Ist Religion friedlich?

In Zeiten von ISIS und Islamismus hallt ein Postulat durch die Lande: ‚Religion ist friedlich und Gewalt im Namen Gottes falsch. Ein Krieg kann niemals heilig sein!‘ Interessant dabei ist, dass es nicht um eine spezifische Religion geht, sondern um Religion insgesamt und überhaupt. Es geht um die Aussage, dass Religion, richtig praktiziert und durchdacht, immer friedlich sei. Von einer „gewalttätigen Religion“ zu sprechen wäre demnach ein Widerspruch in sich, wie eine gerade Kurve.
Interessant dabei ist, dass so getan wird als handle es sich um eine selbstevidente Tatsache. Das zeigt sich auch darin, dass man, wenn man einem „heiligen Krieg“ spricht, das Wort „heilig“ in Anführungszeichen setzt, um auszudrücken, dass Krieg niemals heilig sein könne.
Die These Religion sei per se friedlich und bloß Extremisten würden diese missbrauchen, hat nicht nur keine Fakten, sondern ist auch eine sinn- und folgenlose These. Sie ist eine von vielen allgemeinen Sätzen, die, wie Wiesel Words, nichts aussagen.
Zuerst einmal ist es absurd von der Religion zu sprechen. So etwas wie „die“ Religion gibt es ebenso wenig, wie „die“ Philosophie, „die“ Weltanschauung oder „die“ politische Ideologie. Allein schon, dass die Definition des Begriffes wage ist, unterstreicht diesen Umstand. Von allgemeinen Prinzipien, wie etwa Gewaltlosigkeit, kann in keinster weise gesprochen werden. Es wäre ebenso absurd eine gleiche Aussage über politische Weltanschauungen zu machen. Zu behaupten Religion (in Singular) sei friedlich ist etwa so logisch, wie wenn jemand sagt, dass politische Philosophien friedlich seien. Ebenso sinnvoll ist die Aussage einiger religiöser Universalisten, die behaupten, dass alle Religionen „an den gleichen Gott“ glauben. „Die“ Religion und „den“ Gott (im Sinne einer, allen Religionen gemeinsamen, Wesenheit) gibt es nicht.
Dieser Vergleich zeigt, dass es um die Frage geht welche Religion friedlich ist. Ein Nationalsozialist wird Gewalt nicht nur legitimieren und gutheißen, sondern praktizieren und propagieren. Ein Demokrat dagegen wird derartiges scharf ablehnen. Die richtige Aussage, dass Gewalt für politische Zwecke illegitim ist, ist freilich ein Werturteil, das von einer bestimmten Ideologie ausgeht, ebenso wie die These, dass Religion Gewalt nicht rechtfertigen könne. Man geht hier von einer bestimmten Religionsphilosophie aus, die, ohne nähere Überlegung, für selbstverständlich gehalten wird, ohne eine genauere Prüfung.
Man bedarf keiner großen Kenntnis der Geschichte, um zu wissen, dass viele Religionen eben nicht friedlich sind: die Azteken vollzogen Menschenopfer, die Germanen hatten ihre Moorleichen, die Wikinger predigten das Kriegertum, die Priester der Kybele machten sich auf sehr schmerzhafte Weise zu Eunuchen usw.
Oft wird darauf hingewiesen, dass die Religionsstifter und religiösen Quellen Gewalt nicht predigen würden, daher die gewalttätigen Extremisten gerade die Religion verdrehen würden. Ohne auf jede Religion eingehen zu müssen, muss man dafür doch nur die Azteken heranziehen. Die Menschenopfer waren der Kern ihrer Religion und es wird wohl niemand behaupten, dass böse Extremisten die gute, aztekische Religion falsch verstanden und dann übernommen haben. Es waren also die religiösen Quellen (bei den Azteken freilich mehr mündliche Tradition) und damit die Religion selbst die gewalttätig ist.
Auch hier wieder: niemand würde behaupten, dass der Nationalsozialismus eigentlich keine Gewalt rechtfertige, sondern falsch verstanden worden wäre. Nicht nur die Anhänger, sondern diese Ideologie, ihre Quellen, selbst sind gewalttätig und böse.
Diese These, dass Religion als solche Gewalt niemals rechtfertigen könne, ihrem Wesen nach immer friedlich sei, und, dass wenn es gewalttätige Anhänger einer Religion gibt, diese die Religion missverstehen und missbrauchen würden, ist falsch und hat kein Argument bzw. keinen Beweisen zur Hand.
Bevor man die oben gemachten Argumente als Zustimmung zu den eigenen religionskritischen, atheistischen Überzeugungen versteht, muss auch Protest eingelegt werden gegen die gegenteilige These, dass Religion immer gewalttätig sei. So wie die ‚Religion ist Frieden‘ These eine Generalisierung ist, so ist auch die ‚Religion ist Gewalt‘ These pauschal. Ebenso sinnvoll wäre die These, dass politische Weltanschauungen (egal ob demokratisch, totalitär oder autoritär) gewalttätig wären. Das ist umso richtiger, wenn man unter metaphysische Weltanschauungen nicht nur Religion, sondern auch Atheismus und philosophische Schulen (wie die Stoa) subsumiert, wobei natürlich Atheismus ein ebenso unbefriedigender, ungenau bleibender, Begriff ist, da er nicht über die sonstigen – politischen, philosophischen und ethischen – Ansichten des konkreten Atheisten nichts aussagt. Man sollte sich nicht von eigenen, entweder der Religion zugeneigten oder ihr abgeneigten, Ansichten leiten lassen.
Im Allgemeinen sind generalisierende Thesen über „die“ Religion mit Vorsicht zu genießen. Man sollte lieber Aussagen über konkrete Religionen machen und diese dann an Hand von Quellen prüfen. Anstatt zu pauschal behaupten, dass der z.B. Islam, Kraft seines Daseins als Religion, gewalttätig oder friedlich sei, wäre ein Studium der islamischen Quellen angebracht. Ad fontes (lat. „zu den Quellen“) muss das Motto sei. Leider begnügt man sich bei vielen Themen, auch außerhalb von Religion und Philosophie, mit pauschalen Aussagen, Sekundärquellen und, als selbstverständlich und daher nicht zu hinterfragenden, Ansichten.
Ein Problem ist, dass wenn man z.B etwas über „den Platonismus wissen möchte, kaum auf den Gedanken kommt, eine Übersetzung von Plato aus dem Bücherregal zu nehmen … Eher greift man zu irgendeinem Wälzer, im dem alles Erdenkliche über ‚Ismen‘ und Einflüsse steht, aber nur alle zwölf Seiten einmal etwas, was Platon wirklich gesagt hat.“1 Die Aussagen in einem solchen Wälzer sind nicht unbedingt falsch, aber ad fontes wäre besser und logischer.
Anstatt also eine absurde Debatte zu führen und ein falsches Argument ins Feld zu führen, sollten wir lieber die, freilich etwas anstrengende, Arbeit auf uns neben die konkrete Religion oder Philosophie zu untersuchen, anstatt mit einem vorgefertigten Muster an die jeweilige Religion zu gehen, denn das tut man letztlich, wenn man der These folgt, weil man wird notwendigerweise immer versuchen die zu betrachtende Religion in das eigene Schema zu pressen, anstatt die Überzeugungen schlicht stehen zu lassen. Die religiöse Überzeugung von der Richtigkeit von Menschenopfern bedarf keiner religionsphilosophischen An-passung, vor allem da diese den Gegenstand verfälscht, um ihn in die eigene Philosophie zu zwängen, vielmehr sollte man seinen eigenen Geist vom Korsett dieser Ansicht befreien.

Literatur:
Clive Staples Lewis – Ich erlaube mir zu denken. Essays zu zeitgemäßen und unzeitgemäßen Fragen, 2. Taschenbuchauflage, Brunnen Verlag, Basel 2013

 

 

 

1 C.S. Lewis – Über das Lesen alter Bücher (in: Ich erlaube mir zu denken, S. 18)

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