Nachtrag: Schottland und der Mythos der EU-kritischen Rebellion

Interessant am Schottland-Referendum war nicht das Ereignis selbst (die ganze Nacht bis 6 Uhr auf das Ergebnis warten weniger), sondern auch die Reaktionen im Ausland. Nicht wenige EU-Kritiker, wie einige AfDler, freuten sich und hofften auf einen Paukenschlag gegen Zentralismus und für den Nationalstaat.
Das Problem an dieser Überzeugung ist, dass sie keine Basis hat. Die SNP ist nicht nur nicht EU-kritisch wie AfD oder UKIP, sie ist für mehr Europa! Ein bisschen Recherche hätte da schon ausgereicht. Man hätte z.B das Programm für die Europawahl 2014 lesen können, wo es über das Votum zur Unabhängigkeit heißt: „Indem wir mit Ja stimmten … verhindern wir von der Westminster Regierung, die UKIP Vorurteile begünstigt, aus Europa heraus gedrängt zu werden.“1 Man muss sich klar machen, dass die SNP eine sozialdemokratische Partei ist, die folglich eine „gemeinsame Sozialagenda“2 für die EU fordert und beklagt, dass die „mangelnde Unterstützung der britischen Regierung für die Europäische Jugendgarantie eine Weigerung ist, unsere jungen Leute zu unterstützen.“3
Im Programm zu den schottischen Wahlen 1999 befürwortete die Partei noch den Euro-Beitritt4, wobei die SNP im EU Wahlprogramm von 2014 diese Idee ablehnt.5 Der Telegraph berichtete freilich, dass der Parteivorsitzende Salmond 2009 im spanischen Fernsehen die Euromitgliedschaft als „starkes Argument“ für die Unabhängigkeit angeführt habe.6
Es kann also nicht die Rede davon aus, dass das Referendum ein versuchter Aufstand gegen Brüssel war. Im Gegenteil sogar versprachen sich nicht wenige von der Unabhängigkeit die Möglichkeit sich stärker (!) in die EU zu integrieren. Der SNP Wahlkampfleiter für das Referendum Angus Robertson sprach ausdrücklich davon, dass ein unabhängiges Schottland „mehr integriert“7 in die EU sein werde. Wie schon das Programm sprach er davon, dass „Schottland sich, im Gegensatz zum Vereinigten Königreich, immer als europäische Nation verstanden hat und dies auch in Zukunft tut. Wir sollen, in der Frage der europäischen Union, nicht mit Londons Populismus zu tun haben.“8
Einige Separatisten führen also genau die Trennung von den Londoner Populisten als Argument an und nicht Kritik an der EU. Man will nicht die Rückkehr zum, von Brüssel unabhängigen, Nationalstaat, sondern will sich gerade von der britischen Kritik am der EU emanzipieren, weil man dieser diametral entgegensteht.

1 Orig.: „By voting Yes in thisSeptember’s independence referendum, we can avoid the prospect of Scotland being forcedout of Europe against its will by a Westminster government pandering to ukip prejudices.“ – SNP 2014 European Election Manifesto, S. 3
2 Orig.: „a common social agenda.“ – a.a.O., S. 6
3 Orig.: „The uK government’s failure to support the European Youth Guarantee is denying support to our younger people“ – a.a.O., S. 7
4 „Working on the principle that we will seek to take Scotland into the European Single Currency.“ – SNP Manifesto (http://news.bbc.co.uk/hi/english/static/events/scotland_99/manifestos/snp.htm)
5 „We will retain sterling as our currency and remain a member of the common Travel area.“ – SNP 2014 European Election Manifesto, S. 7
6 Orig.: „In a visit to Spain shortly before the financial crisis in 2009, Mr Salmond told Catalan TV that euro membership was a “strong argument” for independence.“ http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/scotland/9341241/Angus-Robertson-Independent-Scotland-more-integrated-with-Europe.html
7 http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/scotland/9341241/Angus-Robertson-Independent-Scotland-more-integrated-with-Europe.html
8 Orig.: „“Unlike the UK, Scotland has always regarded itself as a European nation and will do so in the future. We don’t want to be associated with London’s populism with regard to the question of European integration” Ebd.

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