Assistierter Suizid: Eine verhängnisvolle ‚Marginalie‘

Die Bundestagsdebatte über Sterbehilfe und der Fall einer krebskranken US-Amerikanern, die den „assistierten Suizid“ in Anspruch nimmt, haben wieder zu einer größeren Beschäftigung mit dem Thema der Euthanasie geführt. Ich verweise, für Sterbehilfe generell, auf meinen Artikeln bezüglich dieser Thematik.
Ich möchte mich heute mit der Frage des assistierten Suizids beschäftigen. Er erscheint einigen als eine Art „dritter Weg“ zwischen einer generellen Ablehnung jedweden Eingriffs in den Sterbeprozess und der Tötung auf Verlangen. Es gibt sogar einige, sonst entschiedene Gegner der Euthanasie, die sich für den assistierten Suizid aussprechen. Ein Beispiel ist Gian Domenico Borasio.1
Zuerst ist es wichtig klar zu definieren. Assistierter Suizid ist von aktiver Sterbehilfe zu unterscheiden. Bei assistiertem Suizid geht es darum, dass der Arzt das Medikament besorgt und dem Patienten zur Verfügung stellt, aber das Patient sie selbst einnimmt. Bei Sterbehilfe injiziert der Mediziner selbst das Mittel. Es geht also um die Frage wer letztlich den entsprechenden Stoff verabreicht: der Patient sich selbst oder der Mediziner dem Patienten.
Man könnte meinen, dass das eine gute Lösung für beide Seiten ist. Der Lebensschütze könnte auf die Idee kommen, dass seinem Anliegen ja Rechenschaft getragen wird, da der Arzt seinen Patienten nicht töten, darum gehe es doch beim Lebensschutz. Der Anhänger der Sterbehilfe kann zufrieden sein, denn jeder kann so sein Leben beenden und hat dazu sogar noch ärztliche Hilfe.
So wunderbar dieser Vorschlag auf den ersten Blick scheint, auf den zweiten Blick offenbaren sich schwerwiegende Widersprüche und eine verhängnisvolle Konsequenz: Wenn schon assistierter Suizid, wieso dann nicht auch Sterbehilfe?

 

Indirekte Tötung:
Allein diese Frage zerstört den ganzen Punkt eines „dritten Weges“, dem auch Lebensschützer zustimmen können, denn es ist immer noch Tötung. Daran führt kein Weg vorbei. Dieser Vorschlag schützt nicht das Leben. Man mag einwenden, dass es sich um eine Selbst-Tötung handelt, folglich also andere ethische Rahmenbedingungen gelten würden, aber das ändert nichts am Tatbestand der Tötung. Der Arzt ist in diesem Modell eben nicht Advokat des Lebens, sondern, wenn auch indirekt, am Mord beteiligt. Er verabreicht zwar nicht das Mittel, gibt es aber dem Patienten in die Hand. Eine Beteiligung an einer Tötung liegt immer noch vor. Es würde auch niemand behaupten, dass es keine unterlassene Hilfeleistung ist, wenn man daneben steht und nichts tut, während sich jemand von einer Brücke stürzt. Man führt zwar nicht den Akt der Tötung durch, ist aber an ihm beteiligt und macht ihn möglich. Zurecht gelten auch Erfüllungsgehilfen und Schreibtischtäter als Täter.

 

Pflicht zum Leben?
Bereits angebrochen wurde, ist der Einwurf, dass Selbstmord vom Mord zu unterscheiden sei. Prof. Borasio schreibt in seinem Werk hierzu: „Was das ‚Recht auf Leben‘ angeht, … so beinhaltet dieses Prinzip … keine ‚Pflicht zum Leben‘, sonst müsste man ja konsequenterweise den Suizid(versuch) wieder unter Strafe stellen.“2 Das Argument, dass es keine Pflicht zum Leben gäbe, ist ein oft gehörtes, aber vollkommen unsinniges Argument. Es würde auch niemand behaupten, dass es keine ‚Pflicht zur körperlichen Unversehrtheit“ gäbe.
Selbst-mord (und um einen Mord handelt es sich) ist nicht deshalb straffrei, weil man davon ausgeht, dass kein Pflicht zum Leben gibt, sondern weil man von der Vermutung ausgeht, dass Menschen, die einem Selbstmord versuchen, nicht im Besitz ihrer vollkommenen Urteilsfähigkeit sind. Man geht davon aus, dass sie z.B depressiv, damit also nicht schuld- und urteilsfähig sind, weshalb sie zum Psychiater, nicht zum Richter kommen. Es geht bei der Legalität des Selbstmordes nicht um eine ethische Grundsatzentscheidung über Pflicht und Recht zum Leben, sondern um ein ‚juristisch-praktische‘ Entscheidung bezüglich der Urteilsfähigkeit.
Schließlich werden auch Mörder, die psychisch gestört sind, nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Es geht daher nicht um die Tat, sondern um die Person und ihre Schuldfähigkeit. Aus der Legalität irgendetwas anderes ableiten zu wollen, außer der rechtsstaatliche Prämisse, dass Menschen, die psychische Probleme haben, nicht zu verurteilen sind, ist absurd und ein logischer Fehlschluss: cum hoc ergo propter hoc.
Ein Argument, dass Prof. Borasio noch anführt besteht darin, dass die „Beihilfe zu einer Tat, die selbst straffrei ist, keine Straftat darstell[t].“3 Eine solche These verkennt, wie oben bereits gesagt, die Gründe für die Legalität des Selbstmordes. Wir haben gesagt, dass der Selbstmörder deshalb straffrei davon kommt, weil von mangelnder Entscheidungsfähigkeit ausgeht, aber das kann nicht für den Helfer gelten! Wer den Revolver lädt und anreicht, kann nicht als ethisches Subjekt empfunden werden. Das gilt auch dann, wenn man, was ich nicht tue, den Selbstmord deshalb für richtig hält, weil man quasi allein mit sich ist, denn sobald man einen Helfer dazu holt, bewegt man sich wieder im Beziehungsgeflecht des menschlichen Daseins. Selbst wenn man meint, dass es ethisch ist sein eigenes Leben zu beenden, daraus folgt doch nicht, dass die Hilfe dazu unter eben dieses Postulat fällt.

 

Eine Grauzone?
Unter dem Titel „Was spricht für eine gesetzliche Regelung?“ führt Prof. Borasio als Argument an: „Das vollständige Fehlen einer gesetzlichen Regelung führt zu einer verbreiterten Unsicherheit darüber, was erlaubt und was verboten ist.“4
Diese Argument vermag keine logische Konsistent zu entfalten, denn aus der reinen Notwendigkeit einer (nicht der) gesetzlichen Regelung, die wir gerne zugeben, lässt sich nicht ein Plädoyer für eine konkrete Regelung ableiten. Eine Grauzone ist dann beseitigt, wenn man die Rechtslage klärt, wie man das tut ist eine ganz andere Frage. Die Einführung der Sterbehilfe beseitigt, ebenso wie die Legalisierung des assistierten Suizid oder bei einem Verbot von beidem, die Grauzone. In jedem Fall ist die Rechtslage geklärt. Würde aber ein Anhänger der Euthanasie eben diesen Argument gegen Borasio selbst benutzen, würde er wohl heftig widersprechen, dass nur die Sterbehilfe-Lösung die Grauzone beseitigt. Es geht freilich nicht darum, ob wir eine Regeln brauchen, sondern wie sie aussieht. Aus dem Sein folgt kein Sollen, aus einer Notwendigkeit nicht eine konkrete Lösung, sondern eine Palette aus der wir wählen können.

 

Offenes Arzt-Patient-Verhältnis?
Viele Patienten wagen es nicht, mit ihren Ärzten über ihre Suizidwünsche zu sprechen – aus Angst, abgewiesen oder im schlimmsten Fall sogar in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Damit geht wertvolle Möglichkeit zur Hilfe in Notlagen verloren.“5 So formuliert Prof. Borasio eins seiner Argumente. Absurd ist dieses Argument allein schon deshalb, weil ein Euthanasie-Anhänger genau die gleiche These aufstellen könnte und, wie Borasio, zufügen würde: „Das Fehlen einer Möglichkeit zur Suizidassistenz führt dazu, dass manche Patienten gewaltsame Suizidformen wählen“6 Dann müsste man auch sagen, dass Sterbehilfe legalisiert werden muss, damit Patienten auch mit ihrem Arzt darüber offen sprechen können. Mal abgesehen davon, dass ein guter Arzt mit solchen Situationen, auch wenn Suizidassistenz illegal ist, umgehen muss. Es wäre doch die Aufgabe des Arztes ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, in dem man mit dem Patienten auch über solche Fragen reden kann. Wenn man dem Arzt derartig misstraut, dass man eine Einweisung in die Psychiatrie fürchten muss, ist etwas mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis insgesamt nicht in Ordnung.
Zu unterstellen, dass ein offenes Verhältnis erst möglich ist, wenn Suizidassistenz legal ist, unterstellt, dass Arzt und Patient auch in seinem solchen Modell nicht offen über die, immer noch illegale, Sterbehilfe reden könnten. Es ist auch überdies absurd zu behaupten, dass der Patient dem Arzt gegenüber seinen Wunsch nicht äußert könnte, sofern der Arzt diesen nicht ausführen kann. Gespräch mit dem Arzt heißt doch auch, dass man mit dem Gegenüber über dieses Thema sprechen kann, ohne diese direkt in die Tat umzusetzen. Ein guter Arzt wäre, als Advokat des Lebens, der er ja nach Vorstellung von z.B Borasio immer noch sein soll, gerade in der Lage mit dem Patienten über dieses schwierige Problem zu sprechen und ihm g.g.f auch die Angst zu nehmen, die vielleicht einen solchen Wunsch speist. Eine guter Palliativarzt wäre auch in der Lage dem Patienten gerade viel von dieser Angst zu nehmen, ihm die Palliativmedizin zu erklären und Lösungen aufzuzeigen.
Andernfalls müsste man behaupten, dass ein Patient nicht dem Psychotherapeut über den Suizidwunsch reden könnte, weil der Psychotherapeut den Wunsch nicht umsetzen darf. Wir sehen aber es als eine Kompetenz des Psychotherapeuten an, dass er in der Lage ist offen mit seinem Patienten zu sprechen und ihm gerade aus diesen dunklen Gedanken heraus hilft und ihm nicht das nächste Dach zeigt.

 

Eine sachliche Debatte?
Ein besonders zynisches Argument hat Prof. Borasio in die Debatte eingebracht, nämlich dass durch die Legalisierung des assistierten Suizids eine „nüchterne, sachgerechte und alle wichtigen Aspekte umfassende Diskussion“7 möglich werden soll. Ziel müsse es sich aus der „tunnelblickartig[en]“8 herauszukommen, um über die „wichtigere[n] Probleme am Lebensende“9 zu sprechen. Besonders interessant ist, wenn er darauf hinweist, dass sowieso nur wenige Menschen derartiges in Anspruch nehmen (z.B Oregon) bzw. dies tun würden.
Ich kann mir kaum ein schlimmeres, menschenunwürdigeres Argument erdenken, denn, dessen mag sich Prof. Borasio nicht bewusst sein, letztlich fordert er die Opferung der wenigen zum Wohle der vielen. Die Debatte konzentriert sich zu sehr auf diesen Aspekt, also müssen wir den Suizid erlauben – die Leute, die ihn an Anspruch nehmen, dem Tod preisgeben – und dann können wir endlich frei und vorurteilsfrei reden.
Um einen Punkt in einer Debatte zu gewinnen, werden menschliche Leben als Preis gezahlt. Ich glaube nicht für eine Sekunde, dass wir damit irgendetwas erkaufen könnten. Wer glaubt denn ernsthaft, dass die Artikel der Sterbehilfe-Freunde sachlicher werden, nur weil die Gegner zugeben, dass assistierter Suizid in Ordnung ist? Ändert dadurch irgendein Euthanasie-Fan seine Meinung? Wieso sollte ein rational denkender Anhänger auch nur irgendwie mehr Sympathie mit der Anti-Euthanasie Argumentation haben, die er, durch eine rationale Diskussion, nicht sowieso haben könnte? Leute, die sowieso für Sterbehilfe sind, werden nicht den Lebensschutz für sich entdecken, sondern die Legalisierung des Suizids als einen Sieg feiern und den Weg bis zu Ende gehen wollen.
Die Debatte wird nicht besser, der Lebensschutz wird keinen Meter an Boden gewinnen, im Gegenteil! Der Sterbehilfe-Anhänger bekommt ein neues Argument: wenn ihr für Suizid seid, wieso dann nicht auch für Sterbehilfe?
Sterbehilfe-Fans, die sowieso rational sind, werden durch dieses Gesetz nicht rationaler; mit ihnen kann man sowieso eine offene und sinnvolle Debatte führen, denn als rationale Menschen haben sie kein solches Gesetz nicht nötig, um vernünftig zu argumentieren. Fanatische Euthanasie-Freude, die mit Sterbefällen hausieren gehen, lügen und nichts weiter zu bieten haben als das Mittel des Polemisierens werden dadurch keinen Deut besser. Wie man durch die Preisgabe an Boden Boden gewinnen will ist mir schleierhaft.
Besonders problematisch ist, dass die Argumente, die zugunsten des assistierten Suizids gemacht werden, auch für Sterbehilfe benutzt werden können. Wenn man darauf verweist, dass, wenn man keine Suizidhilfe hat, die Menschen in die Schweiz fahren, so bedient man das gleiche Argument, das auch die Euthanasie-Fans benutzen – exakt das gleiche. Wenn erst die Legalität des Suizidassistenz ein offenes Gespräch zwischen Arzt und Patient möglich macht, wieso dann nicht Legalisierung von Sterbehilfe, um das Gespräch noch offener zu machen? Wenn es keine „Pflicht zum Leben“ gibt, wieso dann nicht Sterbehilfe? Das unterstreicht noch einmal, dass es absurd ist zu glauben, dass man durch die Legalisierung der Suizidassistenz irgendeinen Fortschritt in einer Diskussion oder gar einen Schritt zu mehr Lebensschutz machen könnte.

 

Eine verhängnisvolle Marginalie:
Marginal ist nicht die Bedeutung von assistiertem Suizid bei der Diskussion um Sterbehilfe, sondern der Unterschied zwischen Sterbehilfe und Suizidhilfe, wobei letztere auch Sterbebeihilfe genannt werden könnte. Es ist bereits gesagt worden, dass der assistierte Suizid nicht irgendein Damm gegen Sterbehilfe sein kann, sondern im Gegenteil der erste Riss im Wall. Das ist das große Problem. In der Hoffnung durch die Legalisierung der Suizidhilfe die Sterbehilfe zu verhindern, schafft man in Wahrheit die Bedingungen für sie. Man öffnet die Tore in der Hoffnung die Belagerung zu beenden, in Wahrheit lässt man die Barbaren in die Stadt.
Marginal ist auch der ethische Unterschied zwischen Tötung und Beihilfe zur Selbsttötung. Wieso soll es einen solchen Unterschied machen, ob er der Arzt dem Patienten das Medikament in die Hand gibt oder ihm spritzt? Wenn man meint Lebensschutz sei bloß ein Plädoyer gegen die Tötung von Menschen, dann gibt man sich einer sehr legalistischen Definition hin.

 

Literatur:
Gian Domenico Borasio – Selbstbestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert, wie wir es erreichen können, C.H. Beck, München, 2014

 

1 Siehe Kapitel 7 „Brauchen wir einen ärztlich assistierten Suizid? Ein Vorschlag für eine gesetzliche Regelung eines marginalen Phänomens“ aus seinem Buch: „Selbstbestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert, wie wir es erreichen können“
2 Gian Domenico Borasio – a.a.O, S. 109
3 a.a.O., S. 88
4 a.a.O., S. 102
5 ebd.
6 a.a.O., S. 103
7 a.a.O., S. 114
8 a.a.O., S. 101
9 a.a.O., S. 100

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