Das Problem mit dem Pazifismus: Ein Kommentar zum D-Day

Gewidmet allen Soldaten, Überlebenden wie Gefallenen, die auf den Schlachtfeldern für die Freiheit gekämpft haben

 

Das erste Problem mit Pazifismus ist der Begriff. Pax (lat. Frieden) ist ein Wert, den jeder, der kein Militarist ist, schätzt. Wenn ich im folgenden begründe, warum ich kein Pazifist bin, dann nicht, weil ich generell für Krieg bin. Krieg ist ein Übel, eine beispiellose Grausamkeit, einer der größten Fehler der menschlichen Natur; jede Politik muss darauf gerichtet sein Krieg zu vermeiden und natürlich müssen friedliche Lösungen und Verhandlungen immer an erster Stelle stehen und voll ausgeschöpft werden.
Der ganze Artikel wäre sinnlos, wenn nicht ein
aber folgen würde. Verhandeln, Gespräche, Deeskalieren und Frieden schließen setzt – und da ist das Problem – Handeln beider Seiten voraus, wenn auch nur eine Seite sich weigert, kann es keinen Frieden geben. Wie soll man auf ein Gegenüber antworten, dass kein Interesse an Frieden hat, den Krieg anstrebt und nichts mehr will, als uns zu vernichten?
Hier bleiben nur zwei Lösungen: Kampf oder Unterwerfung. Wenn ein Gegner, mit Waffengewalt wider uns zieht und an uns Forderungen stellt, können wir ihnen entweder nachgeben oder uns ihm widersetzen. Widerstand kann natürlich auf mehrere Arten gelebt werden. Dazu gehören Demonstrationen, ziviler Widerstand á la Gandhi, Diskussionen sowie politische Mittel wie Verhandlungen und Kompromisse.
Der eigentliche Konfliktpunkt ist nicht,
ob wir diesen Weg gehen, sondern was wir tun, wenn er scheitert. Nachgeben kann keine Antwort sein, wenn wir uns fragen was auf dem Spiel steht. Die Frage ist daher, ob es eine Art rote Linie gibt. Gibt es einen Punkt an dem wir sagen: Bis hier hin und nicht weiter oder geben wir immer nach? Ist Frieden das höchste Gut, Gewaltfreiheit das letzte Prinzip, dem unbedingter Gehorsam zu leisten ist? Wenn wir so denken, plädieren wir im Ernstfall dafür Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegen Frieden zu tauschen. Wir entscheiden uns für unser eigenes Leben anstatt für Gerechtigkeit. Nichts anderes heißt die, uns aus dem Kalten Krieg bekannte, Formel Besser rot als tot – wir wollen keine Gewalt anwenden, um jeden Preis. Um jeden Preis, wollen wir unser Leben behalten, egal wie es aussieht, Hauptsache wir haben es. Auch um den Preis von Freiheit, Gerechtigkeit, Humanität und allem was uns heilig ist, denn nichts ist uns heilig, denn unser Leben.
Ein solcher Pazifismus ist nicht moralisch, sondern egoistisch. Man klammert sich ans Leben und verkauft bereitwillig alles Gute. Dieser Pazifismus ist kein Pazifismus, sondern Survivalismus.
Das zeigt sich auch an der Bereitwilligkeit mit jeder, noch so abscheulichen Diktatur, zu verhandeln, um den Frieden des Status quo zu erhalten. Darin steht weder Moral noch Humanität, denn zu den Millionen Menschen, die versklavt leben müssen, sagt man nichts anderes als: „Gebt eure Träume von Freiheit auf, denn wir wollen unsere eigene Haut zu retten, wir wollen ein Deal mit den Sklavenhaltern machen.“1
Genau diesem Problem sah sich z.B Abraham Lincoln konfrontiert. Er hätte den Krieg verhindern können, indem er darauf verzichtet die Sklaverei zu einem Thema zu machen. Warum sollten die Weißen für die Freiheit der Schwarzen ihr Leben lassen (wie General McCleallan kritisierte)? Nach allem: er war doch frei, er lebte in Frieden, aber „die, die anderen die Freiheit verweigern, verdienen sie selbst nicht.“2
Die Frage ist, ob es etwas wichtiges gibt als Frieden und das schiere Leben. Auf der Bejahung dieser Frage baut Tapferkeit auf, denn echte und tugendhafte Tapferkeit ist zuerst nicht militärische Stärke und Mut, die hatte auch die Waffen-SS, sondern Kampf für das Gute. Darum ist es, bei genauer Betrachtung, falsch von militärischer Tapferkeit z.B der Dritten Reiches, wie es einige getan haben, zu sprechen.

Hätte Robert Bruce zu den Schotten sagen sollen, dass Frieden das höchste Gut sei und sie daher nicht nach Bannockburn gehen sollen, um gegen England zu kämpfen? Hätten die Soldaten von Omaha-Beach den Kampf verweigern sollen, um mit den Deutschen zu diskutieren? Hätten die Marines, die die Flagge auf IwoJima hissten, besser daran getan, zu Hause zu bleiben, und die Japaner in China wüten zu lassen?
Geschichte lehrt uns vieles. Ein
student of history zu sein, erweitert den Horizont und zeigt uns den einzigen Teil der Zeit, den wir kennen: die Vergangenheit, sie kann „uns nicht sagen, was wir tun, wohl aber, was wir lassen müssen.“3 Die Geschichte zeigt uns aber, dass ziviler Ungehorsam nicht immer der Weg sein kann, wenn der Feind von seinem mörderischen Plänen nicht Abstand nehmen will. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass, wenn wir jeden Konflikt vermeiden und Nettigkeit wider unsern Feind üben, dieser „seinen bösen Weg vergessen und lernen wird uns zu lieben.“4 Gandhis Vorschlag die Juden sollten gewaltfreien Widerstand gegen die Nazis üben, ist nur lächerlich.

Die ganze Sache wäre nicht so schwer, wenn wir nicht das Problem eines großen Paradoxons hätten. Hier, wie so oft, sehen wir die „Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“5 In diesem Fall ist es natürlich umgekehrt: die Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Der Pazifist will den Frieden, bekommt aber etwas ganzes anderes, es verhält sich nämlich so, dass eine Politik, „die vom Wunsch nach Frieden dominiert wird, einer von vielen Weg ist, die zum Krieg führen.“6 Denn Nachgiebigkeit provoziert erst den Diktatur und Kriegstreiber zum Handeln. Unser Ruf nach Deeskalation und unsere Bereitschaft zum Kompromiss ist ihr Ansporn.

Die Appeasement-Politik der Chamberlain Regierung in den 30ern hat nicht etwa den Frieden stabilisiert, sondern Hitler gestärkt, indem man jede Aktion gegen das Reich, im Sinne der Deeskalationspolitik, vermieden hat. Als er im Rheinland einmarschierte, das Sudetenland besetzte, den Versailler Vertrag brach, militärisch aufrüstete und die Juden zu verfolgen begann, rief man trotzdem nach Deeskalation und Gesprächen. Gegen das schlechthin Böse, gegen das durch und durch diktatorische und mörderische Regime stellt sich nicht die Frage zwischen Krieg und Frieden, sondern „nur zwischen Kämpfen oder Aufgeben.“7 Wenn der Pazifik zum „Frieden“ votiert, votiert er zur Kapitulation, zur Aufgabe allen was wir für gut und richtig halten. Den Frieden erkauft er mit den Ketten unserer Unfreiheit. Das Resultat dieser Handlung ist nicht Frieden, sondern mehr Gewalt, denn die Diktatur wird Gewalt anwenden.
Darum ist auch das antipazifische Argument man müsse durch Krieg Gewalt verhindern, keine leere Phrase, sondern die einzig logische Taktik. Daher, und das ist die traurige Wahrheit, mit der wir uns, egal ob wir es wollen oder nicht, konfrontiert sehen. Es ist leicht „Frieden schaffen ohne Waffen“ zu rufen, wenn man, freilich nur deshalb weil Menschen eben Frieden schufen durch Waffen, im Frieden lebt. Grässlich ist es dagegen als Soldat Dienst zu tun. Wir, hier im Westen, haben das Privileg nicht mehr in den Krieg ziehen zu müssen. Genau vor 70 Jahren landeten tausende alliierte Soldaten, um auf den Schlachtfeldern Europas zu kämpfen – und zu sterben. Viele Männer, die im Lauf der Geschichte kämpften, waren nicht älter als ich (19): Eugene Sledge erlebte mit 20 seine erste Schlacht auf Peleliu, Franz-Josef Strauß nahm mit 25 am Westfeldzug teil und C.S. Lewis zog mit 19 in den Krieg.
Krieg ist noch nie ausgebrochen, weil die richtige Seite zu stark war oder provoziert hätte. Krieg gab es nie aus Stärken der Gerechten, sondern aus ihrer Schwäche. Darin liegt ein Problem des Pazifismus. Frieden kommt nicht dadurch zu Stande, dass wir aus unseren Schwertern Pflugschare machen, sondern durch unsere Stärke (
Peace through Strength). Hätte Chamberlain Hitler mit Konsequenzen gedroht, wäre er niemals in Sudetenland einmarschiert. Hätte das Kaiserreich Japan Folgen zu erleiden gehabt, als es in China einfiel, hätten nicht Millionen Chinesen sterben müssen – vor allem: hätten die USA nicht dem Isolationismus gefrönt, sondern bereits 1938/39 eine Politik der Stärke gelebt, wäre uns vieles erspart geblieben. Die greast generation wäre größer geblieben…
Die eigentliche Frage aber lautet anders. Das Problem ist nicht, dass unsere Generation fett und faul geworden wäre; wir haben den Glauben an unser Modell verloren, wir haben nichts mehr, dass wir „dem Verlust des eigenen Lebens oder dem anderer Leute gegenüberstellen könnten.“8 Ein libertinistischer Relativmus bringt keine tapferen Kämpfer hervor. Wenn man Wahrheit sowieso für relativ, Moral für subjektiv, Weltanschauungen für indifferent hält, muss das nicht natürlich verwundern.

Das gibt uns die Antwort auf die Frage nach der roten Linie. Relativisten kämpfen nicht, sie kennen keine rote Linien. Wer aber an absolute Gerechtigkeit glaubt, der kann nicht anders, als eine Linie zu haben, über die er nicht hinübergehen kann – er wird lieber kämpfen und sterben, als sie übertreten – und das ist die Gerechtigkeit selbst. Dafür, bedingungslos und selbst unter Einsatz seines Lebens einzutreten, schafft keine Gewaltlosigkeit, darum sagte Christus zu seinen Jüngern: „ … Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.“ (Mt. 10:34f., EÜ)

Nach allem müssen wir daher feststellen, dass das Problem mit dem Pazifismus ein Problem der Werteordnung ist. Frieden ist ein Ziel, ein wichtiges und hohes, aber nicht das höchste. Der Leitsatz und die Lehre aus der Geschichte ist daher nicht „Nie wieder Krieg“, sondern „Nie wieder Ungerechtigkeit, denn Frieden ist auch um den Preis der Gerechtigkeit und der Freiheit zu haben, der „Baum der Freiheit muss aber, von Zeit zu Zeit, mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen getränkt werden.“9
Heißt das, dass wir unseren Wunsch nach Frieden aufgeben müssen, zu Gunsten der Krieges für Gerechtigkeit? Natürlich nicht, denn wahre Gerechtigkeit wird Frieden schaffen, darum ist eine nachgiebige pazifistische Ordnung ein Pseudo-Frieden; erst wenn Gerechtigkeit regiert, wird der Frieden den Thron besteigen. Aus diesem Grund ist eine Haltung, die dem Schweigen der Waffen den Vorzug gibt, dazu verdammt die Schreie des Kampfes herauf zu beschwören.

 

Quellen:
Goethe, Johann Wolfgang von – Faust, online unter: http://www.digbib.org/Johann_Wolfgang_von_Goethe_1749/Faust_I
Jefferson, Thomas – To William S. Smith, online unter: http://www.let.rug.nl/usa/presidents/thomas-jefferson/letters-of-thomas-jefferson/jefl64.php
Lewis, Clive Staples – Ich erlaube mir zu denken. Essays zu zeitgemäßen und unzeitgemäßen Fragen, Brunnen Verlag, 2. Taschenbuchauflage, Basel, 2007
Lincoln, Abraham Letter to Henry L. Pierce and others, online unter: http://www.abrahamlincolnonline.org/lincoln/speeches/pierce.htm
Ortega, Jóse Ortega – Der Aufstand der Massen, 2. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2007
Roberts, Michael – Die Erneuerung des Westens, Europa Verlag A.G., Zürich, 1943
Reagan, Ronald – A Time for Choosing, online unter: http://www.reagan.utexas.edu/archives/reference/timechoosing.html

 

 

1 Ronald Reagan – A Time for Choosing, 1964, Orig. „Give up your dreams of freedom because to save our own skins, we’re willing to make a deal with your slave masters.“
2 Abraham Lincoln – Letter to Henry L. Pierce and others, 1854, Orig. „Those who deny freedom to others, deserve it not for themselves“
3 José Ortega y Gasset – Der Aufstand der Massen, S. 45
4 Ronald Reagan – ebd., Orig. „He’ll forget his evil ways and learn to love us.“
5 Johann Wolfgang von Goethe – Faust I
6 C.S. Lewis – Ich erlaube mir zu denken, S. 16
7 Ronald Reagan – ebd., „Only betwen fight or surrender.“
8 Michael Roberts – Die Erneuerung des Westens, S. 90
9 Thomas Jefferson – To William S. Smith, 1787

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