Mythen über Milton Friedman: Wie seine Ideen verdreht werden

(Sofern nicht anders angegeben sind alle zitierten Werke von Milton Friedman selbst)

Inhalt:
Einführung
„Friedman wollte keine Hilfe für die Armen.“
„Friedman favorisierte Steuersenkungen für Reiche.“
„Friedmans Ideen waren für die Argentinien-Krise verantwortlich.“
„Friedman war gegen Umweltschutz.“
„Friedman huldigte dem Laissez-faire und glaubte, dass der Markt alle Probleme lösen werde.“
„Friedman predigte Egoismus.“
„Friedman kooperierte mit dem chilenischen Pinochet Regime.“
„Friedman war Advokat der Konzerne.“
Literatur


Einführung:
Nicht erst seit der Finanzkrise ist Kritik an liberalen Ökonomen, wobei man eher von unbelegten Behauptungen und Werturteilen sprechen muss, populär. Dabei gibt es nicht nur eine Art feststehenden Kanon der Kritik, sondern auch immer wieder die gleichen Person, die sich dieser Kritik ausgesetzt sehen. Darunter fallen oft genug Adam Smith, F.A. Hayek und auch der Chicagoer Ökonom Milton Friedman. Im folgenden wollen wir einige Mythen widerlegen, die über diesen Streiter der Freiheit im Umlauf sind. Wir werden feststellen, dass, wie so oft, die Ideen von liberalen Ökonomen missverstanden und oder so verdreht werden, dass sie genau das Gegenteil der eigentlichen Meinung der betreffenden Person widerspiegeln.

Friedman wollte keine Hilfe für die Armen.“
Ein besonders populärer Vorwurf, dem sich viele Marktwirtschaftler ausgesetzt sehen, ist, dass man keine Hilfe für die Armen will. So ist aus Friedmans Kritik am Wohlfahrtsstaat abgeleitet worden, dass er gegen jede Hilfe sei. Dabei reicht ein Blick in seine Werke, um diesen Vorwurf widerlegt zu sehen, denn er fordert dort eine negative Einkommenssteuer1, also ein Modell, in dem jeder ein Mindestmaß an sozialer Unterstützung (eben eine negative Steuer) bekommt. Es geht also nicht um ein ob, sondern um ein wie. Er betont auch, dass es keine „Diskrepanz zwischen dem System des freien Marktes und dem Streben nach sozialen und kulturellen Zielen [gibt]. Es gibt auch keinen Widerspruch zwischen einem freien Marktsystem und dem Mitgefühl für die weniger Erfolgreichen.“2
Friedmans Analyse kritisiert den Wohlfahrtsstaat gerade dahingehend, dass er den Armen nicht hilft, sondern einer neuen Klasse von Bürokraten, Politikern und Akademikern, deren „Aktivitäten für die Gleichheit“ sich als eine „wirksame Methode, … hoh[e] Einkommen zu erzielen“3 entpuppt.
Er kritisiert den Wohlfahrtstaat auch nicht, weil er auf Mitgefühl aufbaut, sondern weil es genau das Gegenteil ist, denn wir (nicht ein abstraktes Gebilde Staat, Sozialamt oder Wohlfahrtsstaat) hat Verantwortungen für unsere Nächsten.4

Friedman favorisierte Steuersenkungen für Reiche.“
In der steuerpolitischen Debatte wird kaum ein Vorwurf öfter erhoben, als der, dass die Liberalen die Steuern „für die Reichen“ senken wollen. Friedman wollte Steuersenkungen in jeder Situation, für jeden, egal für welchen Grund.5 Er war generell für Steuersenkungen; er wollte die Steuern senken für jeden, nicht für Reiche.
Friedman favorisierte eine sogenannte Flat Tax, also ein Modell, in dem jeder, nach einem Steuerfreibetrag, den gleichen Satz (nicht Summe!) zahlt, also z.B 25%. Würde man diese Forderung, kombiniert mit Streichung der „Sonderbehandlung von Kapital …. [und] zahlreicher Absetzungsmöglichkeiten“6 würde Warren Buffet nicht mehr einen geringeren Steuersatz als seine Sekretärin zahlen; er würde auf den Cent genau so viel mehr Steuern zahlen, wie er Einkommen hat. Allein die Reduktion von Absetzungsmöglichkeiten – besonders empfindlich für die Reichen wäre die Privilegien des Öls7 würden die Reichen, die heute deshalb nur wenige Prozentzahlen, selbst bei einer geringen Flat Tax das Vielfache von dem zahlen, was sie heute – bei hohen Sätzen – zahlen.
Zudem wollte Friedman den Steuerfreibetrag verdoppeln8, was allen Steuerzahlern, auch den Armen zu Gute kommt. Besonders sozial war aber die Forderung der Abschaffung der Kalten Progression. Durch Indexierung, also die Maßnahme „die Steuer an die Inflation an[zu]passen“9, hätte der Staat keine automatischen Steuererhöhungen mehr, die Mittel- und Unterschicht treffen, nicht aber die Reichen.

Friedmans Ideen waren für die Argentinien-Krise verantwortlich.“
Oft wird einer Gruppe von argentinischen Ökonomen, die an der Chicagoer Universität studiert haben (und daher „Chicago Boys“ genannt wurden) für die Argentinien-Krise verantwortlich gemacht. Dabei war es die Missachtung von Friedmans Lehren, die zu dieser Krise führten, denn der Auslöser dieser Finanzkrise waren feste Wechselkurse; die Regierung band den Wert des Peso an den US-Dollar, was zu einer Überbewertung des Peso führte. Dagegen hat Friedman „flexible Wechselkurse [als] … die marktwirtschaftliche Lösung“10 bezeichnet und ist gerade für diese währungspolitische Position, neben dem Monetarismus, bekannt.

Friedman war gegen Umweltschutz.“
Der Ökonom James Tobin warf Friedman war, dass, so gibt der SPIEGEL Tobins Meinung wieder, „freiwillig[e] Absprachen“11, welche Friedman angeblich fordere, die Umweltverschmutzung nicht lösen könnten. Dem würde Friedman zustimmen!
Friedman war der Meinung, dass bei Schädigungen Dritter durch Unternehmen (sogenannte „externe Effekte“), in diesem Fall der Umwelt, der Markt nicht richtig wirken kann, denn „wenn Sie giftige Abgase emittieren, die mich verletzten, ist es für mich schwierig, herauszufinden, wer der Urheber ist … Dieses Problem kann auch der Markt nicht lösen. Die Entscheidung muß also durch staatliche Regelungen getroffen werden.“12 Ebenso wie beim Sozialstaat ging es nicht um ein ob, sondern um ein wie. Er war der Meinung, dass Steuern (sogenannte „Pigou-Steuer“), „die Umweltverschmutzung wirksamer und billiger reduziert“13 als große Bürokratien und viele Regulierungen.

Friedman huldigte dem Laissez-faire und glaubte, dass der Markt alle Probleme lösen werde.“
Auch hier genügt wieder ein kurzer Blick in die Schriften Friedmans, um die Absurdität des Vorwurfs zu sehen. Friedman sah, wie oben bereits darstellt, in der Bekämpfung der Umweltverschmutzung eine staatliche Aufgabe. Auch die Unterstützung der Armen, durch eine Negative Einkommenssteuer, kommt für ihn dem Staat zu.
In der Definition von Eigentumsrechten14, der Regulierung von technischen Monopolen15 und der Übernahme solcher Projekte durch den Staat, die sich nicht privat finanzieren lassen16 sah er ebenso eine Staatsaufgabe. Von Marktradikalismus, gar Marktgläubigkeit, kann man dem Agnostiker Friedman nicht unterstellen.

Friedman predigte Egoismus.“
Es ist allgemein ein großes Missverständnis, dass liberale Ökonomen Egoismus predigen würden. Auch Friedman wies darauf hin, dass „Eigennutz [nicht] kurzsichtige Selbstsucht“ ist, sondern „genau das, was die Teilnehmer interessiert. […] Der Wissenschaftler, der zu den Grenzen seiner Disziplin vordringen möchte, der Missionar, der versucht, die Ungläubigen zum wahren Glauben zu bekehren, der Philanthrop, der versucht, die Notleiden zu erquicken – sie alle verfolgen ihre eigenen Interessen.“17 Mit Eigeninteresse sind also einfach die eigenen Ziele gemeint, ob sie altruistisch, ethisch oder eben egoistisch sind. Die Marktwirtschaft macht es möglich die Interessen zu koordinieren, darum geht es bei der unsichtbaren Hand von Adam Smith, nicht um ein Plädoyer für Egoismus.

Friedman kooperierte mit dem chilenischen Pinochet Regime.“
Wohl der widerlichste Vorwurf, der Friedman je gemacht worden ist, ist, dass er mit den Pinochet Regime kooperiert habe. In der schwersten Form des Argumentes wird unterstellt, dass es Friedman nur um Liberalisierung, nicht um Menschenrechte ging, er also ein Ökonomist war.
Milton Friedman gab an der katholischen Universität von Chile in Santiago, mit der die Chicagoer Universität seit Jahren eine Kooperation unterhielt, einen Vortrag, in dem er sich für politische und wirtschaftliche Freiheit aussprach.18 Betont werden muss auch, dass Friedman nicht auf Einladung des Staates oder gar Pinochets kam, sondern auf private Einladung.
Friedman traf 1975 in einem sehr kurzem Gespräch den chilenischen Diktatur und schrieb ihm später einen Brief, in dem er Pinochet Liberalisierung empfahl. Er war nie, wie manchmal behauptet, ein Berater der Regierung. Er lehnte sogar ein Honorar für seine Vorträge an der Universität von Santiago ab.19 Friedman bezeichnete das politische System Chiles zu dieser Zeit ausdrücklich als ein „schreckliches … Regime.“20
Friedman trat freilich nicht nur aus ökonomischen Gründen – die man als reicher Europäer immer so gerne hin wegwischt, obwohl damit auch die Befreiung aus Armut gemeint ist – ein, sondern auch, weil er der Meinung war, dass auf ökonomische Freiheit bald auch politische folgen werde, denn der „Kapitalismus und die Existenz von privatem Eigentum [sind] … ein gewisses Gegengewicht gegen die zentrale Staatsgewalt.“21 Seiner Meinung nach würde die Bürger, wenn sie erst einmal im Wirtschaftlichen gesehen haben, dass sie frei sein können und eben nicht auf die Befehle des großen Führers angewiesen sind, auch Freiheit in anderen Bereichen fordern. Er war also der Meinung, dass „freie Märkte die politische Zentralisierung und politische Kontrolle unterminieren.“22

Friedman war Advokat der Konzerne.“
Schon seit Marx werden Marktwirtschaftler sofort zu Unterstützern der Bourgeoisie abgestempelt, dabei hat Friedman ausdrücklich betont, dass er eben nicht für die Interessen der Unternehmen, sondern für den Markt ist23, wobei schon Adam Smith wusste, dass die Unternehmer den Markt nicht mögen.
Friedman sah sogar in einer „unheiligen Allianz“ zwischen ehrlichen Idealisten und bösartigen Unternehmern eine ernste Gefahr für die Freiheit24; er wusste, dass Unternehmer Wettbewerb und Marktwirtschaft nicht mögen, denn „der Geschäftsmann ist für freie Unternehmertum bei jedem anderen mit Ausnahme vom ihm selbst …. er drängt auf Regierungsbeistand.“25 Er kritisierte ausdrücklich die Ölindustrie, die, wenn es ihr nützt nach „Importquoten [ruft] … [um] ihre Preise hoch zu halten. Dabei preisen sie dann immer die Tugenden des freien Unternehmertums.“26
Der Chicagoer Ökonom favorisierte die Abschaffung vieler Programme, die Konzernen bzw. Reichen helfen: die schon erwähnten Steuervorteile, nebst der „Aufhebung der amerikanischen Handelsbeschränkungen“27, die, wie z.b die Stahlzölle, vor allem Konkurrenz reduzieren und Konzernen helfen, die Bevorzugung von Reichen in der Rentenversicherung28, die Subventionen der Bildung für Kinder reicher Eltern29, Privilegien für die Ölindustrie30, Lizenzierung31 usw. Für ihn waren „auch“ Eingriffe zu Gunsten der Unternehmen ein illegitimer Eingriff in den Markt.
Milton Friedman war also genau das Gegenteil eines Advokaten der Konzerne. Er sah, wie viele Liberale, gerade in Unternehmen eine Gefahr für die Freiheit, wenn sie besondere Privilegien haben wollen.
Man kann es nur wiederholen: er war nicht arbeitgebernah oder konzernfreundlich, sondern für freie Marktwirtschaft. Das heißt aber keine Privilegien für niemanden, keine staatlichen Hilfen und Vorrechte, sondern Freiheit, Wettbewerb, persönliche Verantwortung und Haftung – also alles das, was Konzerne gerne vermeiden möchten.


Literatur:
Milton und Rose Friedman – Chancen, die ich meine. Ein persönliches Bekenntnis, Ungekürzte Ausgabe, Ullstein, Frankfurt, 1983
Milton Friedman – Es gibt nichts umsonst. Warum in jeder Volkswirtschaft jede Mark verdient werden muß, Verlag Moderne Industrie, München, 1979
Milton Friedman – Kapitalismus und Freiheit, 7. Auflage, Piper, München, 2010

1 Chancen die ich meine, S. 137f.; Kapitalismus und Freiheit, S. 227f.; Es gibt nichts umsonst, S. 39f.
2 Chancen die ich meine, S. 154
3 Chancen die ich meine, S. 159
4 Responsibility to the Poor, online unter: http://www.youtube.co/watch?v=Rls8H6MktrA
5 I am in favor of cutting taxes under any circumstances and for any excuse, for any reason, whenever it’s possible.“ – https://bfi.uchicago.edu/post/milton-friedman-his-own-words
6 Kapitalismus und Freiheit, S. 207
7 Kapitalisms und Freiheit, ebd.
8 Es gibt nichts umsonst, S. 31
9 Es gibt nichts umsonst, S. 87
10 Kapitalismus und Freiheit, S. 90
11 US-Wirtschaft: Radikale Ratschläge (SPpiegel 48/1980); online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14330974.html
12 Es gibt nichts umsonst, S. 24 [Hervorhebung von mir]
13 Chancen die ich meine, S. 235
14 Kapitalismus und Freiheit, S. 50
15 Kapitalismus und Freiheit, S. 52f.
16 Chancen die ich meine, S. 41; Kapitalismus und Freiheit, S. 54
17 Chancen die ich meine, S. 39
18 PBS Interview „On Freedom and Free Markets“, online unter: http://www.pbs.org/wgbh/commandingheights/shared/minitextlo/int_miltonfriedman.html#10
19 Reason TV – Johan Norberg vs. Naomi Klein and The Shock Doctrine, online unter: http://www.youtube.com/watch?v=tqLAYg6pDGg
20 Milton Friedman — Economic Freedom, Human Freedom, Political Freedom, online unter: http://www.cbe.csueastbay.edu/~sbesc/frlect.html
21 Kapitalismus und Freiheit, S. 33
22 PBS Interview „On Freedom and Free Markets“, online unter: http://www.pbs.org/wgbh/commandingheights/shared/minitextlo/int_miltonfriedman.html#10; Orig. „that free markets would undermine political centralization and political control“
23 „I’m not pro business. I’m pro free enterprise, which is a very different thing.“ – http://www.forbes.com/sites/artcarden/2010/09/20/free-market-doesnt-mean-pro-business/
24 Chancen die ich meine, S. 219
25 Es gibt nichts umsonst, S. 188
26 Es gibt nichts umsonst, S. 24
27 Kapitalismus und Freiheit, S. 94
28 Es gibt nichts umsonst, S. 28
29 Es gibt nichts umsonst, S. 21
30 Chancen die ich meine, S. 238
31 Kapitalismus und Freiheit, S. 169ff.; Chancen die ich meine, S. 205ff.

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