Die Kultur des Todes

(Für die ethischen Argumente des Lebensschutzes siehe die gleichnamige Reihe)

Wie kommt es Zustande, dass jedes Jahr Millionen ungeborene Kinder abgetrieben werden? Wie kommt es, dass das zu keinem Massenaufstand führt, sondern die Kritiker sich als Gegner der Menschenrechte bezeichnen lassen? Wie kommt es, dass in einigen Ländern über die Hälfe der Bürger Abtreibung unterstützt? Für jemandem wie mich, der überzeugt ist von der Unmoral der Abtreibung, wird sich wundern, wie so etwas zustande kommt. Warum und wie wurde der „Schwangerschaftsabbruch“ legalisiert? Hiermit ist nicht etwas politische, sondern kulturelle gemeint, das, wie der Angelsachse schon sagt, „Downstream from Culture“ ist.
Für dieses gesellschaftliche Phänomen hat Johannes-Paul II den passenden Begriff „Kultur des Todes“1 geprägt und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Verschiedene gesellschaftliche und geistige Umstände kommen zusammen, die eine lebensfeindliche Atmosphäre schaffen, welche schließlich die Abtreibung produziert.

I. Sexueller Materialismus:
Am 5. April 1922 wurde in New York City die „American Birth Controll Leage“ (Amerikanische Liga für Geburtenkontrolle) gegründet, welche sich für die Legalisierung und Verbreitung von Verhütungsmitteln einsetzte – sowie für Abtreibung, die die Gründerin Margaret Sanger auch der „Rassenhygiene“ und Kleinhaltung der Schwarzen Wegen befürwortete.
Dieses Datum, so unscheinbar es wirken mag, gehört zu den wichtigen Daten der neueren westlichen Geschichte, markiert es doch einen großen Schritt zur Kultur des Todes. Die Verhütungsbewegung führt in die Abtreibungsbewegung, nicht nur personell, sondern auch inhaltlich. Die Philosophie ist dahinter immer das gleiche: Sex dient vielem, aber nicht der Fortpflanzung. Kinder sind zu vermeiden, zu verhüten (man achte auf das Wort). Wird die Frau doch schwanger ist das eine „Panne“ (Ein Mensch ist eine Panne). Hilft die Verhütung nicht, muss die Abtreibung ran. Man mag diese Folgerung ablehnen, weil man vielleicht Verhütung unterstützt, Abtreibung aber ablehnt, der Zusammenhang aber ist klar: immer geht es gegen das Leben. Mal durch Verhinderung, mal durch Tötung. Um Gottes Willen soll kein Kind dabei rauskommen.
Es ist daher auch kein Wunder, dass immer zuerst die Verhütung kam und dann die Abtreibung folgte. Es handelt sich um eine logische Kausalität, die sich in „Pro Familia“ und „Planned Parenthood“ (man bedenke, dass zum Planen das Verhindern gehört) manifestiert.
Das Prinzip ist immer das gleiche: Sex ohne Konsequenzen. Mal werden sie durch Verhütung vermieden, mal indem man die Konsequenz beseitigt. Es ist die Idee des sexuellen Materialismus, der meint Spaß und Genuss seien der einzige Inhalt der Sexualität. Diese Ideologie hat uns die Grüne Jugend, die freilich nicht unsere Meinung ist, sehr schön formuliert: „Gratis Verhütungsmittel und kostenlose Abtreibungsmöglichkeiten – Sex soll uns Spaß und keine Kinder machen.“2 Besser, deutlicher und klarer hätte es nicht gesagt werden können. Der Satz: „Sex soll uns Spaß und keine Kinder machen“ ist der Leitsatz von Verhütung und Abtreibung, deren innere Verwandtschaft bereits dargestellt worden ist.
Ist das Motto des Sexuallebens muss man sich nicht wundern, wenn der Mann die Frau verlässt, weil sie schwanger ist. Er hat ja Spaß und keine Kinder gewollt. So ernste Konsequenzen könne er doch nicht tragen, es sei doch nur ein bisschen Spaß gewesen. Die Konsequenz kann der Staat oder sonst wer tragen. Ein solcher Mann handelt nur nach den Prinzipien der herrschenden Sexualmoral, die ihm ein solches Verhalten nahelegt. Gerade Linke, die es gerne mit Marx halten, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, sollen sich dieses Zusammenhanges nicht verwehren.
In diese Situation schleicht (so muss man es nennen) sich die Abtreibung und stellt sich praktische Lösung da. Man könne doch gar kein Kind erziehen, schließlich sei man jung und ohne Job. Dem Kind könne man doch nichts bieten (als ob der Tod eine schöne Option wäre). Die Abtreibung präsentiert sich als Helfer im einer sexuell enthemmten Gesellschaft, die selbst geschaffen hat.
Das schlechte Ansehen ist auch die Folge einer wichtigen gesellschaftlichen Veränderung: der schleichenden Zerstörung der Familie. Leben ist konstitutiv für jede Familie. Mann und Frau sind zunächst ein Paar und werden durch die Kinder zu einer richtigen Familie; Familie ist Hort und Quell des Lebens. Daher sind Lebens- und Familienschutz zwei Seiten der selben Medaille, die nicht getrennt werden können.
Die sexuelle Revolution hat aber nicht nur das Leben angegriffen, sondern auch die Familie. Verspottet als „Heimchen am Herd“ begann eine Art Feldzug gegen die Mutterschaft, die sich auch wieder in der Kultur zeigt. Jedem werden genug Filme und Serien einfallen, die von der gelangweilten Hausfrau spielen, der Haushalt und Kinder zu wenig sind. Was soll eine Frau denken, die seit Jahrzehnten mit solchen Filmen vertraut ist, wenn nicht, dass Mutterschaft eine Strafe darstellt, die verhindert werden muss? Wenn Leben als Abfallprodukt Spaß und Verhinderer meiner Freiheit betrachtet wird, verwundert die Entstehung einer Kultur des Todes nicht.

II. Hyperindividualismus:
Das Wort Totschlagargument gehört zu den Grundbegriffen der Rhetorik und wird auch regelmäßig verwendet. In unseren Tagen ist der Lieblingstotschläger das „Recht“. Man deklariert etwas als „Recht“ und schon ist jede Diskussion gegen die Menschenrechte. Auf einmal gibt es ein Recht auf Arbeit, also muss die ganze Welt sich danach richten mir den Job zu geben, den ich will. Ich erfinde ein Recht auf Einkommen, also muss die arbeitende Bevölkerung mir 1.000€ frei zahlen. Die Abtreibungsbewegung ist Teil dieser ganzen Sache und spricht von einem „Recht auf Abtreibung“, euphemistischer einem „Recht auf freie Entscheidung“, in den USA als „Pro Choice“ bekannt. Somit werden Lebensschützer zu den Feinden der Demokratie.
Der Sophisterei der Rechte, die schon Edmund Burke 1790 kritisierte, liegt ein tieferes Prinzip zu Grunde, nämlich der hyperindividualistische Egoismus: Ich will das, also muss das sein. Ich will Geld haben, also habe ich ein Recht; ich will einen Job, also habe ich ein Recht darauf. Ich will kein Kind, also habe ich ein Recht es „wegmachen“ zu lassen. Ich will Karriere machen, ein freies Leben und nicht Verantwortung für ein Kind.
Die Häufung des Wortes „ich“ mag aufgefallen sein; sie ist die eigentliche Grundlage der Verantwortungslosigkeit und des sexuellen Materialismus. Meine Lust, mein Genuss, mein Spaß ist das oberste Prinzip. Das Ego mit einem Kind zu teilen oder gar ihm unterzuordnen ist einer solchen Gesellschaft fremd; sie ist oft genug schon nicht fähig das beim aktuellen Lebensabschnittsgefährten zu praktizieren.
Diese Philosophie findet ihre Realisierung auch in der Hybris des Menschen alles zu können und zu dürfen. Verbunden mit einem moralischen Relativismus, der in jeder Form einer objektiven Ethik die Folterknechte aufmarschieren sieht, führt diese Haltung zu einer Egoistenmoral, die das eigene Wohl und Wollen in den Mittelpunkt der Überlegungen stellt. Das Bild der aufopfernden Mutter, des hart arbeitenden Vaters, des heroischen Soldaten oder religiösen Märtyrers ist einer solchen Gesellschaft derart fremd, dass sie dafür nur noch Verachtung übrig hat. Der Begriff Opfer wird, wenn überhaupt, nur in Bezug auf die eigene Person ausgelegt und dementsprechend weitere Rechte erdichtet. Opfer und Lasten zu Gunsten anderer, zumal für ein Kind, das keinen Lohn, auf den man auch wieder eigentlich ein Recht hätte, zu zahlen vermag, ist völlig fremd. Das Kind hat sich voll und ganz dem eigenen Willen zu unterwerfen und hat gefälligst am „richtigen Zeitpunkt“ zu kommen. Davor wird es verhütet oder abgetrieben, danach mit künstlicher Befruchtung herbei gezwungen. Das gesunde Kind am richtigen Zeitpunkt ist auch wieder ein Recht, egal ob dafür dutzende Embryonen ihr Leben müssen; sie sind nur Mittel zum Zweck; Mittel für meine Wünsche.

III. Fazit:
Man muss nur an Kant zurückdenken, der Menschenwürde gerade als Selbstzweck definierte, um die Menschenverachtung der Kultur des Todes zu erkennen, die Jahrzehnte Zeit hatte sich zu entfalten, während die Kultur des Lebens sich auf dem Rückzug befand. Nach getöteten Embryonen in Mutterleib und Petrischale in zweistelliger Millionenzahl ist es aber endgültig an der Zeit, mit dem Rückzug auf zuhören um den Schlussteich zu ziehen, sich auf seine Hinterbeine zu stellen und zu proklamieren: „Failure is not an option!“

1 Johannes-Paul II – Evangelium Vitae, 12
2 https://www.youtube.com/watch?v=8ZnHT9sekE0 „’I love my vagina!‘ – Für ein selbstbestimmtes Leben“ [08.12.2013]
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