Was ist der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten?

I. Einführung:
Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, die, traditionellerweise, gemischt konfessionell sind. Bis ins 19. Jahrhundert waren die meisten europäischen Staaten entweder katholisch oder evangelisch, was sich in Staatsreligionen niederschlug. Großbritannien, Schweden oder Dänemark waren protestantische, Italien, Frankreich und Spanien katholische Länder. In Deutschland, und auch in der Schweiz, dagegen finden wir eine Zweiteilung in Protestanten und Katholiken; circa die Hälfte gehöre der einen bzw. der anderen Konfession an.
Allein schon dieser historische Zustand führt schnell zu der Frage was beide Gruppen unterscheidet. Sind das nicht beide Christen? Dabei gibt es ein großes Unwissen, über die Gründe für die Trennung und die wirklichen Unterschiede. Fragt man den Durchschnittsdeutschen kommt auf schnell auf folgende Punkte:

  • Katholiken haben einen Papst
  • Katholiken verehren Maria und Heilige
  • Evangelische Priester können heiraten
  • Bei Protestanten dürfen Frauen Priester werden
  • Katholiken stehen im Gottesdienst oft auf

So sehr diese Unterschiede ihre Wahrheit haben, zeigen sie doch nicht die eigentlichen Punkte, in denen sich beide Konfessionen unterscheiden. So ist der „Bewegungsdrang“ der Katholiken, wie es ein Protestant einmal sagte, kein Trennungsgrund. Die Weihe von Frauen ist bei den Protestanten erst um die 50 Jahre alt und führte in protestantischen Kirchen fast oder tatsächlich zu Spaltungen.
Die tatsächlichen Unterschiede lassen sich auf drei Gründe herunterbrechen: 1. Die Quellen des Glaubens 2. Die Kirche und 3. die Rechtfertigung.

II. Die Quellen des Glaubens:
Jede Religion, Gruppe, Bewegung oder Weltanschauungen hat eine Quelle für ihre Überzeugungen. Parteien haben Programme, Gruppen Satzungen und Weltanschauungen oft genug Vordenker, auf deren Werke man sich beruft, wie z.B Liberale auf John Locke. Das gleiche gilt für Religionen. In der Regel berufen sie sich auf ihren Gründer, d.h einen Propheten und auf Heilige Schriften, die über ihn und seine Lehre berichten.
Genauso ist es mit dem Christentum. Das Christentum hat als Gründer Jesus Christus, der von den Propheten des Alten Testamentes, wie z.B. Moses, Abraham oder Jesaja, vorausgesagt wurde. Die Berichte über all diese Personen finden wir in der Bibel. Alle Christen glauben an die Bibel und an Jesus als den Sohn Gottes. Das ist Christentum in Kurzform: Glaube an Jesus Christus als Herrn und Erlöser.
Worin besteht also der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten? Evangelische Christen sehen in der Bibel die einzige Quelle für den Glauben. Dieser Grundsatz wird sola scriptura (lat. = allein die Schrift) genannt.
Katholiken sehen in der Bibel eine Quelle des Glaubens. Für sie ist die Bibel das geschriebene Wort Gottes. Daneben gibt es aber auch das mündliche oder ungeschriebene Wort Gottes, also das, was die Apostel an den verschiedenen Orten, z.B. Rom, gepredigt haben und aufbewahrt wurde. Man spricht hier von heiliger Tradition. Diese Tradition schlägt u.a sich in den Werken der großen christlichen Autoren in den ersten Jahrhunderten der Kirche (von 33 n. Chr. bis circa zum 8. Jahrhundert) wieder, die als Kirchenväter bezeichnet werden. Daneben dient die Liturgie, welche auf die Apostel zurückgeht, als eine wichtige Quelle für das ungeschriebene Wort Gottes.

III. Die Kirche:
Beiden Konfessionen gemein ist der Glaube, dass Jesus Christus, eine Kirche gegründet hat. Darüber was die Kirche eigentlich ist und was sie tun soll, gibt es Unterschiede. Wie wir oben gesehen haben, glauben Protestanten allein an die Bibel. Für sie hat die Kirche nicht die Autorität die Bibel auszulegen. Die Autorität der Kirche beschränkt sich auf die Verwaltung der Sakramente (z.B. der Taufe), des heiligen Dienstes (d.h. Pastoren) usw.
Katholiken glauben freilich an das sogenannte kirchliche Lehramt. Sie glauben, dass die Kirche die, von Jesus Christus übertragene, Autorität hat die Bibel verbindlich auszulegen. Träger dieser Autorität ist sowohl die Kirche als Ganzes, wenn z.B. alle Bischöfe in einem „Konzil“ zusammentreten, sowie der Papst. In bestimmten Fällen ist ein Urteil der Kirche unfehlbar.
Aber nicht nur in der Frage welche Autorität die Kirche, sondern auch bezüglich ihres Wesens gibt es Differenzen. Protestanten sehen in der Kirche vor allem die Versammlung der Gläubigen, die durch die Predigt des Evangeliums und die Sakramente zusammengehalten wird. Protestanten unterscheiden auch zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche. Ersterer gehören alle an, die formal christlich sind, ja sogar zum Gottesdienst gehen. Die wahren und gläubigen Christen gehören aber der unsichtbaren Kirche an.
Katholiken dagegen betonen den sichtbaren Charakter der Kirche, auch wenn sie zwischen tatsächlichen Gläubigen und denen, die der Kirche „zwar dem Leibe, aber nicht dem Herzen nach“ angehören (Lumen Gentium, Nr. 14) unterscheidet. Die Kirche wird vor allem durch die Sakramente sichtbar und ist sakramental fassbar und zeigt sich in einer Hierarchie, d.h einer Struktur mit Bischöfen, Diakonen und Priestern mit dem Papst an der Spitze, und gerade so gottgewollt.
Von besonderer, ja ausschlaggebender, Bedeutung ist die sogenannte apostolische Sukzession. Sie begründet die Autorität der Kirche. Nach diesem Prinzip kann sich die Kirche auf die Apostel selbst zurückverfolgen. So ist der Papst der Nachfolger Petri und erhält daraus seine Autorität. Auch hier zeigt sich diese Nachfolge in Amt und Sakrament, während Protestanten, sofern sie sich an dieses Prinzip halten, die apostolische Nachfolge als solche im Glauben verstehen, d.h dass sie das glauben, was die Apostel geglaubt haben.

IV. Rechtfertigung:
Wenn wir in die Zeit Luthers schauen, und damit den eigentlichen Grund der Spaltung, finden wir den Kernsatz des Christentums, nämlich der Glaube an Jesus als Erlöser. Das ist Christentum; aber was das genau heißt, ist umstritten. Genauer gesagt die Frage wie wir erlöst, d.h gerechtfertigt werden. An dieser Frage entzündete sich der ganze Streit. Wenn wir bedenken, dass auf die Rechtfertigung, das ganze Christentum gebaut ist, wird die Wichtigkeit dieser Fragestellung deutlich.
Beginnen wir mit der klassisch evangelischen Sicht auf die Dinge. Zuerst einmal muss man natürlich fragen, wieso man überhaupt Erlösung braucht. Die Antwort ist für einen Christen schnell gefunden, nämlich die Sünde, genauer gesagt die Erbsünde, d.h die Sündenhaftigkeit der menschlichen Natur.
Protestanten glauben an die schwere Verdorbenheit. Der Mensch ist sogar so stark verdorben, dass er keinen freien Willen mehr, in Bezug auf das Heil, d.h Gott hat, sondern er ist nur der Sünde zugeneigt. Daher ist es allein Gottes Handeln, also seine unverdienbare Gnade, (lat. Sola gratia = allein Gnade), die eine Rolle spielt, denn der Mensch ist unfrei. Wie geht nun der Prozess der Erlösung vor sich? Wir haben also einen Sünder, der zuerst einmal bekehrt wird. Was passiert? Es ist der Heilige Geist, der den Menschen, ohne dessen willentliche Zustimmung, bekehrt, das heißt ihm den Glauben schenkt. Dadurch erkennt der Mensch seine eigenen Sündenhaftigkeit. In Folge dessen erkennt er seine völlige Unfähigkeit und vertraut sich daher ganz Christus an. Es ist dieses Vertrauen, dieser Glaube, allein, der die Erlösung ermöglicht. Daher sprechen Protestanten von sola fide (lat. „allein Glaube). Gott freilich rechnet dem Sünder seine Sünde nicht an, sondern die Gerechtigkeit Jesu. Seine Sünde wird „zugedeckt.“ Wenn der Bekehrte sich, in Folge seines Glaubens, nun taufen lässt, wird die Erbsünde nicht getilgt, sondern bleibt erhalten; sie wird zugedeckt. Weil der Mensch die Gerechtigkeit Jesu angerechnet bekommt, und die Sünde zugedeckt wird, spricht man von simul iustus et peccator1 (Zugleich Gerechter und Sünder). Der Mensch ist somit durch die Anrechnung der Tat Christi gerechtfertigt.
Wie sieht die Katholische Kirche das Ganze? Zunächst geht auch sie von der Erbsünde aus, lehrt aber, dass die Erbsünde nicht den freien Willen zerstört, sondern eingeschränkt hat. Auch sie bekennt, dass man sich nicht aus sich bekehren kann und auf Gottes Gnade als Geschenk angewiesen ist. Es ist nicht möglich Erlösung, durch Werke, zu verdienen. In der katholischen Theologie wird das als „Gratuität der Gnade“ bezeichnet. Dieses Konzept unterscheidet sich vom evangelischen „sola gratia“ nicht in der Frage ob das Heil verdienbar ist, sondern ob es allein göttliches Handeln ist oder nicht, denn Katholiken glauben zwar, dass es der Heilige Geist ist, der einen Sünder befähigt zu glauben und dass es unmöglich ist, ohne Gottes Gnade den Glauben zu bekommen, lehrt aber auch, dass der Mensch einen freien Willen hat. Der Mensch ist nicht, wie Luther meinte, ein Reittier, dass entweder von Gott oder Satan geführt werde, sondern in der Lage Gottes Gnade abzulehnen.
Was passiert aber, wenn jemand durch den Heiligen Geist den Glauben geschenkt bekommt und ihn annimmt? Die Katholische Kirche lehnt den Gedanken ab, allein Glaube reiche zur Erlösung. Es sind nämlich Glaube, Liebe, Hoffnung und Buße. Sie sind notwendig für die Rechtfertigung. Rechtfertigung ist auch kein Akt, sondern ein Prozess. Man kann nie sagen: „Jetzt, bin ich gerechtfertigt, jetzt bin ich erlöst.“ Es ist eine Entwicklung, die mit den vier Tugenden beginnt und zu den Sakramenten übergeht, die wirklich den Menschen verändern. So glauben Katholiken, dass die Taufe die Erbsünde tatsächlich tilgt und nur der „Zunder“ der Sünde zurückbleibt. Rechtfertigung heißt auch nicht bloß eine Zudeckung, sondern eine Tilgung. Der Mensch ist daher nicht Gerechter und Sünder, sondern das Ziel ist es sündenlos zu werden, ja sogar heilig. Das erklärt auch warum die Katholische Kirche an Heilige glaubt; sie lehrt, dass der Mensch in einem langen Prozess immer sündenloser werden kann, durch die Gnade Gottes und seine freie Mitwirkung. Für einen Protestanten kann es keinen Heiligen geben, weil die Sünde immer noch besteht, aber nur nicht angerechnet wird. Wenn aber die Sünde wirklich getilgt wird und Gottes Ziel es ist, die Sünde ganz zu tilgen, ist der Glaube an Heilige nur logisch.
Dann erklärt sich auch das Fegefeuer, also an einen Ort der Reinigung. Für einen Protestanten ist das vollkommen unverständlich, denn eine Reinigung ist für die Zudeckung der Sünde unnötig, und würde nur Gottes Gnade, die in der Nicht Anrechnung besteht, verdecken. Wenn der Katholik aber glaubt, dass die Sünde getilgt und Erlösung ein Prozess ist, dann ist der Glaube, dass dieser Prozess über den Tod hinaus geht (denn wir alle sind auch in der Stunde unseres Todes keine Heiligen) nur logisch und evident. Die Katholiken behaupten natürlich nicht, dass sie nicht ohne Sünde seien, aber es geht um das Ziel, nicht um den Istzustand.

V. Zusammenfassung:
Während Protestanten an die Bibel allein (lat. Sola scriptura) glauben, halten Katholiken die Schrift wie die Tradition für das Wort Gottes und billigen, im Gegensatz zu Protestanten, der Kirche die Autorität zu beide auszulegen. Sie halten auch die Kirche für eine sakramentale Einrichtung in apostolischer Sukzession, während Protestanten die Kirche vor allem für die Versammlung der Christen halten. Weiter glauben evangelische Christen an die Zudeckung der Sünde durch Glaube allein (lat. Sola fide), während Katholiken die Tilgung der Sünde durch Glaube, Liebe, Hoffnung und Sakramente in einem langen Prozess bekennen.

1 Da der Lateiner kein „J“ kennt, schreibt man „I“. So steht das „I“ in „INRI“ für Jesus. Insofern ist das Wort „iustus“als „Justus“ auszusprechen.

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