Texaner und Schwule – Wie man ein Programm falsch liest

Deutschen Journalisten – leider auch ihren amerikanischen Kollegen – fällt es offenbar schwer über Amerika zu berichten – zumindest richtig. Wenn man sich die Artikel der deutschen Zeitungen über die USA ansieht, findet man in jedem zweiten Fehler. Im Wahlkampf 2012 war z.B zu lesen, dass der republikanische Politiker Paul Ryan, gemäß seinem Plan für eine Reform des US-Sozialsystems, die Prämien der Senioren nicht ganz bezuschussen wolle, sodass die Rentner schließlich den Preissteigerung hilflos ausgesetzt wären; dass Paul Ryan genau das Gegenteil davon gesagt hat (steigende Prämien, steigende Unterstützung) kümmerte niemanden. (Siehe dazu meinen Artikel über Rep. Paul Ryan).
Offensichtlich ist man nicht fähig auch nur ein Minimum an Recherche zu leisten oder auch nur die eigenen Behauptung zu belegen; englische Texte zu lesen ist schließlich auch so schwer, vor allem politische Programme.
Diesmal haben wir es wieder mit einer, war es eigentlich je anders, Behauptung gegen die Republikaner zu tun, sogar gegen die Texaner, die ja schließlich ganz böse sind, hatten sie doch George W. Bush als Gouverneur.
Die Behauptung besteht darin, dass die GOP Texas gefordert habe Schwule „heilen“ zu wollen. Leider – und zur Schande der ganzen Zunft – verbreiten fast alle großen Blätter eben diesen Irrtum: ZEIT1, Welt2, FAZ3 usw.; auch die Öffentlich-Rechtlichen schlossen sich dem allgemeinen Protest an.4 Die Überschriften sind alle gleich und alle gleich falsch.

Die texanischen Republikanern haben nicht gefordert, dass man Homosexuelle heilen müsse oder, dass Homosexualität heilbar sei. Die texanischen Republikaner haben sich bloß gegen ein Verbot von freiwilligen Therapien gegen Homosexualität ausgesprochen.


Als Beleg werfen wir einen Blick in das Dokument, auf das sich die Kritiker berufen, nämlich das vorläufige Parteiprogramm („Temporary Platform Committee Report“)5:
“We recognize the legitimacy and value of counseling which offers reparative therapy and treatment to patients who are seeking escape from the homosexual lifestyle. No laws or executive orders shall be imposed to limit or restrict access to this type of therapy.”

Wir erkennen die Zulässigkeit und den Wert von Beratungen an, welche reparativeTherapy6 und Behandlung für Patienten anbieten, die einen Ausweg aus ihrem homosexuellen Lifestyle suchen. Kein Gesetze oder Executive Orders7 sollen erlassen werden, die den Zugang zu dieser Art von Therapie limitieren oder beschränken.“ (Eigene Übersetzung)
Ich zitiere absichtlich den Originaltext und meine Übersetzung, weil die Übersetzung der Tagesschau, die von den erwähnten Zeitungen im wesentlichen übernommen wurde, große Mängel aufweist. Ich will dem Leser die Möglichkeit geben die Quelle selbst zu prüfen. Die Tagesschau übersetzt freilich den Text (genauer gesagt einen Ausschnitt davon) so:
„die Legitimität und Effektivität der Beratung an, die wiedergutmachende Therapie und Behandlungen für jene Patienten anbietet, die nach einer Heilung und Ganzheit von ihrem homosexuellen Lebensstil streben.“ (Tagesschau ebd.) Das Wort „value“ wird fälschlicherweise mit „Effektivität“ übersetzt, das Wort „Heilung“ wird eingesetzt, obwohl dort „escape“ steht. Der Eigenname „reperative Therapy“ wird ebenso falsch mit wiedergutmachender Therapie übersetzt und das Wort „Ganzheit“, das an sich keinen Sinn macht, findet im Original keine Entsprechung.

Zurück nach Amerika. In einigen US-Bundesstaaten existieren bereits Verbote gegen die Ex-Gay Therapien, z.B Kalifornien. Gegen diese rechtlichen Verbote spricht sich die GOP Texas aus. Die Unterscheidung zwischen legal und legitim sollte man eigentlich kennen. In Deutschland ist die NPD auch legal und es gibt genug Leute, deren Meinung ich übrigens teile, die gegen ein Verbot der NPD sind. Sind das jetzt alle Faschisten?
Bedenken sollte man auch, dass sich der Text bloß auf Personen bezieht, die ausdrücklich eine Änderung ihrer sexuellen Orientierung (ob das möglich, sinnlos oder gut ist, ist eigentlich egal) wünschen, also kein Zwang ausgeübt wird.
Ist die Entscheidung der GOP Texas richtig? Im meinen Augen ja; eigentlich ist die ganze Debatte unnötig und lächerlich. Menschen bezahlen für die lächerlichsten Dinge, die legal sind. In einem Land, in dem sündhaft teures Sterndeuten, Hellsehen und Kartenlegen legal ist, kann sich wohl kaum beschweren, vor allem wenn man sich die absurden Therapiemethoden anschaut: Homöopathie, Heilteens, Reiki usw. Unabhängig davon, ob man den Versuch Homosexuelle zu therapieren für abwegig hält, muss man sich doch die Frage stellen, ob man ihn verbieten muss. Ich sage klar nein. Wenn Homosexuelle sich gerne therapieren lassen wollen, sollen sie das bitte tun, genauso wie Leute meinen sich gesund meditieren zu müssen. Ob man der Meinung ist, dass man Homosexualität „heilen“ kann oder nicht, ist in diesem Kontext völlig egal; wie gesagt: man kann auch Homöopathie für sinn- und wirkungslos halten, aber trotzdem gegen ein Verbot sein. Es geht eben um die Frage, ob man Menschen, mit der Gewalt von Gesetzen, von Verhaltensweisen abbringen soll, die man für idiotisch hält.
Die Therapie ist freiwillig; kein Therapeut entführt Homosexuelle, um sie von ihrer sexuellen Orientierung zu befreien. Kein Homosexueller wird gezwungen irgendwas zu tun. In meinen Augen wäre daher etwas mehr Gelassenheit notwendig. Eigentlich hätte man diesen Punkt gar nichts in Parteiprogramm aufnehmen sollen, weil es einfach unnötig ist.
Für die Linken, die sich in den USA witzigerweise sogar Liberals nennen, die von sich immer behaupten für Toleranz zu stehen, ist das ein ziemlich merkwürdiges Votum, wäre nicht 2014 – Wahljahr. Die Demokraten sehen sich genötigt immer wieder den Krieg gegen eine bestimmte Gruppe zu beklagen. Mal ist es der Krieg gegen die Frauen, dann gegen hispanische Einwanderer, dann gegen Schwarze, dann gehen Arme; heute sind es eben die Homosexuellen.
Die deutschen Zeitungen erweisen sich, wie sooft in diesen Fragen, als unkritisch und außer Stande die eigenen Quellen zu überprüfen. Für die Zukunft der Journalisten eigentlich eine Schande, da doch Belege und kritisches Denken als Tugenden des Journalismus gelten.

 

1 „Republikaner beschließen „Heilung“ für Homosexuelle“ – http://www.zeit.de/politik/2014-06/republikaner-texas-homosexualitaet
2 „Republikaner wollen Schwule mit Therapien „heilen“.“ – http://www.welt.de/politik/ausland/article128870437/Republikaner-wollen-Schwule-mit-Therapien-heilen.html
3 http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/texas-republikaner-fordern-therapien-fuer-homosexuelle-12980855.html
4 http://www.tagesschau.de/ausland/republikanertexas-100.html
5 Verfügbar unter: https://www.documentcloud.org/documents/1182339-temporary
6 „reparative therapy“ ist ein Eigenname und bezeichnet Therapienformen, die darauf abzielen die homosexuelle Neigung der Kunden zu ändern
7 „Executive Orders“ bezeichnen Anordnungen bzw. Dekrete des Präsidenten oder der Gouverneure

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