Katholische Sexuallehre – Liebe und Sexualität

Inhalt:
I). Mensch als Abbild des Liebesgottes
II). Wesen der Liebe
III). Sex und Liebe
IV). Liebe und Lust
V). Liebe und Sünde
Literatur:

Es ist unmöglich über Sexualität zu reden und die Liebe zu vergessen, obwohl beide oft voneinander getrennt werden. Daher kann auch keine Reihe über die Sexuallehre nicht komplett sein, ohne auf die Liebe zusprechen zukommen.

I). Mensch als Abbild des Liebesgottes:
Kaum eine Stelle in der Bibel wird so oft und so gerne zitiert wie 1.Joh. 4:8 „Gott ist die Liebe.“ Wir wollen hier nicht auf die vielen Missverständnisse eingehen, z.B dass behauptet wird, aus diesem Vers folge, dass es egal ist, ob man Christ ist oder nicht, sondern wir wollen uns auf die Folgen für den Menschen konzentrieren. Die heilige Schrift lehrt uns, dass Gott den „Menschen als sein Abbild“ (Gen.1:27) schuf. Wenn also Gott die Liebe ist, und der Mensch Abbild Gottes, dann ist auch der Mensch liebend. Wir sehen wir also den Anschluss an den vorherigen Teil über das christliche Menschenbild.

II). Wesen der Liebe:
Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit – das sind die großen Worte der Menschheit, über sie es so viel Streit gibt. Jede politische Bewegung fordert die Gerechtigkeit, auch wenn die eine A und die andere B sagt. Für Freiheiten kämpfen Kommunisten wie Liberale, Gerechtigkeit fordern Christdemokraten wie Sozialisten ein. Das gilt auch für die Liebe. Während Katholiken, im Name der Liebe, die sexuelle Ausschließlichkeit mit einem Partner fordern, gibt es nicht wenige, die, unter dem Schlagruf der Liebe, genau das Gegenteil fordern.
Es ist daher notwendig zu klären, was mit Liebe eigentlich gemeint ist. Oft meinen wir damit das Gefühl der Verliebtheit, die „Schmetterlinge im Bauch“. Mit ein bisschen Biologie wird diese Idee als falsch entlarvt, denn diese Verliebtheit besteht höchstens für drei Jahren Beziehung, danach bauen sich die Hormone, die dieses Gefühl verursachen, ab. Ist man somit dazu verdammt in drei Jahres Beziehungen zu leben? Sind alle längeren Beziehungen lieblos? Das ist natürlich abwegig, wie viele aus Erfahrung wissen werden. Aber wie passt das zusammen? Der Grund ist ganz einfach: Liebe ist kein Gefühl.
Das mag auf den ersten Blick erstaunlich klingen, aber bei genauerem Hinsehen wird klar, wie das zusammenpasst. Ein altes Ehepaar hat nicht mehr das Gefühl der Verliebtheit, trotzdem lieben sich beide Partner, mehr sogar als sie frisch verliebt waren. Der Grund ist wieder einfach: die Schmetterlinge sind vom Bauch ins Herz gewandert.
Eine Erklärung. Der österreichische Psychologe Raphael Bonelli hat hierfür ein schönes Modell entwickelt, um das, symbolisch, zu erklären. Er teilt in den Menschen in drei Teile: Kopf (rein (zweck)rationale Entscheidungen), Bauch (Emotionen) und Herz. Das Herz steht für für Wille, Gewissen, das ihn als Charakter Auszeichnenden und stellt quasi die „Mitte des Menschen“1 dar. Die Liebe des Herzens ist keine Emotion, wie Traurigkeit; sie ist nicht wie Wut, die oft genug schnell auftritt und genauso schnell wieder verschwindet. Sie ist auch kein Trieb, wie Hunger, sondern die Hingabe an einen anderen Menschen. Echte Liebe ist ihrem Wesen nach altruistisch. Soldat, Mutter und Märtyrer haben eins gemeinsam: die schätzen ihre Sache – Nation, Kind und Glaube – höher als ihr Leben und sind bereit, aus Liebe, für es zu sterben. Darum ist auch das Christentum keine gewaltverherrlichende Religion, die sich an den Leiden eines Mannes aus dem 1. Jahrhundert aufgeilt, sondern es zeigt die wahre Liebe: bis zum Opfer, bis zum Kreuz. Deswegen folgt auf Vers 8 des Johannesbriefes auch: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat.“
Eine Liebe, die nur halb ist, ist keine Liebe. Echte Liebe geht immer bis zum Schluss, sie geht aufs Ganze und geht Risiken ein. Und Liebe will die ganze Person. Niemand kann sich eine gute Beziehung vorstellen, in der man sich bloß zu ¾ liebt. Jeder würde einen Liebesfilm für eine Komödie halten, wenn der Mann zur Frau sagt: „Ich liebe dich zu 99%.“ Entweder die ganze Person oder nicht. Alles darunter ist Sympathie, bloße Emotion, ‚Bauch‘. Wenn die Katholische Kirche folglich lehrt, dass Sex nur in der Ehe mit einer Person erlaubt ist (auf die Ehe werden wir in einem späteren Teil noch kommen), dann, weil sie verstanden ist, was Liebe ist. Dieses „christliche Gesetz will der Liebe also nichts aufzwingen, was ihrem eigentlichen Wesen fremd ist. Es verlangt von den Liebenden nur, daß sie das ernst nehmen, wozu ihre Liebe selbst sie drängt.“2 Es ist daher nur richtig, wenn wir Gott mit der Liebe identifizieren, denn er ist unendlich treu und hat seine Treue durch seine Menschwerdung gezeigt. Weil Gott uns liebt, also unsere ganze Person will, spricht auch die Bibel vom „eifersüchtigen Gott“ (Ex.20:5), nicht etwa, weil Gott, wie oft behauptet, ein nach Anbetung gieriges Wesen wäre, sondern weil er die Liebe ist und die macht keine halben Sachen.
Die katholische Sexualmoral lässt sich somit nicht nur als Lehre von der Natur des Menschen (Personalität als Basis) verstehen, sondern auch als Interpretation dessen, was Liebe ist und was sie fordert.

III). Sex und Liebe:
In welcher Beziehung stehen somit Sexualität und Liebe? Stehen sie in einem entgegengesetzten, oder ergänzenden Verhältnis? Die Antwort ist recht simpel, nämlich, dass die Körperlichkeit Ausdruck der Liebe ist. Das ist zunächst einmal nicht sexuell zu werten. Ein Kind, das seine Mutter umarmt, will ebenso seine Liebe ausdrücken, wie der Mann der seine Ehefrau küsst. Ebenso will der Mann seine Liebe zeigen, wenn er einen Strauß Blumen kauft. Einen Blumenstrauß ist freilich keine sexuelle Handlung. Hier kommen wir wieder auf ein Prinzip zu sprechen, dass wir im Teil über die Personalität behandelt haben, nämlich das Wesen des Menschen als körperlich und geistiges Wesen. Liebe ist zweifelsohne eine geistige Sache, schließlich kann man sie nicht sehen. Zwei Menschen die sich küssen, müssen sich schließlich nicht Lieben und der Blumenstrauß kann auch nur als Instrument gedacht sein, der Frau näher zu kommen, um mit ihr zu schlafen. Es ist aber auch durchaus ein Paar denkbar, dass sich wirklich liebt, auch wenn es keine Möglichkeit hat, das körperlich auszudrucken (z.B. Fernbeziehung; Partner beruflich im Ausland.) Insofern ist der Leitspruch der 68er „freie Liebe“ bestenfalls ein schlechter Witz, denn es ging bloß um Sex.
Liebe ist also geistig, aber wenn der Mensch ein körperliches Wesen ist, dann ist er auch in der Lage dem Ausdruck zu verleihen. Hier kommt die Sexualität ins Spiel. Menschen drücken nämlich ihr Gefühle, gute wie schlechte, immer auch körperlich aus. Sexualität ist, so der Katechismus: „Zeichen und Unterpfand der geistigen Gemeinschaft.“3
Liebe inkarniert (lat. „Fleischwerden“) also. Der christliche Leser wird bei der Nennung „Inkarnation“ sofort an die Menschwerdung Gottes denken und damit liegt er richtig. Wir haben oben gesagt, dass der Mensch Abbild des liebenden Gottes ist. Somit inkarniert nicht nur die menschliche, sondern auch die göttliche Liebe. Gott wurde, aus Liebe zu uns, Mensch in Jesus Christus. Das wird deutlich in Vers 9 des Johannesbriefes: „Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.“ Gottes Liebe ist somit kein sentimental esoterisches Rede, das an das kindliche Reden vom „lieben Gott“ erinnert, sondern realisiert sich im Kreuzopfer Jesu als ernste Angelegenheit.
Liebe wegzunehmen, um nur noch Sexualität zu leben (= „freie Liebe“) ist purer Materialismus, der der Menschen halbiert. Ebenso falsch ist die Vorstellung derer, die meinen Sexualität sei unnötig oder gar sündig (was die sog. „Katharer“, auch Albigenser genannt, predigten) und die Körperlichkeit als „bloß animalisches Erbe abtun möchte[n]“4, denn sie halbieren ebenso den Menschen.
Über die Doppelnatur des Menschen – Geist und Körper – haben wir bereits gesprochen. Hierin realisiert sich dieser, schon dargestellte, Punkt sehr deutlich. Wenn sich Katholiken also gegen die sogenannte „sexuelle Befreiung“ richten, die meint Sex sei nur Spaß, dann nicht, weil wir prüde sind, sondern weil wir wissen, dass eine Trennung von Liebe und Sex falsch ist.

IV). Liebe und Lust:
Zu den Grundthesen eines Kirchenkritikers gehört der Vorwurf der „Leibfeindlichkeit“ und Geringschätzung der Sexualität, die zur Sünde erklärt würde. Lust und Spaß beim Sex seien Sünde. Damit, so argumentierte schon Nietzsche, habe das Christentum den Erós – die erotisch, leidenschaftliche Liebe, zerstört. Auch heute noch hören wir immer wieder von der sexuell freien und nicht von Tabus eingeschränkten Sexualität der Antike. Wir wollen hier nicht auf den Mythos der spätrömischen Dekadenz eingehen, sondern uns mit dem Vorwurf auseinandersetzen. Hat das Christentum wirklich die sexuelle Leidenschaft zerstört und an deren Stelle ein weltfremdes Ideal von „sexueller Reinheit“ präsentiert?
Das Christentum hat nicht die Sexualität oder die Lust daran zerstört, sondern gezeigt, was Sexualität ist, nämlich Ausdruck der Liebe. Dadurch hat sie sie nicht vernichtet, sondern erhöht. Indem Sexualität an die Liebe gebunden wird, wird sie viel wichtiger, bedeutender und intensiver, sonst wäre sie bloß irgendein Freizeitvergnügen wie Tennis. Das Christentum war sogar so radikal, im Sex nicht bloß etwas natürlich biologisches zu sehen, sondern Teil der göttlichen Ordnung zu sehen. Wenn die Kirche die Ehe zum Sakrament (äußere Handlung, die innere Gnaden spendet), dann findet darin eine Erhöhung der sexuellen Lust und Sexualität statt.
Was ist nun mit der „Fleischeslust“? Jeder weiß doch, dass die Kirche sexuelle Lust für sündig hält! Wenn man, gemäß der kirchlichen Lehre, dem widerspricht, ist die Reaktion oft Erstaunen. Viele können einfach nicht begreifen, dass ihr Klischee nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Schon bei Thomas von Aquin (gestorben immerhin 1274), dass jeder körperlichen Funktion ein positives Gefühl beinhaltet: Essen schmeckt gut, Schlafen entspannt und Befriedigung und Sex gehören ebenso zusammen. Die Kirche hat nie gepredigt Lust oder Befriedigung sei etwas verwerfliches, sie hat nur gesagt, dass das nicht zum endgültigen Ziel werden darf. Zuerst kommt der Partner, dann die Befriedigung. Alles andere verdinglicht ihn und macht ihm zum Instrument meiner Lust. Wird aber diese Ordnung eingehalten, ist der sexuelle Befriedigung nicht nur natürlich und gut, sondern auch von Gott bewusst gewollt. Denn, „derselbe Schöpfer, der sich in seiner Güte und Weisheit zur Erhaltung des Menschengeschlechtes des Zusammenwirkens von Mann und Frau bedient, die er zur Ehe verbindet, hat es auch so eingerichtet, dass die Ehegatten in der geschlechtlichen Funktion eine Lust und Glückseligkeit in Körper und Geist empfinden. Die Ehegatten tun nichts Schlechtes, wenn sie diese Lust suchen und genießen.“5 Folglich sollen die Eheleute „keine Angst haben … ihrer Zuneigung auch Ausdruck zu verleihen, im Gegenteil, diese Zuneigung ist ja gerade das Fundament ihrer Familie.“6
Aber, wo wirft man oft ein, was ist mit der unbefleckten Jungfrau Maria! Sex ist also Befleckung! Hier müssen wir leider etwas weiter ausholen: wenn die Kirche von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“ spricht, dann bezieht sich das nicht auf die Empfängnis Jesu oder die Jungfräulichkeit Mariens, sondern auf ihre Empfängnis, die auf biologisch normalen Weg geschah. Wovon Maria nicht befleckt ist, ist die Erbsünde, also die angeborene Trennung von der Beziehung zu Gott. Mit Sex hat die Unbefleckte Empfängnis überhaupt nichts zu tun!
Maria ist aber doch Jungfrau, also ist ‚Sexlosigkeit‘ doch gut!“ Ist das ein sinnvolles Argument? Natürlich nicht, denn bei der Jungfräulichkeit Mariens geht es nicht um die Sexualmoral, sondern „zuerst und zuletzt Gnadentheologie, Botschaft davon, wie uns das Heil zukommt.“7 Folgerichtig schrieb Augustinus: „Gesegneter war Maria darin, daß sie Christus im Glauben aufnahm als darin, daß sie Ihn dem Leibe nach empfing.”8 Maria wird wegen ihres übergroßen Glaubens und ihrer Liebe zu Christus, dem Erlöser, wegen verehrt, nicht weil wir eine krude Vorstellung von puritanischer sexueller Reinheit haben. Entscheidend ist ihr Fiat. Als der Engel Gabriel zu ihr kam und ihr verkündete, dass sie die Mutter des Erlösers werden sollte, stand ihr „Ja“, ihr „mir geschehe [lat. Fiat] nach deinem Wort.“ Das ist Mariens Größe: ihr Glaube!

V). Liebe und Sünde:
In den folgenden Teilen, und auch schon im ersten Teil, wird man nicht umgehen können, auf sexuelles Fehlverhalten eingehen zu müssen. Der Christ gerät oft in die Stelle des Moralisten, der den anderen den Spaß kaputt machen will. Dabei geht es der Kirche nicht um irgendeinen Moralkodex, den man sich ausgedacht hat, um die Menschen zu ärgern, sondern um die Caritas in Veritate – die Liebe in Wahrheit. Es geht ihr um echte Liebe. Wenn man One Night Stands verurteilt, dann nicht, weil irgendwelche alten Leute in Rom, die noch nie Sex hatten, jungen Leuten den Spaß kaputt machen wollen, sondern weil sie die Realität dahinter sehen: Sex ohne Liebe, gespielte körperliche Nähe, die keine tatsächliche Basis hat, also unechte Liebe.
Leider haben wir einen falschen Begriff von Liebe (s.o). So hört man oft, als Antwort darauf, wenn man bestimmte Dinge als Sünde bezeichnet, das Argument „Liebe kann keine Sünde sein.“ Das ist pure Semantik. Kaum jemand, der so argumentiert, hat seine eigene These zu Ende gedacht. Ist Ehebruch somit in Ordnung, wenn sich ein Ehemann in die Nachbarin verliebt und mit ihr schläft? Niemand würde diesen Schluss akzeptieren, trotzdem behauptet man, dass z.B Sex vor der Ehe in Ordnung ist, wenn die Partner sich lieben. Liebe oder Verliebtheit ist die notwendige, aber nicht ausreichende Begründung für ethische Sexualität.
Das gleiche gilt für Freiwilligkeit; Freiwilligkeit ist eine notwendige, aber nicht ausreichende Begründung. Armin Meiwes hat einen anderen Menschen, mit dessen ausdrücklicher Zustimmung, getötet und aufgegessen (übrigens war Sexualität ein Teil in diesem Akt). Absurd sind dabei vor allem Linke, die „zu niedrige“ Löhne ablehnen, selbst wenn sie freiwillig zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer ausgehandelt wurden, aber jede Form der Sexualität für gut befinden, solange sie freiwillig ist. Wir machen uns daran gewöhnt die absurdesten Ausnahmen für Sexualität zu machen. Wir geißeln die Gier von Manager, die auf Kosten anderer Millionen Machen, haben aber nicht dagegen, wenn ein Mann mit einer anderen Frau schläft, denn „es ist ja Liebe“. Die Gier eines Managers, die, biologisch betrachtet, ebenso natürlich ist wie der Sexualtrieb wird als Begründung abgelehnt, aber wenn es um Sexualität geht, wachen wir eine Ausnahme.
Bei allen Betrachtungen über die Sexualität müssen wir Christen immer unser Perspektive zurecht rücken: die Sexuallehre ist ein Teil unseres Glauben, den man nicht wegnehmen kann, ebenso wenig wie man das Lukas Evangelium einfach aus der Bibel verbannen kann, aber wir sind keine Moralisten. Es ist wie mit der Hölle. Wenn in jeder Predigt 90% der Redezeit der Hölle vorbehalten sind, ohne über die Erlösung zu reden, läuft etwas falsch. Wenn über die Hölle gepredigt wird, was notwendig ist, dann um uns wach zu ruckeln und vor allem um unsere Liebe zu Jesus, der uns vor Hölle bewahrt hat, zu mehren. Wir sind weder viktorianische Moralisten, noch relativistische Libertinisten. Man kann nicht, wie Kardinal Dolan, den Medien vorwerfen sie, nicht die Kirche, würde immer über die Sexuallehre reden und bekennen, dass man, in den Jahrzehnten als Priester, nie darüber gepredigt habe.
Die Balance ist manchmal schwer zu halten, aber das „Hauptstück der christlichen Ethik [ist die] Entdeckung einer neuen Balance.“9 Sexuelle Sünden sind schlimm und wir sind, als körperliche Wesen, besonders anfällig, aber die „Sünden des Fleisches .. sind nicht die schlimmsten.“10 Keuschheit fällt unter die „Kardinal Tugend der Mäßigung, Leidenschaften und das sinnliche Begehren des Menschen mit Vernunft zu durchdringen sucht.“11 Hochmut, die Ursünde, ist viel schlimmer als Maßlosigkeit und viel schwerer zu heilen.
Zur „neuen Balance“ des Christentum gehört ein wichtiger Satz, den man im Kopf haben muss, wenn über jede Sünde geredet wird: den Sünder lieben, die Sünde hassen. Der Unterschied zwischen Kritik und einem Ressentiment ist die Haltung zum Objekt. Ein Kritiker befasst sich immer mit Verhalten, jemand mit einem Ressentiment mit der Person, die immer alles falsch macht. Wenn sie nicht hilft, wird ihr vorgeworfen nicht geholfen zu haben. Tut sie es doch, wird sie dafür beschimpft sich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Anders gesagt: sie hat nur die Wahl zwischen falsch und verkehrt.
Ein Kritiker sagt etwas anderes. Er sagt: „Rauchen ist schädlich für dich.“ Seine Kritik richtet sich auf ein Verhalten, nicht eine Person. Wenn man sagt, dass Rauchen schlecht ist, meint man nicht, dass Raucher schlechte Menschen sind. Niemand würde das glauben. Es käme auch niemand auf den Gedanken, Anti Raucher Gesetze (von denen man halten kann, was man will) mit Rassentrennung zu vergleichen, weil sie sich gegen eine bestimmte Bevölkerungsschicht richten.
In der Sexualität und Ethik wird dagegen ein solcher Schluss immer gezogen. Wenn man Abtreibung ablehnt, hört man oft, ob man denn Abtreibungskliniken in die Luft sprengen wolle. Kritisiert man den Islam, wird einem vorgeworfen man „beleidige die Muslime.“ Hält man Sex vor der Ehe für eine Sünde, lautet die Antwort gleich, ob man denn glaube, dass Gott diese Menschen nicht liebe. Das ist natürlich lächerlich, denn Gott liebt die Person, aber kann ihr Verhalten ablehnen. Gott liebt natürlich jeden Menschen, als sein Geschöpf. Trotzdem findet er Morden nicht gut. Niemand würde einem Richter vorwerfen, er hasste den Angeklagten als Person, weil er ihn verurteilt.
Darum geht es aber nicht. Liebe, Anerkennung und auch Toleranz „gelten immer allein für Personen, nicht für Prinzipien“12 oder Verhalten. Das muss nicht nur an die Nicht-Christen, sondern oft leider auch und gerade an Christen gesagt werden. Wenn die Westboro Baptist Church Schilder hochhält, auf denen zu lesen ist : „God hates Fags“ („Gott hasst Schwuchteln“), dann versteht diese „Kirche“ das Christentum ebenso wenig, wie der durchschnittliche Kirchenkritiker.
Jesus zeigte gerade der Ehebrecherin gegenüber Gnade und predigte: „Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ (Mt.21:31). Aber wieder: weil Jesus den Menschen liebt, heißt das nicht, wie oft behauptet, dass sein Verhalten egal wäre, nach dem Motto: „Gott liebt alle Menschen, also ist es egal ob sie nach der christlichen Lehre leben.“ Nein! Person und Verhalten kann man nicht vermengen. Jesus sagte zu der Ehebrecherin nicht: „Liebe ist keine Sünde und Sex ist in Ordnung, solange er freiwillig ist und Spaß macht.“ Er sagte zu ihr: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh.8:11) Darum geht es: ich liebe dich als Person und darum will ich, dass du das richtige tust. Wozu soll es denn die Beichte geben, wenn Verhalten egal ist, oder Menschen, wenn sie z.B Sex vor der Ehe hatten, von Gott verhasst sind? Sünden können nicht vergeben, werden sie keine sind und Vergebung ist sowieso unmöglich, wenn Gott Sünden sowieso nicht vergibt. Es ist aber anders: Gott liebt die Person und kann daher ihr Verhalten ablehnen. Darum bietet er seine Vergebung. ‚Du hast es verpatzt, aber ich helfe dir. Wir versuchen es noch mal.‘ Das müssen wir im Kopf behalten. Wer Sünde ohne Vergebung predigt, wer die Liebe Gottes ohne die väterliche Sorge um Fehlverhalten denkt, versteht weder das Christentum, noch die Liebe.

Literatur:
Benedikt XVI – Caritas Deus Est, 2005
Benedikt XVI/ Joseph Ratzinger – Einführung in das Christentum, Weltbild, Neuausgabe, Augsburg, 2000
Clive Staples Lewis – Pardon, ich bin Christ, Brunnen Verlag, 19. Taschenbuchaufgabe, Basel, 2008
Gilbert Keith Chesterton – Orthodoxie, Fe Medienverlag, Kißlegg, 2011
Hilda Graef – Maria. Eine Geschichte der Lehre und Verehrung, Herder, Freiburg im Breisgau, 1964
Josefmaría Escrivá – Christus begegnen, 1978 [?]
Katechismus der Katholischen Kirche, 1997

2 C.S. Lewis – Pardon ich bin Christ, S. 102
3 KKK-2360
4 Benedikt XVI – Caritas deus est, Nr.5
5 Pius XII – Mutterschaft und Geburtenregelung, Ansprache 29. Oktober 1951
6 Josefmaría Escrivá – Christus begegnen, Nr. 25
7 Joseph Ratzinger – Einführung in das Christentum, S. 261
8 Augustinus von Hippo – De sancta Virginitate, 3,3 (zitiert gemäß: Hilda Graef – Maria, S. 93)
9 G.K. Chesterton – Orthodoxie, S. 191
10 C.S. Lewis – Pardon ich bin Christ, S. 99
11 KKK-2341
12 Original: „Tolerance applies only to persons, but never to principles.“ – Fulton J. Sheen (http://catholicforum.fisheaters.com/index.php?topic=2340953.0;wap2)
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