Contra Secessionem Scotticam

Inhalt:
Die Entstehung der Union:
Die Britische Nation:
Wirtschaftliche Heuchelei:
Abspaltung und Rechte:
Wer siegt beim Referendum?

Am 18. September 2014, drei Jahrhunderte nach der Vereinigung, findet ein Referendum darüber statt, ob Schottland sich abspalten und einen eigenen Staat bilden soll. Dieses Ereignis verdient eine eingehende Betrachtung:

Die Entstehung der Union:
Viele missverstehen wie die Union entstand. Viele glauben, dass es eine englische Eroberung a la Bravehart war. Der Umstand im deutschen Sprachraum nur von England statt vom Vereinigten Königreich zu sprechen unterstreicht diesem Umstand.
England hat Schottland nicht erobert und als Landesteil angegliedert. Das Unionsgesetz 1707 (engl. Act of Union) wurde von beiden, dem englischen und dem schottischen, Parlamenten verabschiedet. Es liegt also keine Eroberung, sondern eine Vereinigung (Union eben) vor. Die Vereinigung beider Länder ist vergleichbar mit der Gründung des Norddeutschen Bundes und später des Reiches, die beide mit Zustimmung der jeweiligen deutschen Staaten vor sich ging. Wir haben es also weder mit einem Anschluss, einer Eroberung, einer Besatzung oder ähnlichem zu tun. Schottland fiel nicht an England oder die englische Krone (wenn überhaupt fiel die englische Krone an das schottische Haus Stuart, s.u.). Darum ist es eigentlich merkwürdig von Sezession, Souveränität oder gar Unabhängigkeit zu sprechen. Das ist eine Terminologie, die auf Kolonien passt, nicht aber auf die freiwillige Vereinigung von zwei Staaten.
Oft wird kritisiert, dass die schottischen Abgeordneten nur zustimmten, weil der schottische Staat durch das Darién-Projekt fast Pleite war und man in der Union die Möglichkeit sah die persönlichen Kosten entschädigt zu bekommen.Das vergisst jedoch die Personalunion, die es schon hundert Jahre vor dem Act of Union gab. Das Haus Stuart stellte seit 1381 die schottischen Könige und ab 1603 auch das englische Königshaus. Schon hunderte Jahre lang bestand eine gewisse Einheit. Die tatsächliche, politische Union war daher nahe. 1707 war folglich auch nicht der einzige Versuch eine Union zu errichten.
Generell ist die Argumentation absurd. Selbst eine gewaltsame Einigung kann nicht die Begründung liefern. Es gibt kaum einen Staat auf dieser Erde, der nicht durch Gewalt entstanden bzw. sein Territorium erweitert hätte: Russland entstand dadurch, dass das Fürstentum Moskau alle anderen slawischen Staaten eroberte, Giuseppe Garibaldi vereinigte mit Krieg die italienischen Staaten zum Nationalstaat, England entstand dadurch, dass Alfred der Große die anderen Angelsachsen und Wikinger besiegte. Schottland bestand, bis zu seiner Vereinigung, aus vier Königreichen. Ein Stamm, die Scoten, waren kulturell dominant und gälisierten den anderen großen Stamm, die Pikten.
Muss daraus gefolgert werden, dass alle diese Vereinigungen Unrecht und die daraus entstandenen Nationen gar keine sind? Das heißt natürlich nicht, dass die Umstände unter denen Staaten entstehen egal sind und die Eroberung eines Gebietes durch ein anderes nicht zu hinterfragen ist. Nur kann dieser Umstand (der hier nicht mal der Fall ist, weil die Union von Parlamenten beschlossen wurde) kein gewichtiges Argument sein, vor allem wenn sich bereits ein gemeinsames Nationalbewusstsein herausgebildet hat.

Die Britische Nation:
Wohl das größte sprachliche Problem besteht darin, einen Unterschied zu machen zwischen Briten und Schotten. Bei der Dummheit einiger schottischer Nationalisten, die die Briten raus aus Schottland rfufen, muss man schon fast lachen, denn Schotten sind Briten. Anders als die Umgangssprache suggeriert, heißt die Insel nicht England, sondern Großbritannien und besteht aus drei Landesteilen: England, Wales und Schottland. Schotten sind schon, geographisch betrachtet, per definitionem Briten, ebenso wie Norwegen per definitionem Skandinavier sind.
Trotz aller sprachlich-kultureller Unterschiede bilden alle drei Gruppen (und Nordirland) die britische Nation, die durch Kultur, Sprache, die Krone, Geschichte usw. vereint ist. Die kulturellen Unterschiede sind ebenso wie das Bayerntum Differenzierungen innerhalb einer Nation, schließlich heißt es Vereinigtes Königreich und Bundesrepublik.
Dass es sich hier um eine wahre Nation und ein wahres Volk handelt wird klar, wenn wir uns einige berühmte Persönlichkeiten ansehen: C.S. Lewis (nordirisch-walisisch), Arthur Wellesley (englisch-irisch), Lord Kitchener (in Irland geboren), Douglas Haig (schottisch), usw. Die beiden Premierminister vor Cameron waren Schotten, was die These einer Unterdrückung der Schotten widerlegt.
100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg muss ich daran denken, ob wohl die Soldaten im Schützengraben einen Unterschied gemacht haben zwischen Schotten und Engländer oder waren es nicht alle Briten? Hat irgendein Schotte, wenn er den Union Jack ansah, gedacht, dass er nur für das blaue und weiße eintritt? Die britische Nation, schon geschlossen durch Kultur, Staat, Mentalität, Sprache usw., wurde endgültig zusammen geschweißt durch die tausenden Männer, die für diese Nation als Briten starben. Wer kann bezweifeln, dass es sich um eine Nation handelt, wenn Millionen auf den Schlachtfeldern in hunderten Kriegen – Krimkrieg, Koalitionskriege, zwei Weltkriege usw. – starben, für die Flagge und dieses vereinigte Königreich?
Der Umstand, dass es vorher zwei Völker waren, kann nicht als Argument ins Feld geführt werden, gibt es doch immer eine Entstehungsgeschichte. Bevor es Schotten gab, gab es auch Skoten und Pikten, die sich früher nicht als Volk empfanden. Heute erfüllen die Briten alle Merkmale einer Nation; sie sind ein Volk.

Wirtschaftliche Heuchelei:
Bedauerlich am Separatismus ist, dass er oft nicht aus dem Wunsch nach kultureller Eigenständigkeit und Freiheit den Großteil sein Feuers nimmt, sondern aus Egoismus. Es ist auffällig, dass in Europa vor allem die reichen Provinzen ihre Abspaltung wünschen. Wenn man sich subventionieren lässt, sinkt der Wunsch nach Unabhängigkeit, muss man dagegen zahlen, ruft man schnell nach Separation.
Im Falle Schottlands ist es nicht anders. Vor den Ölfunden in der Nordsee war das Land stark von Subventionen aus dem Süden abhängig. Freilich war zu dieser Zeit die separatistische SNP noch nicht stärkte Kraft. Als man das Öl fand rief die SNP: „It’s Scotland’s Oil“ („Es ist Schottlands Öl“) und vervielfachte damit die Stimmen, bis man den Ministerpräsidenten von Schottland stellen konnte. Die Widerwärtigkeit dieser nationalistischen Propaganda ist offenkundig. Geld aus den England nimmt man gern, vor allem wenn es hilft die Ölförderung in der Nordsee voranzutreiben, aber wenn man Öl hat, will man es nur für sich. Was hätte die SNP gesagt, wenn die Engländer vor den 70ern geklagt hätten: „It’s Englands’s Money!“ („Es ist Englands Geld“) Man hätte wahrscheinlich von Schottenfeindlichkeit gesporchen.
Es ist natürlich richtig, dass Mechanismen wie der deutsche Länderfinanzausgleich und seine ausländischen Pendants nachteilig sind (als Neoliberaler bin ich mir dieser Tatsache bewusst), aber nationalistisches Gefasel ist die genau falsche Antwort. Wenn man der „mein Land zuerst“ Ideologie folgt, muss man so handeln wie das österreichische Bundesland Kärnten, das Haftungen für die später verkaufte Landesbank übernahm, die den eigenen Landesetat überstiegen. Als die Haftungen schlagend wurde, durfte der Bund einspringen und die Bank verstaatlichen. Anstatt sich dafür zu bedanken, hatte der Ministerpräsident (Landeshauptmann) Gerhard Dörfler die Frechheit sich zu freuen, dass „Kärnten zwei Mal Sieger“1 (Verkauf und Verstaatlichung durch den Bund) sei.
Die richtige und vernünftige Antwort einer Nation auf einen Länderfinanzausgleich bzw. finanzielle Transfers im Allgemeinen liegt darin, sie zu begrenzen, nicht aus Egoismus heraus, sondern um der Nehmer willen, die, wenn man sie subventioniert, niemals aus ihrer Lage herausfinden werden. In allem darüber hinaus – Sozialpolitik, Krisenhilfe, Militär – kann und soll es Transfers geben, die die Solidarität innerhalb eines Staates verlangt.
Wieder einmal präsentiert sich die liberale Lösung als die beste: Föderalismus. Wäre Großbritannien ein föderalistischer Staat, wäre die SNP niemals so stark und der Separatismus nie so populär geworden. Die Schotten hätten nicht über „die da in London“ klagen können, sondern hätten im House of Commons das Organ gesehen, dass die gemeinsamen Interessen aller Briten vertritt und ihnen nützt.

Abspaltung und Rechte:
Äußert man Kritik am schottischen Separatismus, bekommt man oft das Argument entgegengeschleudert, ob man den Schotten das Selbstbestimmungsrecht verweigern wollte. Natürlich nicht. Selbst die Unionisten wollen das nicht, sonst gäbe es nicht die Abstimmung bzw. man würde sie boykottieren, weil sie sowieso nichtig ist. Sie hätte nicht mehr Gewicht als die Proklamation des Königreichs Deutschlands durch „seine Majestät“ Peter Fitzek.
Es besteht ein gewichtiger Unterschied zwischen dürfen und sollen. Es ist auch vollkommen legal mehre „Lausemädchen“ a la Kachelmann zu haben. Ob man das soll oder moralisch legitim ist, ist eine andere Frage als die juristische Legalität. Das Selbstbestimmungsrecht der Schotten schließt auch ein sich für die Union zu entscheiden. Die Idee, dass Selbstbestimmungsrecht notwendigerweise einen eigenen Staat fordere, ist absurd und beschränkt das Selbstbestimmungsrecht, anstatt es zu erweitern.

Wer siegt beim Referendum?
Eine ganz andere Frage ist natürlich wie wahrscheinlich die Abspaltung Schottlands ist. Bis vor kurzem war eine knappe Mehrheit für die Union, jetzt eine dafür. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass die Union gesprengt wird. Die meisten Menschen wollen ihren Alltag leben und empfinden die Union als Selbstverständlichkeit. Zudem sind die Folgewirkungen kaum abzuschätzen: bleibt das Pfund? Würde das Rest-Königreich den Beitritt zur EU verweigern? Was wäre die Folgewirkung auf Europa? Für das Königreich wäre die Abspaltung das Ende der Union (schließlich wurde es erst zum Vereinigten Königreich durch 1707). Es wäre ein Supergau, die größte Katastrophe für das Königreichs seit 1945.
Weder ist die Zukunft eines Staates Schottland klar, noch lassen sich die Folgewirkungen eindeutig voraussehen. Angesichts dessen werden die Schotten wohl besonnen reagieren und für die Union votieren. Ich bin aber freilich ein Pessimist, aber hoffen wir, dass der Pessimismus nicht gewinnt.

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