das Ausland? Gegner wie Befürworter zitieren gerne das Ausland heran um ihre These zu bestätigen. Die Befürworter verweisen auf das kapitalistische Amerika, ja selbst Amerika, habe Mindestlöhne. Das verkennt jedoch Höhe und Umfang des Mindestlohns. Rechnet man alles auf gleiche Verhältnisse um, Sozialprodukt Nebenkosten usw beträgt der Amerikanische Mindestlohn bei circa 2,94€ und betrifft nur 1,1 der amerikanischen Arbeitnehmer.7 Aber auch schon dieser Mindestlohn hat zu Arbeitslosigkeit bestimmter Gruppen geführt, vor allem der schlecht qualifizierten Schwarzen: 8

Unemployment, Black Males, Ages 16-17

Year: Minimum Wage: Procent
1954 1,00$/ h 13,00%
1964 1,15$/ h 25%
1974 2,00$/ h 39%
1984 3,35$/ h 50%est

Bevor es Mindestlöhne in den USA gab, bzw. sie so niedrig waren, dass sie keine Relevanz besaßen, existierte im Grunde keine Jugendarbeitslosigkeit, auch nicht unter schwarzen Jugendlichen. Der Mindestlohn diskriminierte schwarze Jugendliche.9 Sie fanden keine Arbeitsplätze mehr.

Ähnlich das Bild in Frankreich. Der Mindestlohn beträgt dort 8,44€ (umgerechnet 8,27€), der für 15% der Arbeitnehmer gilt.10 Das Resultat ist klar: Arbeitslosigkeit. Gemäß dem französischen Statistikamt beträgt die Arbeitsplatz 10,2%.11 Franzosen zwischen 15 und 24 sind sogar zu 25,7% arbeitslos.12 Insgesamt ist Frankreich um 20% zu teuer.13 Deutschland wertete durch seine Agenda 2010 um 21% ab, wobei dieser Wert relativiert werden muss, weil die anderen teurer wurden.14 Wenn Frankreich weiter den keynesianischen Weg geht, wird die Arbeitslosigkeit immer weiter steigen.

Aber was ist mit dem Vereinigten Königreich? Dort herrscht doch auch ein Mindestlohn, der nicht schädlich ist. Hier muss man das Bild auch wieder relativieren und das Bild klar zeichnen. Denn vom Mindestlohn, der 38% des Durchschnittsverdienst ausmacht (in Deutschland wären das 53% bei 7,50€)15, sind nur 1,9% der Beschäftigten betroffen. Wenn man auch wieder alle Faktoren die uns von den Briten unterscheidet landen wir bei einem Mindestlohn von 6,16€.16 Dort wie in den USA kommt zudem die hohe Flexibilität im Arbeitsmarkt dazu, was man allein daran sieht, dass 4,5% der britischen Beschäftigten Leiharbeiter sind, während in Deutschland unter 1,5% dieser Gruppe angehören.17 Aber auch das Vereinigte Königreich kann kein Beispiel für einen guten Mindestlohn sein, denn „dort, wo sie bindend sind, wo die Marktlöhne also unter den Mindestlöhnen liegen, sind etwa für England durchaus negative Beschäftigungswirkungen nachgewiesen worden (vgl. Machin, Manning und Rahman 2003).“18

Ein wissenschaftlicher Artikel von David Neumark und William Wascher, der einen Überblick über 150 statistische Studien zum Mindestlohn (in den USA und außerhalb) kommt zu dem Schluss, dass die meisten Studien (und fast alle, die, die Autoren für wissenschaftlichen Standards angemessen hielten) zu negativen Effekten aus die Beschäftigung.19 

Gegenargumente:

Die Befürworter führen einige Argumente ins Feld, warum höhere Löhne nicht zu weniger Beschäftigung führen.

Das erste Argument ist das klassisch keynesianische, dass die Nachfrage zu nähme was positiv für die Wirtschaft sei. Diesen Effekt hat der Mindestlohn nicht, im Gegenteil. Denn zuerst einmal steigen auch die Kosten, die Preise. Denn der Arbeitgeber erhöht die Löhne und legt diese Erhöhung auf die Preise um, die dadurch steigen. Die Arbeitnehmer wären höchstens in der Lage kurzfristig mehr zu kaufen, aber die Preiserhörung würde schnell ihre Lohnerhöhung auffressen; Lohn und Preis stehen in einem engen Verhältnis. Und selbst wenn wir das Verpuffen der Lohnerhöhungen vergessen, wie groß ist der Umfang der zusätzlichen Nachfrage? Sie belaufen sich auf circa 1,8 Mrd. ei einem Mindestlohn von 7,50€ jährlich. Aber in Relation gesetzt zur Lohn- und Gehaltssumme 0,1% der insgesamt verdienten Arbeitnehmerentgelte.20

Zudem muss man sich klar machen welche Nachfrage angeblich steigt. Es ist der Konsum, nicht die wichtigere Investitionsgüternachfrage. Höhere Löhne reduzieren sogar die Nachfrage; denn je höher die Löhne, desto niedriger ist die Investitionsgüternachfrage, die der Motor des einer guten Beschäftigung ist. Per se führen Mindestlöhne zu einer Umverteilung der Kaufkraft und nicht zu einer Erhöhung. Das Gegenteil ist sogar hier der Fall, da Arbeitsplätze zerstört werden, deren Kaufkraft wegfällt.21 Der Mindestlohn schafft keine Nachfrage und selbst wenn ist diese irrelevant und kann nicht die negativen Beschäftigungswirkungen kompensieren. Die Mindestlohn Befürworter denken auch wieder mit der vierten Dimension; „auf magische Weise“ werde es so kommen, „dass [der] Arbeitgeber mehr für die gleiche Arbeit bezahlt.“22 Roland Baader stellte zu Rest fest, dass „seit Keynes“ die Volkswirtschaftslehre eine „Lehre vom Übermaß“23 sei, die vergesse dass Knappheit die Welt dominiert. Ragnitz und Tum resümieren daher: „Als ein Instrument zur Steigerung der Binnennachfrage sind Mindestlöhne folglich ungeeignet.“24

Ein anderes Argument ist, dass höhere Löhne höhere Produktivität erzeugen würden. Das genaue Gegenteil ist der Fall! Höhere Produktivität, die aus mehr Kapitalinvestition kommt, erhöht die Löhne und nicht umgekehrt. Denn je größer der Kapitalstock desto effektiver die ganze Wirtschaft. Deshalb sind deutsche Löhne per se höher als afrikanische. Wir verfügten über einen großen Kapitalstock, dem entsprecht können die Löhne eine gewisse Höhe haben. Daher muss zuerst der Kapitalstock wachsen, dann erst können die Löhne. Solche Lohnerhöhungen die im Rahmen des Produktivitätsfortschritts liegen sind nicht gefährlich für die Volkswirtschaft. Ein Beispiel: ein Unternehmer schafft sich eine bessere Maschine an, die besser und schneller produziert. Der in der Maschine manifestierte Produktivitätsfortschritt ermöglicht für die Arbeiter Lohnerhöhung. Ursache der Lohnerhöhung ist aber die Verbesserung bzw. Vergrößerung des Kapitalstocks. Denn Investitionen ziehen die Wirtschaft nach oben. Erst durch sie entstehen Arbeitsplätze und Löhne und erst durch Investieren kommt es zu Lohnerhöhungen. Besonders linke Befürworter eines Mindestlohnes argumentieren, dass man die Löhne auf Kosten der Gewinne erhöhen könne, sodass kein negativer Effekt einträte. Auch dieser Einwurf ist falsch, denn er lässt die Produktivität einfach außer Augen und widmet sich lieber klassenkämpferischen Parolen und der Propagierung des falschen marxistischen Mehrwerts. Wenn die niedrigen Löhne nicht Ausdruck niedrigerer Produktivität, sondern maßloses Gewinnstrebens durch die Unternehmer wäre, dann gäbe es keine Arbeitslosigkeit. Denn gemäß diesem Argument überträfe die Produktivität des Arbeitnehmers weit den Lohn. Wäre das so, würden alle Unternehmer so viele Arbeitnehmer einstellen wie möglich, um Gewinne zu machen.25 Es käme zu einem Mangel an Arbeitskräften, der die Löhne nach oben ziehen würde und sie so der Produktivität anpassen würde. Zudem müssen wir uns darüber klar werden, dass die Gewinne gar nicht ausreichen. Zwar sieht man im Fernsehen gigantische Manager-Gehälter, aber diese reichen nicht aus, um flächendeckend höhere Löhne zu finanzieren, mal abgesehen von den volkswirtschaftlichen Negativeffekten wenn die Gewinne größtenteils oder vollkommen entfallen würden. Schon 1979 zeigte Milton Friedman, dass die Gewinne nach Steuerabzuges gerade einmal sechs Prozent des Volkseinkommens ausmachen.26 Und in unseren Tagen beträgt die Umsatzrendite fast 3%.27 Außerdem müssen wir die negativen Wirkungen einer solchen Politik bedenken. Denn ohne Gewinne kann der Kapitalstock nicht wachsen, Ersparnis für Investitionen kann nicht gebildet werden. Das Resultate sind fallende Löhne und weniger Wohlstand für alle. Vor allem aber: wie reagieren die Unternehmen auf eine solche Politik? 1. Auslagerung: schon heute haben viele Unternehmen große Teile ihrer Produktion ins Ausland verlegt. 2. Maschinisierung: Je treuer die Arbeitskraft, desto höher ist der Anreiz in Maschinen zu gehen. In allen Fällen wäre das Resultat weniger Jobs, weniger Lohn und weniger Wohlstand, statt mehr.

Die Ethische Frage:
In der Mindestlohn Debatte geht es nicht bloß um Wirtschaft und Arbeit. Es ist eine ethische Frage. Wir dürfen sie nicht außer acht lassen. Weder ethikblinder Ökonomismus noch unökonomischer Romantismus können Wege in der Diskussion sein:
In jeder Gesellschaft gibt es Menschen die minder- oder unproduktiv sind, die ihren Lebensunterhalt nicht allein bestreiten können: Alte, Kinder, Behinderte und Geringqualifizierte. Wir wollen uns hier mit Geringqualifizierten beschäftigten; wie geht man mit ihnen um? 1. Alleine lassen: niedrige Löhne, 2. In der Arbeitslosigkeit subventionieren (vor der Agenda 2010 und das Resultat von Mindestlöhnen) 3. Kombilohn.
Der Kombilohn ist für mich der ethische Weg in dieser verzwickten Lage. Denn einerseits reichen die Löhne, wenn es keinen Sozialstaat gäbe, nicht aus. Mindestlöhne und hohe Arbeitslosengelder zerstören Arbeitsplätze und subventionieren die Menschen in der Arbeitslosigkeit. Letztlich ist die Botschaft des Mindestlohns äußert unsozial: Wenn du die Grenze nicht erreichst, möchten wir dich nicht. Deine minderproduktive Arbeit wollen wir nicht. Du machst den Arbeitsmarkt kaputt. Das ist die wahre Botschaft hinter: Niedrige Löhne zerstören den Arbeitsmarkt. Der dritte Weg ist der des Kombilohns. Die Botschaft ist: deine Arbeitskraft reicht nicht aus um allein davon zu leben. Deine Arbeit ist minderproduktiv, aber wir möchten dich trotzdem. Wir wollen dich im Arbeitsmarkt und deine Leistung. Wir helfen wir.
Das ist der subsidiäre Weg der nicht die Menschen in zwei Gruppen teilt, der nicht die Unproduktiven zur Untätigkeit verdammt. Der folgende Vergleich macht das Gedankengut deutlich: warum subventionieren wir Behindertenwerkstätten und Arbeit für Behinderte? Der Grund ist ja, dass wir auch die Arbeitskraft der Behinderten schätzen. Ihre Produkte reichen nicht zur Finanzierung aus, aber der Sozialstaat hilft nach. Der Kombilohn ist Ausdruck eines universalen subsidiären Sozialstaates, der niemand alleine lässt, aber Wegbleiben nicht bezahlt.
Allein schon deswegen weil Arbeit mehr ist als Verdienen. Arbeit gibt dem Leben Struktur und Gehalt. Deswegen ist der Mindestlohn unsozial. Was tun die arbeitslosen Afroamerikaner in den USA und die Migranten in Frankreich ohne Job? Der Mindestlohn benachteiligt die Minderproduktiven und schafft hohe Hürden für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Sie lugern herum, machen Unsinn, werden kriminell. Die gewalttätigen Proteste der Migranten in Paris war im Grunde Protest der vom Arbeitsmarkt abgelehnten. Hätten diese Jugendlichen 8h Arbeit, hätten sie physisch gar nicht die Kraft zum Rebellieren. Sie hätten Würde durch Arbeit, der Gefühl gebracht zu werden, Aufstiegschancen. Der linke Materialismus hindert wohl das zu erkennen.
Die afroamerikanischen Ökonomen Walter Williams und Thomas Sowell sind die besten Beispiele: sie kamen einen Lohn mit niedriger Arbeit, konnten sich aber noch arbeiten. Sie hatten Arbeit und Struktur. Der Niedriglohnsektor bietet Aufstiegschancen, ein on-the-job-training, dass ihnen die Möglichkeit gibt einen besseren Job zu finden.
Was haben die denn Einwanderer in den USA getan? Sie kamen mit nichts an und arbeiteten zu niedrigen und niedrigsten Löhnen. Die Einwanderer hatten die Chance auf Aufstieg, die Chance auf ein besseres Leben für sich und ihre Kinder. Der Mindestlohn nimmt diese Chancen; die Hürden sind zu groß.
Das Beispiel von Afroamerikanern und französischen Migranten zeigt auch dass der Mindestlohn die Integration behindert. Denn schließlich können beide Gruppen die Landessprache. Nur ist die (staatliche) Bildung so schlecht, dass sie nicht so produktiv sind Jobs zu finden, die den Mindestlohn rechtfertigen. Ein Mindestlohn behindert die Integration.
Das Thema Bildung zeigt auch den einzig richtigen Weg: es ist falsch Arbeitskräfte durch Mindestlöhne künstlich zu verteuern, sondern man muss dafür sorgen, dass hohe Löhne gerechtfertigt sind, dass die Produktivität hoch genug ist. Wir müssen durch Bildung die Menschen produktiv machen.
Aber was bis dahin? Was mit denen die man nicht mehr bilden kann? Sie können nur Erfahrung vorweisen. Erfahrung, die sie nur im Niedriglohnsektor machen können. Die Ablehnung des Niedriglohns durch die Linken ist insofern verwunderlich, weil sie immer wieder betonen wie wenig aussagekräftig Noten sind. Was soll ein Hauptschüler vorweisen, wenn nicht Noten? Es ist Erfahrung oder die Bereitschaft zu Arbeit. Dass unerfahrene Geringqualifizierte niedrigere Löhne erhalten ist von daher verständlich. Denn Geringqualifizierte haben keine hohe Bildung. Das einzige was sie vorlegen können sind Erfahrung und eine niedriger Lohnforderung. Für Geringqualifizierte ist das schlicht die einzige Chance auf einen Job. Die Frage ist daher nicht Niedriglohn oder Mindestlohn, sondern schlicht Arbeit oder Arbeitslosigkeit.
Die Zahl derer die in den Normalverdienerbereich aufsteigen ist gering28, aber durch entsprechende politische Maßnahmen lassen sich die Zahlen steigern. Auch hier ist die Frage wieder zu stellen: wollen wir 0% Aufsteiger, weil sie alle arbeitslos sind, oder x% auch wenn es nicht viel ist?
Ein Aspekt wird in der Mindestlohn Debatte oft vergessen, nämlich wer die Zahlenden sind. Die Politik diskutiert so heiß um die Mindestlohn, dass man glauben könnte es sei eine Sozialleistung, ein weiteres Programm der Sozialpolitik. Aber in Wahrheit werden Unternehmen, letztlich aber die Verbraucher, gezwungen für sozialpopulistische Versprechen der Politiker zu bezahlen. Letztlich müssen die durch den Mindestlohn Arbeitslosen auch noch höhere Preise zahlen, nur damit Politiker A Erfolge feiern kann. Prof. Fuest stellte daher fest, dass der Mindestlohn „den Arbeitgebern die Aufgabe zuweis[t] das Problem zu lösen.“29 In dieser Übertragung von Verantwortung mit Zwang liegt kein moralischer Akt. Kein Politiker kann sich für ethisch halten, wenn er Mindestlöhne beschließt, denn er muss sie nicht zahlen. Die Arbeit machen andere – er ernteten die Lorbeeren, die andere verdienen.
Ein weiterer Aspekt der nicht vergessen werden, nämlich die Schwarzarbeit. Denn was tun diejenigen die arbeitslos geworden sind? Was ist mit einem Handwerker? Was hindert ihn daran sein Einkommen aufzubessern, wenn ihm gesetzlich verboten wird für weniger zu arbeiten? Um ein Beispiel von Carlos Gebauer30 auszubauen: eine alte Witwe besitzt einen großen Garten hat aber nur eine kleine Rente. Ihre Nachbarn sind junge Männer. Die Frau hat aber nur genug Geld 6€ zu bezahlen, statt 7,50€. Was wäre das Resultat? Weder die Witwe noch die Männer kämen zu dem was sie wollen. Aber, und das ist die Erweiterung, was wenn die Männer es trotzdem täten? Wenn sie einfach für 6€ arbeiten? Heute bereits arbeiten Tausende Menschen schwarz. Ein Mindestlohn wird das nur verschärfen. Die Arbeitslosen, die keinen Zugang zum Markt haben, würden vermehrt schwarz arbeiten, vor allem da die meisten Befürworter des Mindestlohns Zuverdienstgrenzen reduzieren möchten.
Ein Umstand wird in der ganzen Diskussion, ja bei fast allen Debatten um Interventionen, außer Acht gelassen: cui bono (lat. Zu wessen Nutzen?) Wenn wir etwas über den Menschen wissen, ist dass er von Natur aus ein böses Wesen ist, der seinen Egoismus gerne moralisch tarnt. (Inhalt der sgn. „Erbsünde“) Überall finden wir dieses Phänomen. Die Industrie fordert Zölle vorgeblich gegen die „schäbige Billig Konkurrenz“ aus dem Ausland. In Wahrheit geht es darum Profite zu sichern. Die Verlage sind für eigene Schutzgesetze, weil das Buch ein „hohes kulturelles Gut sei, dass nicht der Profitgier überlassen werden dürfe.“ Eigentlich geht es darum die eigene Profitgier zu befrieden. Die Apotheker verteidigen ihre gute Stellung mit der These Liberalisierung hieße schlechtere Produkte. Der Staat müsse regulierend eingreifen. Auch hier ging es wieder um den Schutz der eigenen Brieftasche. So ist es auch mit dem Mindestlohn. Daher ist es kein Wunder, dass die weißen Gewerkschaften in Südafrika früher den Mindestlohn forderten.31 Uns allen sollte klar sein, dass diese Gewerkschaften nicht den Schwarzen etwas gutes wollen, sondern sie aus dem Markt drängen möchten. So war es auch bei Philipp Holzmann: über 90% der Arbeitnehmer stimmten einer Lohnsenkung zu, um das Unternehmen zu retten. Arbeitgeber und Arbeitnehmer Verbände verweigerten den Ausstieg aus dem Flächentarif. Vorgeblich um Lohndumping zu verhindern – eigentlich ging es darum einen Konkurrenten aus dem Markt zu treiben.
Das ist das Prinzip der Gewerkschaften: alle anderen werden aus dem Markt geschlagen. Man vereint sich zu Kartellen (nichts anderes sind Flächentarife) und hält den Markt möglichst klein. Denn je knapper ein Gut, desto höher ist der Preis. So ist auch mit Arbeit: man hält den Markt klein, damit die eigenen Löhne hoch sind. Hinter der Phrase man müsse Lohndumping verbieten, steckt auch diese Idee: die eigenen Löhne müssen geschützt werden.
Den moralisch getarnten Egoismus sehen wir bei der Post: die Post sah sich mit Konkurrenz konfrontiert und wollte diese natürlich beseitigen bzw. einschränken. Um sich selbst (!) zu schützen, gelang es der Post einen Branchen Mindestlohn durchzudrücken, der die Konkurrenten benachteiligte. Dazu kam das, Gott sei Dank abgeschaffte, Privileg bei der Mehrwertsteuer. Die Post zeigt, dass die Gewerkschaften bei der Forderung nach Mindestlöhnen auch egoistische Ziele verfolgen: die Mitglieder sollen profitieren – auf dem Rücken des Niedriglohn Sektors. Eine Unfairteilung von Arm zu Reich …

Politische Auswirkungen:
Dirk Niebel, seinerzeit Generalsekretär der FDP, gibt uns das nächste große Stichwort, denn er sagte: „Wer heute Mindestlöhne fordert, verlangt morgen staatlich festgesetzte Bierpreise.“ Dem Befürworter des Mindestlohns wird diese Aussage falsch, wenn nicht gar dumm vorkommen. Im Grunde hat Herr Niebel aber Recht, denn der Mindestlohn ist nur der Auftakt für mehr und mehr Regulierungen. Es ist ja nicht so, dass die pro Mindestlohn Parteien bei ihm stehen bleiben würden. Der Mindestlohn ist der Fuß in der Tür. Ist der Staat erst mal in der Lohnfindung beteiligt, wird er dort bleiben und weiter machen. Sind erst mal Minimal und Maximallöhne gesetzt (letzteres ist auch eine populäre Forderung), wird man sich an das „Dazwischen“ machen. Wenn die Politik sich fähig Mindestlöhne einzusetzen, warum nicht dann auch Tariflöhne? Branchenmindestlöhne sind der erste Schritt dorthin. Geht der Staat erst mal gegen „Lohndumping“ vor folgen „Wucherpreise.“ Dann werden Mindest- und Maximalpreise gesetzt. Löhne wären dann in den Händen des politischen Tagesgeschäften. Populismus würde die Löhne in die Höhe treiben und die Politik könne einfach diktieren. Der Mindestlohn ist der erste Schritt in eine Arbeitsplanwirtschaft. Kein freiheitliches Ideal…
Die Freiheit wird nicht durch große Revolutionen zerschlagen, sondern durch kleine Schritte. Kaum bemerkbare Gesetze werden beschlossen und unter dem Deckmantel sozialer Gerechtigkeit wird immer mehr der Weg in den Sozialismus beschritten.
Der gefährliche Populismus um die Rente hat uns eine Rentenkrise beschert und ist Schuld an Altersarmut. Die vermeintlich soziale Umlage-Rente mit ihren immer wiederkehrenden politisch gewollten Erhöhungen ist gescheitert. Die als unsozial beschimpfte Kapitalgedeckte Rente hat bewiesen, dass sie, wie Ludwig Erhard und seine Gesinnungsgenossen wussten, als überlegen erwiesen.
Das Populistische wurde gewählt. Das Populistische hat uns Schaden für ganze Generationen gebracht. Die Mahner in der Wüste wurden als Kapitalisten verschrieen. Ihr Erbe ist verloren unter dem Sand des Etatismus. Wir dürfen nicht auf Sand bauen; wir müssen den Fels der Marktwirtschaft verwenden. Wir dürfen nicht dem Staat die Lohnfindung überreichen; wir müssen uns dem Gewerkschaftsegoismus, dem Populismus der Politiker und der ökonomischen Unvernunft entgegenstellen, die meint Löhne könnten per Dekret vorgegeben werden und müssten nicht, hart, verdient werden.

Ein Mittelweg?
Hier für überall gibt es auch in der Mindestlohn Diskussion Zentristen, Menschen die uns sagen man habe nicht zwischen zwei Alternativen zu wählen, sondern könnte sich auch für einen Mittelweg entscheiden, der das Gute beider Standpunkte in sich vereine. Dieser dritte Weg sieht so aus, dass der Staat Branchenmindestlöhne einführt. Damit werde, so die Befürworter, der sozialen Gerechtigkeit wie den ökonomischen Bedenken Rechnung getragen.
Das Gegenteil ist der Fall. Am Beispiel des Baugewerbes wurde bereits gezeigt, dass auch Branchenmindestlöhne verheerende Wirkung entfalten können. Schlechte Gesetze werden nicht dadurch gut, dass man ihre Wirkung einschränkt.
Zumal die Branchenmindestlöhne ebenso schwere politische Folgen haben. Mal abgesehen davon, dass es für Branchenmindestlöhne keine sozialpolitische Begründung gibt (denn wenn der Mindestlohn ein ausreichendes Einkommen sichern soll, müsste er dann nicht gleich sein?), ist er der erste Schritt für die Vorgabe von Tariflöhnen. Er ist politisch eine Katastrophe und nur eine Scheinlösung. Denn unter dem Deckmantel der Branchenmindestlöhne kommt der allgemeine. Hat erst mal jede Branche einen Mindestlohn wird gefordert werden ein allgemeiner Mindestlohn sei viel besser; er sei einfacher und beseitige Ungerechtigkeiten zwischen den Branchen. Er ist auch nur ein Fuß in der Tür, ein Umweg zu allgemeinen Löhnen.
Auch die Idee von Kommissionen ist zu verwerfen. Es handelt sich um eine korporatistische Idee, der faschistischen Ständestaaten: Arbeitgeber und Arbeitnehmer organisieren zwangsweise sich in Kammern und Verbänden, während der Staat oberhalb der Kammern für die richtige Ordnung sorgt. Das korporatistische Modell der Mindestlöhne ist verwerflich. Zunächst einmal weil man natürlich fragen muss wer in die Räte (russisch Sowjet) gewählt wird? Gewerkschaften haben kein Interesse daran, dass Menschen leicht in den Arbeitsmarkt kommen. Ebenso wenig möchten Unternehmer zulassen, dass ihre Gegner durch Lohnsenkungen wettbewerbsfähig werden (siehe Philipp Holzmann). Letztlich würde es sich um einen politisch abgesegneten Etatismus der Verbände halten.
Ebenso wenig kann uns die Höhe befriedigen. Hier ist wieder die Interventionsspirale zu Gange. Denn „wer die Lohnhöhe diskutiert, hat schon zugestimmt.“32 Wie bei PID, Lebenspartnerschaft und so vielen anderen Gesetzen bleibt es nicht bei dem ursprünglichen Gesetz. Ist der Damm der generellen Ablehnung erst mal gebrochen, hält nichts mehr. Es kann keinen Mittelweg geben, der für alle Seiten annehmbar wäre.

Soziale Marktwirtschaft?
Oft genug werden Mindestlöhne mit Verweis auf die Soziale Marktwirtschaft verteidigt. So unter anderem DGB Chef Sommer33 (man erinnere sich, dass die Gewerkschaften die größten Feinde Erhards waren) und Heiner Geißler.34 Die Vertreter dieser These verkürzen – absichtlich oder aus Unwissenheit – den Inhalt der Sozialen Marktwirtschaft und der Formel „Wohlstand für alle“. Es liegt zunächst einmal am Wort „sozial,“ dass Friedrich August von Hayek zu Recht als „Wiesel Word“ bezeichnete. Auch Erhard wies darauf hin, wenn er bekennt, dass er es sich „angewöhnt [habe], das Wort Gerechtigkeit fast immer nur in Anführungszeichen auszusprechen [weil] mit keinem Wort mehr Mißbrauch getrieben wird.“35
Die Argumentation A ist sozial und deshalb der Sozialen Marktwirtschaft entsprechend ist falsch, wenn wir uns ansehen was die Gründerväter gesagt haben. So wird der überbordende Sozialstaat als „sozial“ und dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft entsprechend bezeichnet, obwohl Erhard den Wohlfahrtstaat als „modernen Wahn“36 bezeichnet. Die oft gemachte Gleichsetzung ist schlicht falsch und kann daher nicht als Begründung herhalten für einen Mindestlohn. Im Gegenteil, denn eins der zentralen Inhalte der Sozialen Marktwirtschaft ist die freie Preisbildung. Ohne die geht es nicht; und natürlich ist damit auch freie Preisbildung (und der Lohn ist ein Preis) auf dem Arbeitsmarkt gemeint. Ludwig Erhard hat sich gerade gegen die Ideen der Alliierten gestellt nur teilfreie Preise einzuführen, statt die Preise voll frei zu geben. Der Markt muss wirken, der Preis muss sich entfalten. Sonst kommt es zu Krisen und Fehlern (Siehe „Der Grund für die Krise“), dann geht es allen schlechter. Darum, so ist zu betonen, ist freie Preisbildung so wichtig, nicht aus irgendwelchen ideologischen oder ökonomistischen Gründen.
Aber einige werden einwerfen, dass die Gründerväter selbst für Mindestlöhne waren. Das trifft jedoch nicht zu. Nur Walter Eucken und Alfred Müller-Armack halten einen Mindestlohn in gewissen Fällen (nicht generell!) für vertretbar. Müller-Armack war der Auffassung, dass es „marktwirtschaftlich durchaus unproblematisch“ sei den Gleichgewichtslohns für verbindlich zu verklären, um „Einzellohnsenkungen zu vermeiden.“ Was meint Müller-Armack hier? Zunächst ist festzuhalten, dass er den Mindestlohn nicht fordern. Er ist der Meinung er sei vertretbar. Vertretbar ist auch die kommunale Vergünstungssteuer, die u.a. Bordelle zahlen müssen. Sie ist marktwirtschaftlich unproblematisch, deswegen muss sie doch nicht gemacht werden. Zudem ist das Wort „Gleichgewichtslohn“ der zentrale Begriff. Was ist Gleichgewichtslohn? Der Gleichgewichtspreis im Allgemeinen derjenige Preis der angebotenen Güter der exakt der Menge zu zu eben diesem preis nachgefragten Güter entspricht. Der Gleichgewichtspreis ist also der Preis, bei dem es möglich ist dass genauso viel nachgefragt wird wie angeboten. Niemand bleibt auf seinen Waren sitzen und niemand muss auf den Konsum eines Produktes verzichten. Der Markt ist dann „geräumt.“ Es ist schon aus dieser Beschreibung klar, dass der Gleichgewichtspreis für Arbeit, der Lohn, real nicht vorkommt. Es ist ein Modell zur Beschreibung theoretischer Vorgänge. Es zeigt sich also, dass die Festsetzung eines Gleichgewichtslohn fast schon unmöglich ist.
Zudem ist die Höhe dieses Gleichgewichtslohn zu bedenken. Denn er hieße, dass er so hoch ist, dass die Menge an angebotener Arbeitskraft genau der Menge an nachgefragten Arbeitsplätzen entspricht. Ein Mindestlohn von 7,8, oder 10€ wird dem überhaupt nicht im Ansatz gerecht, da Minderqualifizierte aus dem Markt betrieben und somit ein Gleichgewicht unmöglich wird.
Der zweite Gründerväter der gerne von Befürwortern des Mindestlohns angeführt wird, ist Walter Eucken. In Wirklichkeit ist auch er weit davon entfernt gesetzliche allgemeine Mindestlöhne zu fordern. Mindestlöhne sind für ihn temporärer Maßnahmen als Reaktion auf Krisen. Er unterstellt folgende Situation: in einer Krise arbeiten die Menschen mehr, weiten das Arbeitsangebot aus, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Eine Ausweitung des Angebots hat aber fallende Preise zu folge. Deswegen arbeiten die Menschen noch mehr, was noch größere Preissenkungen zur Folge hat. In dieser Situation könnte der Staat einen Mindestlohn einrichten, der dieser Spirale ein Ende setzt. Der strenge Ordnungspolitiker Eucken war also ebenso kein Freund eines Mindestlohn, sondern bloß Vertreter eines ordnungspolitischen Eingriffs in Krisenzeiten mit temporärer Ausrichtung.
Sowohl Eucken als Müller-Armack ist die Kritik an aggressiver Lohnpolitik und Keynesianismus gemein. Bei den anderen Gründerväter sehen auch auch offene Ablehnung dieser Lohnpolitik und des Keynesianismus.
Wenn wir die Meinung der anderen Väter ansehen stellen wir fest, dass sie gegen Mindestlöhne waren. Am heftigsten wohl Alexander Rüstow: „ein angemessenes und existenzsicherndes Einkommen des Arbeiters durch gesetzlich festgelegte Mindestlöhne erreichen zu wollen, ist eine Kommandowirtschaft, wie sich der kleine Moritz vorstellt: zu niedrigen Löhnen wird eben ‚einfach‘ gesetzlich bei Strafe verboten! Diese pueriele Lohnpolitik ist aber in führenden Kulturstaaten tatsächlich zur Anwendung gekommen. Da man keinen privaten Betrieb dazu zwingen kann, mit Verlust weiter zu arbeiten, so erreicht man nur, daß alle Arbeiter die unterhalb der Mindestlöhne noch weiter beschäftigt werden können, statt dessen ganz entlassen werden müssen und, statt eines vorübergehend knappen Lohns gar keinen bekommen: gesetzliche erzwungene Arbeitslosigkeit als sozialpolitischen Weisheit letzter Schluss! Die Arbeitslosenunterstützung wirkt sich ja schon automatisch als Mindestlohngrenze aus.“37 Aus jeder Zeile strömt die scharfe Ablehnung dieser „Kommandowirtschaft“, die kindlich und naiv ist.
Sein Weggefährte und Freund Wilhelm Röpke spricht sich nicht direkt gegen Mindestlöhne aus, zeigt aber deutlich seine Ablehnung, wenn er bekennt eine Marktwirtschaft ohne Lohnelastizität sei „keine wirkliche Marktwirtschaft.“38 Die Gewerkschaften und ihre aggressive Lohnpolitik identifiziert er mit dem „verhängnisvollste[n] Inflationsdruck unserer Zeit.“39 Die Gewerkschaftler hätten nur ein Interesse an Steigerung des Nominallohns, nicht am Sinken der Preise, obwohl letztere für den Arbeiter wichtiger sind, weil die Gewerkschaftler ihre Macht und ihre Verdienste vergrößern wollen.40 Lohnsteigerungen können nicht per Dekret, sondern durch Steigerung des Kapitals erhöht werden.41 Röpke kritisiert auch den Versuch der „ökonomischen Determiniertheit des Lohnes“ auszuweichen und durch falsche Thesen (Lohnsteigerungen erhöhen die Produktivität) zu untermauern.42
Ludwig Erhard bekennt sich zu der „unpopulären Wahrheit …, das Löhne und Preise … in einer unauslöslichen Beziehung stehen“ und dass er sich bemühe „jeder Lohnerhöhung entgegenzuwirken, die nicht ihre Rechtfertigung im Produktivitätsfortschritt der Wirtschaft finden könne.“ Maßlosigkeit in der Lohnpolitik müsse mit Preissteigerung bezahlt werden.43 Hochlohnpolitik, wie sich sich im Mindestlohn manifestiert, baut auf einer „völlig illusionären Verkennung ökonomischer Gesetze“ auf.44 Als Kanzler machte Erhard deutlich, dass die Regierung nicht zögert „sich zur Wahrung der Tarifautonomie zu bekennen.“45
Das zentrale Credo der Väter der Sozialen Marktwirtschaft ist das Verbot von Preisinterventionen. Bei allen Aktionen, Interventionen und Gesetzen muss das Preissystem in Takt bleiben. Wohnpolitik ist gut, kann jedoch nicht Preisfestsetzungen bedeuten. Sozialpolitik muss nach den Marktprozessen gemacht werden und nicht im Markt. Preiseingriffe sind schlecht, gerechtfertigte Interventionen des Ordnungssystems vertretbar – das ist der zentrale wirtschaftspolitische Satz der Sozialen Marktwirtschaft. Es ist also deutlich, wie das Verhältnis des Preiseingriffs Mindestlohn zur Sozialen Marktwirtschaft ist, nämlich Ablehnung.

Fazit:

Der Mindestlohn ist eins der besten Beispiele für gutgemeinte Gesetze, die eine schlechte Wirkung entfalten. Gute Intentionen reichten nicht aus; der Pfad zur Hölle ist mit guten Intentionen gepflastert. Der Versuch der Befürworter den Diskurs für sich zu beanspruchen, wer gegen den Mindestlohn ist ist unsozial, ist ein bekanntes (siehe EU = Europa, Energiewende = EEG) rhetorisches Mittel – bedauerlicherweise.

Wir müssen feststellen, dass Mindestlöhne ökonomisch, ethisch und politisch falsch sind. Sie schaffen Arbeitslosigkeit, sind für die im Markt befindlichen Arbeitnehmer von Vorteil, sind wettbewerbsfeindlich, schädigen die Geringqualifizierten, verteuern die Arbeit, senken die Wettbewerbsfähigkeit des Landes und vor allem sind sie nicht fähig den Armen zu helfen. Die Weisheit der Gründerväter hat sich bewehrt: Sozialpolitik gegen die Gesetze der Wirtschaft zu machen führt zu Elend für alle …

1 Dr. Hans H. Glismann – Mindestlöhne statt Flexibilisierung des Arbeitsmarktes? (In: Orientierung, Nr.110, Dezember 2006)
2 Dr. Hans H. Glismann – Mindestlöhne statt Flexibilisierung des Arbeitsmarktes? (In: Orientierung, Nr.110, Dezember 2006)
3 Dr. Hans H. Glismann – Mindestlöhne statt Flexibilisierung des Arbeitsmarktes? (In: Orientierung, Nr.110, Dezember 2006)
4 Joachim Ragnitz und Marcel Tum – Zur Einführung von Mindestlöhnen. Empirische Relevanz des Niedriglohnsektors (in: Ifo Schnelldienst, 10/ 2007)
5 Joachim Ragnitz und Marcel Tum – Zur Einführung von Mindestlöhnen. Empirische Relevanz des Niedriglohnsektors (in: Ifo Schnelldienst, 10/ 2007)
6 Mindestlöhne für und wider (Ifo Schnelldienst, 6/ 2008)
7 Hans-Werner Sinn – Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben: Ein Plädoyer für den besseren Sozialstaat
8 Walter Williams – Good Intentions
 9 Vgl. Walter Williams – State against Blacks; Thomas Sowell – The minimum wage – a disaster for young and poor black people
10 Hans-Werner Sinn – Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben: Ein Plädoyer für den besseren Sozialstaat
11 Gesche Wüpper – Arbeitslosigkeit in Frankreich auf Rekordstand (http://www.welt.de/wirtschaft/article114224061/Arbeitslosigkeit-in-Frankreich-auf-Rekordstand.html)
13 Hans-Werner Sinn – Die Target-Falle, S. 110
14 Hans-Werner Sinn – Die Target-Falle, S. 108
16 Hans-Werner Sinn – Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben: Ein Plädoyer für den besseren Sozialstaat
17 Hans-Werner Sinn (Hrsg.) – Ifo Wirtschaftskompass, S. 125
18 Clemens Fuest – Mindestlöhne bloß nicht (in: Mindestlöhne für und wider (Ifo Schnelldienst, 6/ 2008))
19 Hans-Werner Sinn – Von einem Mindestlohn, den man nicht bekommt, kann man nicht leben: Ein Plädoyer für den besseren Sozialstaat
20 Joachim Ragnitz und Marcel Tum – Zur Einführung von Mindestlöhnen. Empirische Relevanz des Niedriglohnsektors (in: Ifo Schnelldienst, 10/ 2007)
22 Dirk Friedrich – Mindestlohn: Unvereinbar mit der sozialer Marktwirtschaft (http://ef-magazin.de/2008/07/19/426-mindestlohn-unvereinbar-mit-sozialer-marktwirtschaft)
23 Roland Baader – Freiheitsfunken II, S. 54
24 Joachim Ragnitz und Marcel Tum – Zur Einführung von Mindestlöhnen. Empirische Relevanz des Niedriglohnsektors (in: Ifo Schnelldienst, 10/ 2007)
25 Clemens Fuest – Mindestlöhne bloß nicht (in: Mindestlöhne für und wider (Ifo Schnelldienst, 6/ 2008))
26 Milton und Rose Friedman – Chancen, die ich meine, S. 253
29 Clemens Fuest – Mindestlöhne bloß nicht (in: Mindestlöhne für und wider (Ifo Schnelldienst, 6/ 2008))
31 Walter Williams – Good Intentions
32 Manfred J.M. Neumann – Flachendeckender Mindestlohn: Ordnungspolitischer Sundenfall par excellence ((in: Mindestlöhne für und wider (Ifo Schnelldienst, 6/ 2008))
33 http://www.dgb.de/presse/++co++a8c27fd0-155f-11df-4ca9-00093d10fae2 (Sommer: Ludwig Erhard würde sich im Grabe umdrehen)
34 Menschen bei Maischberger: Aufschwung durch Sozialabbau, 08.10.2004
35 Rede zum 100. Geburtstag von Franz Oppenheimer, FU Berlin 1964
36 Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 283
37 Alexander Rüstow – Religion der Marktwirtschaft, S. 62f.
38 Wilhelm Röpke – Civitas Humana, S. 86
39 Wilhelm Röpke – Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 47
40 Wilhelm Röpke – Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 194
41 Wilhelm Röpke – Jenseits von Angebot und Nachfrage, S. 275
42 Wilhelm Röpke – Die Lehre von der Wirtschaft, S. 270
43 Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 115
44 Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 327
45 Ludwig Erhard – Wohlstand für alle, S. 401
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