Katholische Sexuallehre – Personalität als Basis

Wie wir bereits bei der Soziallehre gesehen haben, müssen wir auch hier mit dem Menschenbild der Kirche beginnen. Dabei ist das Zauberwort wieder einmal Person, das eine große Rolle spielt, beginnen. Es sei hier noch einmal auf den entsprechenden Artikel über die Soziallehre verwiesen.

Mit Person ist nicht nur der einzelne gemeint. Vielmehr geht es um die Frage was und wer der Mensch ist. So hält das Christentum den Menschen für das Abbild Gottes und sieht in ihm nicht ein Zufallsprodukt, sondern das Resultat des bewussten Willen Gottes. Der Mensch ist also gewollt. Er ist daher ein Selbstzweck. Der Philosoph Kant definierte die Menschenwürde folglich als Selbstzweck. Anders gesagt: der Mensch existiert um seiner Selbst, und nicht für irgendwelche Funktionen Daher widerspricht Sklaverei der Menschenwürde, weil man den Menschen bloß als Instrument zum Pflücken von Baumwolle betrachtet. Er ist letztlich nichts anderes als ein Hammer, der eine bestimmte Tätigkeit hat und in den Müll geworfen wird, sobald er diese nicht mehr erfüllen kann.
Aber das genau das tun wir immer wieder in der Sexualität. Wir betrachten den Menschen als pures Mittel, um uns sexuelle Befriedigung zu beschaffen. Interessiert man sich für die Frau, die man aus der Disco mit nach Hause nimmt wirklich? Will man nicht einfach einen One Night Stand? Spricht man nicht sogar davon, dass diese Frau „nur so ein One Night Stand war?“, aber damit hat man sie schon verdinglicht, zum Instrument der eigenen Lust gemacht. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Der Sexualpartner wurde natürlich nicht ausgebeutet, er hat auch nur das gleiche gesucht. Es ist merkwürdig über sich selbst als Instrument zur Sexualbefriedigung zu denken, aber genau so sieht einen andere und so sieht man ihn.
Daher ist die katholische Sexuallehre keine puritanische Moralität, die uns nur am Spaß finden will, sondern Plädoyer für die Menschenwürde jedes Einzelnen und sein Dasein als Selbstzweck. In diesem Sinne sagte Kardinal Dolan auch, dass wir Katholiken „hoffnungslose Romantiker“1 sind. Nicht etwa weil wir einer weltfernen, idealisierten und romanisierten Vorstellung von Liebe und Sexualität anhingen, (siehe hier: „Ist Keuschheit möglich?“), sondern weil wir Verfechter der Würde sind.
Somit ist der Mensch mehr als bloß ein Haufen Materie, der durch die Welt läuft, und dessen einziger Zweck bestimmte Lustzustände sind; mehr als eine biologische Maschine. Das ist der Kern der humanistischen Lehre der Kirche. Humanismus lässt sich als eine Überzeugung definieren, die im menschlichen Lebens mehr sieht als einen „Daseinskampf um die biologische Existenz, und die Überzeugung, daß die sittlichen ,geistigen und ästhetischen Kräfte ebenso real und wahr sind wie die Kräfte roher Gewalt.“2 Das sollten vor allem jene materialistisch naturalistischen „Humanisten“ unserer Zeit bedenken.
Dabei muss beachtet werden, dass die Kirche keineswegs an einem rein geistigen Menschenbild hängt. Sie hat vielmehr gelehrt, dass der Mensch sowohl ein körperliches wie auch ein geistiges Wesen ist.3 Diese Sicht war immer der Anlass für Kritik ihres Umfeld. In der Antike predigte der Platonismus, dass der Leib das „Gefängnis der Seele“ sei. Dieser Idee setzte sich in der Irrlehre der „Gnosis“ fort. Man warf hier der Kirche vor materialistisch zu denken. Es sei doch klar, dass die hohen Dinge, Vernunft, Philosophie usw., nicht körperlich sind. Körperlich sei doch der Mensch dem Tier ähnlich, das Geistige erst erhebe ihn; der Körper binde ihn eigentlich an diese Welt. Solche Gedanken fanden ihren Ausdruck auch im gnostischen Doketismus, welche lehrte die materielle Welt sei verdorben und daher habe Jesus nur einen „Scheinleib“ angenommen.
Dieser dialektischen Auffassung (Geist v.s. Materie) hielt die Kirche entgegen, dass Gott die materielle Welt geschaffen hat und sie für gut befindet. Radikaler noch wurde dieser Glaube als positive Sicht auf die Materie, in der Überzeugung, dass Gott selbst Mensch geworden sei. Auf lateinisch nennt man die Menschwerdung „Inkarnation“, was sich wörtlich als „Fleischwerdung“ übersetzen lässt. Der Leib und das Körperliche ist daher in keinster weise böse und verwerflich. Daher ist auch die Idee die Seele sei ewig, der Körper also egal, gegen das Christentum! Im Credo wird schließlich die „Auferstehung des Fleisches“ bekannt.
In neueren Tagen feierte der Materialismus, welche nicht selten das Wort „Humanismus“ fälschlicherweise für sich in Anspruch nimmt, Triumphe. Er wirft der Kirche gerade das Gegenteil vor. Sie würde den Menschen allein als lust- und empfindungslosen Geist präsentieren und dabei das Körperliche vergessen.
Hier hat auch die Kirche ihre Kritik angebracht. Der Mensch ist tatsächlich ein körperliches Wesen, aber wer das Geistige leugnet, verkennt eine Dimension des Menschen. Er macht gerade das kaputt, was den Menschen auszeichnet. Das Besondere an ihm geht verloren.

Die Kirche hat daher nie das eine gegen das andere ausgespielt. Sie hat nicht den Leib gegen den Geist gestellt und nie einen Konflikt konstruiert. Sie sagt auch nicht, dass beide total voneinander verschieden und eigentlich in keinem richtigen Kontakt zueinander stünden. Die Kirche spricht vielmehr von der Einheit des Menschen, als ein geistig körperliches Wesen. Das Christentum ist keine Religion der metaphysischen Trennung; wir scheiden nicht zwischen Materie und Geist, Sakral und Profan, Gott und Welt. Gerade weil wir an Jesus Christus als den Menschgewordenen Gott glauben, verbietet sich eine solche dialektische (d.h. auf Widerspruch gegründete) Einstellung. Die Frage lautet daher nicht: hedonistischer Materialismus v.s asexuellen Spiritismus, sondern Einheit. Der richtige Weg heißt also Personalität.

Literatur:
Katechismus der Katholischen Kirche, 1997
Michael Roberts – Erneuerung des Westens, Europa Verlag, Zürich 1943

1 „We Catholics are hopeless romantics.“ http://www.zenit.org/en/articles/cardinal-dolan-to-knights
2 Michael Roberts – Erneuerung des Westens, S. 108
3 „Die nach dem Bilde Gottes erschaffene menschliche Person ist ein zugleich körperliches und geistiges Wesen.“ KKK-362
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